Die Wahnsinnsrinder
Von Beate Kittl, Balcarce, Argentinien. Aktualisiert am 16.03.2010 7 Kommentare
Laterale Ernährung: Der Forscher Gustavo Depetris steckt Beutel mit Nahrung in den Magen der Kuh. (Bild: Beate Kittl)
Plupp. Wie eine Weinflasche entkorkt der Veterinär Gustavo Depetris ein Loch in der Flanke eines stämmigen Rindes. Durch den Plastikring, der die Öffnung abdeckt, steckt er den Arm bis zur Schulter in den Bauch der Kuh – direkt in den Pansenmagen. Neugierig wendet das Rind seinen weiss-braunen Kopf. Depetris zieht eine Handvoll halb verdauter, leicht säuerlich riechender Pflanzenmasse heraus. «Auf diese Weise erforschen wir die Verdauung von Futtermitteln direkt in der Kuh», sagt Depetris, der für das Nationale Institut für Agrartechnologie (Inta) Argentiniens arbeitet.
Doch damit nicht genug der künstlichen Öffnungen an dieser Kuh: Sie hat ausserdem eine Art Zapfhahn am ersten Teil des Dünndarms. Depetris zieht den Stöpsel aus der Kanüle und im Rhythmus der Darmbewegung schwappt grünlicher Verdauungssaft in eine Flasche. Insgesamt acht Rinder mit solchen künstlichen Magenöffnungen weiden hinter Depetris Labor in der Agrarforschungsanstalt von Balcarce, mitten in der Pampa, rund 500 Kilometer südlich der Hauptstadt Buenos Aires. Sie helfen dabei, das Geheimnis zu entschlüsseln, warum die weltberühmten Pampasteaks so schmackhaft sind.
Die Pampaweiden schwinden
Rindfleisch ist – neben Fussball – der Nationalstolz Argentiniens; der Konsum von über 70 Kilogramm pro Kopf und Jahr gilt hier als Menschenrecht. Doch das Bild des Landes, in dem glückliche Rinder auf immensen Pampaweiden grasen, wandelt sich: Die Produktionsfläche sinkt, da immer mehr Land für den lohnenderen Sojaanbau umgenutzt wird. In der letzten Dekade wurde Weideland von einem Viertel der Fläche der Schweiz zu Äckern umgepflügt. Jedes dritte Kalb wird bereits in Korralen mit Maispellets gemästet, statt frei grasend heranzuwachsen.
Um unter diesen Bedingungen sowohl die Qualität als auch die Produktionsmenge aufrechtzuerhalten, läuft in der Agrarforschungsstation in Balcarce die Rundumerkundung der Kuh: von dem, was vorne hineinkommt, über sämtliche Prozesse in ihrem Inneren bis zu dem, was sich in Fleisch oder Milch wiederfindet. Nichts wird dem Zufall überlassen – weder die Grasmischung der Weiden noch die Futterzusätze und schon gar nicht die genetische Optimierung der Rassen, bei der auch die Gentechnologie zum Einsatz kommt.
Gustavo Depetris erforscht Futterzusätze, die Fleischeigenschaften verbessern oder das Wachstum beschleunigen. Dazu steckt er seinen durchlöcherten Kühen kleine, weisse Nylonbeutel in den Magen, die unterschiedliche Futterstoffe enthalten. «Das tut ihnen nicht weh», sagt der Tierarzt. «Dies ist eine gängige Methode in der Erforschung von Futtermitteln.» Nach zwei bis drei Tagen zieht er die Beutel heraus, trocknet und misst die Restsubstanz und erfährt so, wie schnell und wie gründlich die Nahrung aufgenommen wurde. «Unsere Frage ist es, wie man die guten Eigenschaften des Gras-Fleischs künstlich erzeugen kann», sagt er.
Unterschiede im Fleisch
Denn Fleisch von Gras fressenden Rindern schmeckt nicht nur besser, es soll auch gesünder sein als das von Mastvieh: Es hat einen höheren Anteil an Omega-3-Fettsäuren und Linolsäure, die Herz-Kreislauf-Krankheiten vorbeugen, sowie an Vitamin E. Eine Körnerdiät des Rindes hingegen erhöht den Anteil schädlicher Fettsäuren. «Zudem schmeckt das Fleisch nach Schwein», urteilt der Agronom Enrique Pavan, Leiter des Labors für Fleischqualität.
Pavan analysiert die Zusammensetzung des Fleischs von unterschiedlich gefütterten Rindern. Seine Versuchstiere – ganz normale Hereford- und Angusrinder – grasen friedlich auf einer nahen Weide. Der Forscher steckt ein Glasröhrchen mit Fleischextrakt in einen Gas-Chromatografen, eine Computergrafik macht die Anteile verschiedener Proteine und Fettsäuren als unterschiedlich hohe Zacken sichtbar. «Wir wollen wissen, wie viel Getreide wir dem Rind zufüttern können, ohne die guten Fleischeigenschaften zu verlieren», sagt Pavan. Gibt man Mastrindern ausserdem Zusätze von Leinsamen oder Leinöl, so Pavans bisherige Befunde, hat deren Fleisch ähnliche Qualitäten wie jenes von einem Weiderind.
Auf den schier endlosen Pampaweiden produziert Argentinien zwar das beste Fleisch der Welt, aber auch eine gewaltige Menge des Klimagases Methan. Das Gas entsteht bei der Vergärung im Pansen von Wiederkäuern; es heizt die Erdatmosphäre 23-mal stärker auf als Kohlendioxid. Die Kühe der Welt gelten als gewichtige Mitverursacher des Klimawandels, Südamerikas Vieh stösst ein Viertel der Gesamtmenge aus. Deshalb widmet sich der Ernährungswissenschaftler Daniel Garciarena den Rülpsern der Kuh. «Labor des Pansens» steht auf einem Schild an der Tür zu seinem Arbeitsplatz, hier simuliert Garciarena das Kuh-Verdauungssystem in gläsernen Gärtanks. «Wenn die Fermenter laufen, riecht es hier sehr unangenehm», sagt er lachend.
Antibiotika gegen Methangase
Auch die Bauern haben ein Interesse daran, die Methanproduktion der Kühe zu reduzieren, denn dabei geht wertvolle Futterenergie verloren. So mengen sie Antibiotika wie Monensin ins Futter, das die Methan erzeugenden Bakterien hemmt und die Futterverwertung um ein Zehntel erhöht. Das Problem: Monensin ist in der Europäischen Union seit 2006 als Leistungsförderer verboten, in der Schweiz schon längst. «Wir suchen darum nach natürlicheren Substanzen, die den Methanausstoss reduzieren», sagt Garciarena. Ein hoffnungsvoller Kandidat scheint das Bienenharz zu sein, ein antibiotisch wirkendes Wachs aus Bienenstöcken, das künftig in Futterpellets gemischt werden könnte.
Hochtechnologisch geht es in Balcarce auch bei der Zucht und der genetischen Optimierung der Tiere zu. Argentinien ist eines der wenigen Länder, die gentechnisch veränderte Kühe klonen: Im Hochsicherheitsstall der Firma Biosidus stehen 33 Klonkühe, die in ihrer Milch entweder Insulin oder menschliche Wachstumshormone produzieren.
Kuh mit bis zu 100 Kälbern
Für die Fleischproduktion ist diese Technik allerdings viel zu teuer. Um die Eigenschaften von besonders guten Fleisch- oder Milchkühen zu erhalten, setzt man auf den Embryonentransfer. Es ist der gleiche Prozess wie bei der Eizellenspende beim Menschen: Die Kuh wird hormonell stimuliert, um mehrere Eizellen zu produzieren, welche entnommen und Empfängerkühen eingepflanzt werden. «So kann eine besonders gute Kuh in ihrem Leben statt 6 bis 7 Kälber 50 oder 100 Nachkommen haben», sagt Ricardo Alberio, Leiter der Gruppe Reproduktionsbiotechnologie. Sie kann sogar über den Tod hinaus Mutter werden: Der Bauer bringt die Eierstöcke einer besonders guten Kuh, die geschlachtet werden musste, im Institut vorbei. Eine Laborantin saugt mit einer Kanüle die Eizellen heraus, die befruchtet und in eine andere Kuh eingesetzt werden.
So wird in der Fleischforschungsanstalt der Lebenslauf des Rindes perfektioniert – von der Geburt bis zum Schlachthof.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 16.03.2010, 04:00 Uhr
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7 Kommentare
Ich finde es unglaublich, wie sich die Menschheit entwickelt, solche Taten auch noch im Zuge des Gesamtwohls rechtfertigt. Was mich am meisten fertig macht, ist die Machtlosigkeit dagegen. Wann kapiert der Mensch endlich, dass wir nur Gast auf dieser Erde sind und wir nicht das Recht haben, Tiere derart zu quälen und auch noch glauben, das gefällt. Tief entsetzt und beschämt ein Mensch zu sein. Antworten
Die Autorin dieses Artikels verliert kein Wort über das Wohl der Tiere. Sie zitiert nur den involvierten Forscher, der wohl kaum unvoreingenommen ist: "«Das tut ihnen nicht weh», sagt der Tierarzt." Sagt dazu vielleicht noch sonst jemand etwas? Jemand, der die Sache kritisch betrachtet? Dieser Artikel zeigt, warum es TierschutzanwältInnen braucht: das Wohl der Tiere wird konsequent ausgeblendet. Antworten










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