Die vier Säulen des Zoos

Moderne Zoos rechtfertigen sich mit Bildung, Artenschutz, Forschung, Erholung. Nichts davon stimmt.

Knut half der Plüschtierindustrie, nicht der Arktis. Foto: Sean Gallup (Getty Images)

Knut half der Plüschtierindustrie, nicht der Arktis. Foto: Sean Gallup (Getty Images)

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Während Zoos seit ihren Gründertagen Anfang des 19. Jahrhunderts lange ausserhalb jeder Kritik standen, gerieten sie Mitte der 1970er unter massiven Druck: Im Zuge des Washingtoner Artenschutzübereinkommens 1973, das den bis dahin völlig unkontrollierten Handel mit vom Aussterben bedrohten Tierarten erheblich einschränkte, trat erstmalig ins öffentliche Bewusstsein, welch enormen Anteil die für Zoos getätigten Wildfänge daran hatten, dass viele dieser Tierarten überhaupt erst an den Rand des Aussterbens gebracht worden waren. Für jedes in einem Zoo ausgestellte Tier waren zahllose Tiere der gleichen Art beim Fang oder während des Transports zu Tode gekommen.

Es entspann sich eine breite Debatte, ob Zoos weiterhin eine Berechtigung hätten. Diese sahen sich gezwungen, eine Selbstlegitimation zu entwickeln. Mit Rückgriff auf eine Schrift des Zürcher Zoodirektors Heini Hediger einigten sie sich darauf, Zoos hinfort als auf vier Säulen stehend zu präsentieren: Bildung, Artenschutz, Forschung, Erholung. Seither ist von diesen «vier Säulen» die Rede, die, immun und immunisierend gegen jede Kritik, als Grundlage tiergärtnerischen Handelns ausgegeben werden.

Durch Zoos, heisst es, würden jährlich zig Millionen Menschen wertvolle Tier- und Artenkenntnisse erhalten. Und dadurch für die frei lebenden Artgenossen sensibilisiert und damit für den Umweltschutz. Diese Argumentation zählt zu den groteskesten Verrenkungen, mit denen Zoos ihre Existenz rechtfertigen. Tatsächlich hat die Zurschaustellung etwa des Eisbären Knut im Berliner Zoo allenfalls die Zookasse zum Klingeln gebracht und vielleicht noch die der Plüschtierindustrie, mit Blick auf den Schutz der Arktis hat sie nicht das Geringste bewirkt. Wäre es so, wie die Zoos behaupten, müssten sich heute zig Millionen Menschen, die als Kinder Zoos besuchten, für den Schutz der Tiere einsetzen. Was sie nicht tun.

Tatsächlich werden die Zoobesucher den Tieren gegenüber nicht sensibilisiert, sondern systematisch desensibilisiert. Mit allen zu Gebote stehenden Mitteln suchen die Zoos zu verhindern, dass das Leid der eingesperrten Tiere ins Gewahrsein tritt. Zunehmend werden die Tiere in Kulissen präsentiert, die dem Besucher vorgaukeln, sie befänden sich in ihren natürlichen Heimaten. Die gefangen gehaltenen Tiere haben von den vielfach nur auf Beton gemalten Dschungelmotiven nichts, auch werden ihre Gehege dadurch nicht grösser, dass sie in «zeitgemäss» ausgestatteten Zoos mit Panzerglas und Elektrodraht statt mit Gittern begrenzt sind.

Auch die Behauptung der Zoos, der rapide schwindenden Artenvielfalt durch Erhaltungszucht entgegenzuwirken, hält der Überprüfung nicht stand. Zuchtprogramme gibt es nur für ein paar wenige Arten, und für noch viel weniger gibt es Wiederansiedelungsprojekte: Alpensteinbock, Bartgeier, Przewalskipferd, Wildesel und ein paar andere, sprich: für einen minimalen Prozentsatz. Für die Mehrzahl in Zoos nachgezüchteter Arten ist Auswilderung weder vorgesehen noch möglich. Zoos züchten für Zoos.

Wirkliches Engagement von Zoos für die Tierwelt vor Ort findet sich nur sehr vereinzelt. Die Unterstützung irgendwelcher In-situ-Projekte ist als reines Greenwashing zu werten, die jeweiligen Förderbeträge liegen bestenfalls im Promillebereich des Werbebudgets. Gleichzeitig werden zig Millionen an Steuergeldern für den Bau immer neuer «Erlebniswelten» ausgegeben. Gelder, mit denen riesige Schutzgebiete in Afrika oder Südostasien ausgewiesen und so echter «Artenschutz» betrieben werden könnte.

Zoos verstehen sich als wissenschaftsorientierte Forschungseinrichtungen. Bei näherer Hinsicht bleibt auch davon nicht viel übrig. Tatsächlich richten sie ihr Forschungsinteresse in erster Linie auf Fragen und Probleme, die es ohne Zoos gar nicht gäbe.

Gerne argumentieren Zoos auch, sie dienten der Erholung naturentfremdeter Grossstädter. Während es jedem Menschen unbenommen ist, Erholung zu suchen, wo und wie immer es ihm beliebt, stösst diese Freiheit an ihre Grenzen, wenn Mensch, Tier oder Natur dabei beeinträchtigt oder geschädigt werden.

Im Zoo leiden Tiere für das Vergnügen der Menschen. Mit stetem Verweis auf ihre «vier Säulen» suchen Zooverantwortliche jedweden tierethischen Diskurs darüber zu unterbinden.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.12.2016, 23:15 Uhr

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