Eine gigantische Verschwendung

Die medizinische Forschung hat ein Qualitätsproblem: Viele Studien sind schlecht gemacht, werden nicht publiziert oder untersuchen die falschen Fragen. Fachleute fordern weitgehende Massnahmen.

Tablettenration für eine Woche: Viele klinische Studien sind nicht relevant für die Behandlung von Patienten.

Tablettenration für eine Woche: Viele klinische Studien sind nicht relevant für die Behandlung von Patienten. Bild: Keystone

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Die Zahl erscheint unglaublich hoch: 85 Prozent der Investitionen in die biomedizinische Forschung, also rund 200 Milliarden Dollar, werden weltweit verschwendet. Zwar hat sich in der Zeit seit dieser Schätzung im Jahr 2009 einiges verbessert. Jedoch noch lange nicht genug, diagnostiziert ein internationales Wissenschaftlerteam in der aktuellen Ausgabe des Fachjournals «Lancet».

Die Autoren bringen damit ein Thema aufs Tapet, welches Mediziner weltweit schon eine Weile umtreibt: Bei klinischen Studien steckt so vieles im Argen, dass eine Glaubwürdigkeitskrise droht. Dieser Meinung ist auch Peter Meier-Abt, Präsident der Schweizerischen Akademie der Medizinischen Wissenschaften. «Wenn es so weitergeht, dann bin ich nicht sehr optimistisch», sagt er. Neu ist dabei vor allem das Ausmass, denn die klinische Forschung hat in den letzten Jahren massiv zugenommen.

Die Forscher im «Lancet» orten vier Problempunkte:

  • Forschungsfragen: Häufig sind klinische Studien nicht relevant für die Behandlung von Patienten. Umgekehrt werden wichtige Fragestellungen gar nicht untersucht. Zudem startet mehr als die Hälfte der Studien, ohne den aktuellen Forschungsstand zu berücksichtigen.
  • Studienqualität: Viele Studien sind zu klein und haben keine statistische Aussagekraft. Andere verwenden falsche Analysemethoden oder haben andere Probleme. «50 bis 70 Prozent der veröffentlichten Studien haben qualitative Mängel», sagt Peter Jüni, Direktor des Instituts für Sozial- und Präventivmedizin der Universität Bern.
  • Regulation: Vorschriften werden zunehmend zu einer Last. Statt die Interessen der Patienten und der Bevölkerung zu schützen, kann dies bei wichtigen Studien genau das Gegenteil bewirken – etwa wenn unrealistische Auflagen die Durchführung verzögern oder verhindern.
  • Veröffentlichung: Über 50 Prozent aller durchgeführten Studien – insbesondere jene mit negativen oder unvorteilhaften Resultaten – werden nie oder dann mit verfälschter Darstellung der Resultate veröffentlicht.

Alle sind schuld

An dem Missstand sind nach Überzeugung der «Lancet»-Autoren sämtliche Akteure beteiligt, so auch die Industrie, die sich bei ihren Studien oft von kommerziellen Motiven leiten lasse. Jüni hat dafür kein Verständnis, findet die Beweggründe jedoch nachvollziehbar: «Die Folgen von negativen Studienresultaten sind manchmal massiv. Börsenkurse können einbrechen und Manager ihren Job verlieren.» Wenn die Firmen von Gesetzes wegen verpflichtet wären, alle Daten offenzulegen, würde sich die Situation schnell entschärfen, auch für die Manager, so Jüni.

Auch die Fachjournale, die mit spektakulären Resultaten mehr verdienen, sind Teil der Fehlentwicklung. Genauso wie Regierungen, Politiker und Behörden, die falsche Regulation und Anreize verantworten. Und schliesslich sind auch die Mediziner und akademischen Institutionen, die Studien durchführen und den Nachwuchs ausbilden, mitschuldig.

Als wichtige Massnahme, um unnötige medizinische Forschung zu verhindern, fordern die «Lancet»-Autoren, dass klinische Studien künftig voll zugänglich sein müssen: Protokolle und Pläne sofort bei Studienbeginn, Rohdaten und Ergebnisse nach Studienabschluss. «Eine klinische Studie nicht zu veröffentlichen, ist unethisch und kein Kavaliersdelikt», betont Jüni. Die Öffentlichkeit mache solche Studien überhaupt erst möglich, indem sie diese finanziert und an ihnen teilnimmt. «Es gibt deshalb keinen Grund, nicht alles vollständig zu veröffentlichen.»

International sind inzwischen Bestrebungen im Gang, dies zu verbessern. In der Schweiz schreibt das soeben in Kraft getretene neue Humanforschungsgesetz vor, dass klinische Studien künftig öffentlich zugänglich sein sollen. Jüni mahnt allerdings zu einer pragmatischen Umsetzung: «Die Schweiz könnte sich mit einer schlanken und effizienten Regulation einen Vorteil verschaffen.» Heute werde in der Qualitätssicherung häufig jeder Datenpunkt vor Ort kontrolliert, obwohl gar nicht erwiesen sei, dass dies zu verlässlicheren Studien führe. «Auf der anderen Seite wird nicht systematisch überprüft, ob Resultate überhaupt publiziert werden», so Jüni.

Weitere Qualitätssteigerungen könnten mit einer besseren Ausbildung der in Studien involvierten Personen erreicht werden. Wichtig wäre aber auch, dass Forschende mehr Freiraum erhielten, sagt Meier-Abt. «Gute klinische Forschung braucht vor allem genügend Zeit.» Etwa dank weniger, dafür guter Studien: «Vielleicht müssten wir bei den Ethikkommissionen auch mehr den Mut haben, durchschnittliche und schlechte Studien abzulehnen.»

Staatliche Forschung

Die Qualität würde auch steigen, wenn die öffentliche Hand genügend Geld zur Verfügung hätte, um solche zu finanzieren. Auf diese Weise könnten wichtige Fragestellungen untersucht werden, an denen die Pharmafirmen kein Interesse hätten, etwa der Direktvergleich von zwei zugelassenen Medikamenten. «Es ginge jährlich um 50 bis 100 Millionen Franken», sagt Jüni. Angesichts der jährlichen Gesundheitskosten von mehr als 65 Milliarden sei dies eine absolut unbedeutende Summe.

Gut möglich, dass die Artikelserie im «Lancet» tatsächlich etwas ändern wird. Jüni ist optimistisch: Gerade wegen solcher einzelner Initiativen habe in den letzten 20 Jahren die Qualität der Studien bereits deutlich zugenommen. Zudem: «Trotz der Reibungsverluste gab es in der Medizin exorbitante Fortschritte», sagt er. So ist beispielsweise bei den Herz-Kreislauf-Erkrankungen in den letzten 25 Jahren die Sterblichkeit stark gesunken. Zur Hälfte wahrscheinlich wegen der Prävention, zur Hälfte wegen verbesserter Therapie. «Das Glas ist halb voll, nicht halb leer», sagt Jüni.


Interview zur Krise in der Medizinforschung www.meier-abt.tagesanzeiger.ch

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 11.01.2014, 06:45 Uhr)

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