Eine Qual für den Aal

Eine schnelle Sanierung der Aufstiegshilfen bei Kraftwerken ist für Fische überlebenswichtig, wie eine neue Studie des Wasserforschungsinstituts Eawag in Dübendorf zeigt.

Vorbildlich: Wasserkraftwerk Rheinfelden mit Umgehungsgewässer und verschiedenen Einstiegsmöglichkeiten für Fische (links). Foto: Vario Images

Vorbildlich: Wasserkraftwerk Rheinfelden mit Umgehungsgewässer und verschiedenen Einstiegsmöglichkeiten für Fische (links). Foto: Vario Images

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Fische haben es nicht leicht. Eine Flusswanderschaft wird jeweils zum Hindernisparcours. Allein im Einzugsgebiet des Hochrheins, der zwischen Bodensee und Basel fliesst, unterbrechen 37 Wasserkraftwerke und zwei Wehre den Strom. Zwar haben die Kraftwerksbetreiber bei gut 30 künstlichen Hindernissen eine Aufstiegshilfe eingerichtet, damit die Fische stromaufwärts ihre Laichplätze erreichen können. Dennoch: Die jüngsten Zahlen des Bundesamts für Umwelt sind erstaunlich. Im Bericht «Renaturierung der Schweizer Gewässer» heisst es: «Von den gesamtschweizerisch 2075 kraftwerksbedingten Wanderhindernissen müssen bei 970 der Fischaufstieg, der Fischabstieg oder beide Wanderkorridore wiederhergestellt werden.» Das Gewässerschutzgesetz schreibt vor, dass die Sanierungen bis 2030 umgesetzt sein müssen.

«Wir müssen schnell handeln für unsere einheimischen Fische», sagt Benjamin Leimgruber von der Organisation Aqua Viva, die sich für intakte Gewässer in der Schweiz einsetzt. Eine eben erschienene Studie des Wasserforschungsinstituts Eawag in Dübendorf zeigt nun, wie wichtig durchgängige Wanderrouten für die Fische sind. Alexandre Gouskov dokumentiert in seiner Doktorarbeit erstmals, dass Fischtreppen nicht nur erprobte Aufstiegshilfen sind, sondern tatsächlich auch Fischpopulationen zusammenführen und damit die genetische Vielfalt verbessern. Ein Wasserkraftwerk oder ein Wehr baut eine Barriere auf, als würde man Fischpopulationen in einer Distanz von 100 Kilometern isolieren. Das heisst: Es gibt praktisch keinen genetischen Austausch. Eine Fischtreppe hingegen, so heisst es in der Studie, verringert diese Distanz auf 12 Kilometer.

Frühere Studien zeigen, dass die genetische Vielfalt für eine Fischpopulation überlebenswichtig ist. Es gilt generell: Je besser die Diversität, desto grösser ist die Chance, dass sich Tiere einer veränderten Umwelt anpassen können. «Neun Arten sind schon ausgestorben, und mehr als die Hälfte ist bedroht», sagt Gewässerschutzexperte Benjamin Leimgruber.

Modellfisch Alet

Die Eawag-Forscher betrieben für ihre Studie einen grossen Aufwand. Sie nahmen im Einzugsgebiet des Hochrheins an 47 Stellen – vor und nach den Kraftwerken – Proben. Sie fingen jeweils mithilfe von elektrischem Strom im Durchschnitt 50 Alet. Die Tiere wurden betäubt, vermessen – und es wurde für die genetischen Untersuchungen stets eine kleine Gewebeprobe von der Schwanzflosse genommen.

Der Alet (Squalius cephalus) eignet sich laut Wissenschaftler sehr gut als Modellfisch: Der 40 bis 50 Zentimeter lange Weissfisch hat keinen ökonomischen Wert, weil er kein Speisefisch wie zum Beispiel die Forelle ist. Deshalb wird er in der Schweiz in den Flüssen nicht ausgesetzt. Das heisst: Sein genetisches Material ist unverfälscht. Zudem gehört der Alet zu den häufigsten Fischen in den Schweizer Gewässern – und er wandert bis zu 16 Kilometer flussaufwärts zu den Laichplätzen.

Nicht alle Fische kommen jedoch mit Fischtreppen zurecht, die in der Schweiz sehr verbreitet sind. Diese Bauten bestehen in der Regel aus Becken, die stufenweise aneinandergereiht werden. Die Kunst ist, die Höhe der Becken so zu wählen, dass auch schwimmschwache Fische die Barriere überwinden können. Dazu braucht es einen Lockstrom, damit die Fische den Eingang der Fischtreppe auch finden. «Forellen zum Beispiel können starke Strömungen überwinden, die für manche Kleinfischarten nicht zu bewältigen sind», sagt der Fischbiologe Bänz Lundsgaard-Hansen von der Schweizerischen Fischereiberatungsstelle. So gibt es beim Kraftwerk Rheinfelden seit einigen Jahren verschiedene Fischpässe: Steinrampen, Umgehungsgewässer, Schlitzpässe. Damit konnten die Kraftwerksbetreiber die Zahl der Fische und Fischarten, welche die Korridore durchwandern, massiv erhöhen. Trotzdem können auch Fischtreppen die problematischen Effekte nicht vollständig aufheben. «Wenn Fische mehrere Wanderhindernisse überwinden müssen, kann es trotz gut funktionierenden Anlagen zu Wanderverzögerungen kommen und die Fische erreichen die Laichplätze zu spät», erklärt Lundsgaard-Hansen.

Prekäre Lage ohne Abstiegshilfe

Kommt hinzu: Es gibt zwar Fischaufstiege, aber praktisch keine Abstiege bei Kraftwerken in der Schweiz. «Es braucht langfristig beide Einrichtungen», so der Fischbiologe der Fischberatungsstelle. Denn nur ein Bruchteil der Flussströmungen fliesst über die Fischtreppen. Fische suchen nicht aktiv den Einstieg, sondern lassen sich mit der Hauptströmung treiben. So geraten viele in die Turbinen. Grössere Fische können sich verletzen oder werden getötet. Jungfische durchqueren Turbinen sicherer als erwachsene Tiere, sind aber auch nicht gefeit gegen die mechanischen Kräfte oder den schnellen Druckunterschied.

Zu den Betroffenen gehört laut Aqua-Viva-Fachmann Benjamin Leimgruber der Aal. «Zum Beispiel im Hochrhein, wo es elf Kraftwerke gibt, wird es ohne Abstiegshilfen für den Aal sehr prekär.» Eine Lösung gäbe es auch hier: Laborversuche an der ETH Zürich zeigen, dass mit Leitwehren die Fische an den Turbinen vorbeigeführt und in künstliche Umgehungsgewässer oder zum Wehrüberfall gelenkt werden können. In den USA sind solche Vorrichtungen bereits im Einsatz. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 10.01.2016, 18:37 Uhr)

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Fischhindernisse

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Fischwanderung.ch

Starkes Erlebnis, gute Idee

Es war vor vier Jahren, als Eva Baier, Studentin für Umweltwissenschaften an der ETH Zürich, eine Beobachtung machte, die sie nicht mehr losliess: Sie sah, wie Fische vergeblich am Sihlhölzliwehr in Zürich in den Beton sprangen. Das vier Meter hohe Wehr war ein unüberwindbares Hindernis. Das Erlebnis motivierte sie, das Projekt «Fischwanderung.ch» zu lancieren. Mit einer provisorischen Fischtreppe, die rasch gebaut ist und vergleichsweise wenig kostet, sollen Flüsse für Fische durchgängig werden.

Tausende Schwellen und Betonrampen behindern Fische auf ihren Wanderungen. Die Aufstiegshilfe soll die Zeit überbrücken, bis das vorhandene Hindernis revitalisiert wird. Vor allem im Siedlungsgebiet, wo die Zustände der Flüsse besonders problematisch sind. Aufweitungen oder Umgehungsrinnen sind aus Platz- und Geldmangel nicht einfach zu realisieren. Laut Gesetz müssen zahlreiche Hindernisse von den Kantonen bis 2090 beseitigt werden.

So beschäftigte sich Eva Baier in den letzten Jahren intensiv mit dem Thema und tat sich mit der Firma Walter Reist Holding in Hinwil zusammen. Sie wurde mit der Fischtreppe «SteffStep» beim Kanton Zürich vorstellig, die Baier nun im Rahmen ihrer Masterarbeit auf ökologische Tauglichkeit getestet hat. Seit Mai 2015 ist eine SteffStep an der Töss bei Kollbrunn installiert. Mitte Februar wird Eva Baier die Arbeit abschliessen. Ergebnisse darf sie noch nicht bekannt geben. Was sie aber weiss: Es braucht weitere Untersuchungen. Während des trockenen Herbstes ist teilweise wenig Wasser durch die Anlage geflossen. Zudem gibt es noch keine Daten darüber, wie die Fischtreppe bei Hochwasser funktioniert. Aber: «Einige Bachforellen sind schon durchgewandert», sagt Baier. Bis sich die SteffStep als Lösung anbiete, brauche es aber noch Versuche an anderen Standorten mit weiteren Fischarten. (lae)

www.fischwanderung.ch

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Fischtreppe Steffstep mit optimiertem Einstieg. Video: Eva Baier

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