Elefanten nur noch durch das Gitter hindurch pflegen
Von Martina Frei. Aktualisiert am 22.04.2009 1 Kommentar
9000 statt 1500 Quadratmetern als Lebensraum
Ganz verzichten auf die Elefanten will der Zoo Zürich nicht. Fernsehfilme würden das direkte Erleben dieser «unglaublich eindrucksvollen Tiere» nicht ersetzen, findet Ewald Isenbügel, der ehemalige Zootierarzt. «Nicht jeder kann nach Asien oder Afrika fahren und Elefanten in der Natur beobachten. Die Elefanten im Zoo sind Botschafter ihrer bedrohten Artgenossen in der Wildnis. Sie sollen auf die schwindenden Lebensräume ihrer Verwandten hinweisen.»
In Zürich werden den Elefanten im neuen Gehege rund 9000 Quadratmeter zur Verfügung stehen. Bisher leben sie auf einer sechsmal kleineren Fläche. In der Natur würden die Tiere – abhängig vom Wasser- und Futterangebot – täglich mehrere Kilometer zurücklegen, sagt Isenbügel. Wild lebende asiatische Elefanten durchwandern pro Jahr ein Areal von 100 bis zu 500 Quadratkilometern.
Futter muss verdient werden
Um ihnen im Zürcher Zoo möglichst viel Bewegung und Beschäftigung zu geben, legen die Pfleger das Futter immer wieder an anderen Stellen aus. Grün Stadt Zürich liefert zudem ganze Lastwagenladungen voller Äste und Laub aus den Zürcher Wäldern. «Das ist ausgezeichnet, um die Tiere zu beschäftigen», sagt Ewald Isenbügel.
«Aus tierschützerischer Sicht ist es sehr schön, wenn die Elefanten mehr Platz bekommen», sagt Barbara Kerkmeer, Projektleiterin beim Tierschutzbund. «Aber wenn die Haltungsbedingungen sich verbessern, ist zu erwarten, dass erfolgreicher gezüchtet werden kann. Und der Elefanten-Nachwuchs muss irgendwo untergebracht werden. Die Tiere können nicht alle im Zoo bleiben.» Kerkmeer befürchtet deshalb, dass die Jungtiere auch an Zirkusse abgegeben werden könnten. «Diese Tiere werden ihr ganzes Leben in Gefangenschaft verbringen, um die Bedürfnisse des Menschen – auch kommerzielle – zu befriedigen.» (mfr)
Kaum betritt Bettina Aeschbach das Gehege, scharen sich die Elefanten um sie. Sofort beginnt die 41 Jahre alte Druk mit ihrem Rüssel an Aeschbach «herumzufingern». «Die Elefanten schätzen den Kontakt mit den Pflegern ungemein», sagt Ewald Isenbügel, der langjährige ehemalige Zootierarzt, der die Szene beobachtet. «Wie die mit den Pflegern kommunizieren und ihre Nähe suchen, ist eindrücklich.» Schon drängt sich der Kleinste, der dreijährige Fahim, nach vorne, streckt Bettina Aeschbach die Zunge heraus und will dort gekrault werden. Aeschbach erfüllt seinen Wunsch.
Wenn der neue, grosse Elefantenpark gebaut sein wird, für den der Zoo derzeit Spenden sammelt, wird Bettina Aeschbach keinen solch engen Kontakt mehr zu «ihren» Elefanten pflegen. Denn im neuen Gehege werden die grossen Tiere nicht mehr im direkten Kontakt versorgt, sondern im sogenannten geschützten Kontakt. Das heisst: Eine Sicherheitsabgrenzung wird die Elefanten von ihren Pflegern trennen. Um Unfälle zu vermeiden, hat sich der Zoo zwischen dem freien Kontakt und gar keinem Kontakt, wie er bei den Löwen praktiziert wird, für diesen Mittelweg entschieden.
Musth macht die Bullen gefährlich
Denn bei der Elefantenhaltung gibt es eine traurige Faustregel: pro Bulle ein schwerer, oft tödlicher Unfall mit einem Menschen. Dies sei durch Schwierigkeiten bei der Bullenhaltung bedingt, legt Isenbügel dar. Auch in Zürich kam es schon zu einem solch tragischen Ereignis: Am Weihnachtstag 1947 erdrückte der Elefantenbulle Chang II seinen langjährigen, erfahrenen Tierpfleger mit dem Rüssel.
Die Geschichte der Elefantenhaltung in Zoos und Zirkussen ist voll von solchen Vorfällen, die fast immer auch das Ende für den Bullen bedeuten. Grund für die meisten dieser Unglücke ist die sogenannte Musth. «In dieser Phase können die Bullen blitzartig aggressiv werden», erklärt Ewald Isenbügel. Drei bis fünf Wochen pro Jahr dauert die Musth bei wild lebenden Elefanten, bei Zootieren kann sie deutlich länger anhalten. Der Zürcher Bulle Maxi hat Musth-Phasen von vier bis neun Monaten pro Jahr.
Der stechende Blick des Bullen
Bisher war der Zürcher Elefantenbulle dank seiner Ausbildung gut zu handhaben. Ungefährlich ist seine Versorgung in dieser Zeit aber nicht. «Bei Maxi setzt die Musth plötzlich ein, was am Wechsel seines Verhaltens erkennbar ist. Er wird böse und versucht den Wasserschlauch (...) zu entreissen. Er lässt den ranghöchsten Tierpfleger nicht aus den Augen, und seine Augen nehmen einen stechenden Blick an.» So beschrieben der Zürcher Zoodirektor Alex Rübel und der ehemalige Elefantenchefpfleger Ruedi Tanner 1993 das Phänomen beim Zürcher Elefantenbullen und warnten: «Die ersten Symptome sind oft schwer erkennbar, was für den, der sie nicht realisiert, sehr gefährlich sein kann.»
Grund für die plötzliche Wesensänderung in der Musth ist ein Anstieg des Geschlechtshormons Testosteron. Bei den Tieren in Zoos oder Zirkussen richtet sich die dadurch hervorgerufene Aggression zuerst gegen den Pfleger, denn dieser wird von den Tieren als «Alphatier» betrachtet.
In der Natur dient die Musth vermutlich dazu, den Junggesellen-Bullen so viel Aggressivität zu verleihen, dass sie in die matriarchal geführten Elefantenherden eindringen und sich Zugang zu einzelnen Weibchen verschaffen können. Auch den Kampf mit ranghöheren Bullen nehmen die Tiere während der Musth auf.
Auf dem Höhepunkt seiner Aggressivität greife Maxi «alles und jedes an und ist auch bereit, jederzeit eine sich ihm nähernde Person zu töten. Sein Verhalten erscheint richtiggehend provokativ», schilderten Rübel und Tanner den Zustand.
«Im Umgang mit Elefanten gibt es viele Situationen, wo es brenzlig wird», sagt auch Bettina Aeschbach. Als beispielsweise Anfang Februar landesweit die Sirenen getestet wurden, seien die kleinen Elefanten in Panik geraten. Die ganze Herde habe sich davon anstecken lassen. «Dann rennen die Elefanten herum und brüllen, schlimmer als Raubtiere», schildert Aeschbach den Aufruhr. Die Tierpfleger hätten nur noch rasch das Weite suchen können.
Vom ersten Tag an wird geschubst
Doch auch wenn keine Sirenen heulen, genügt nur schon ein Schubs eines Elefantenbabys – und der Pfleger geht zu Boden. «Bei der Geburt wiegen die Kleinen 140 Kilogramm. Sie versuchen vom ersten Tag an, einen zu schubsen», sagt Aeschbach.
Deshalb müssen die Elefantenpfleger von Anfang an klarstellen, wer das Kommando hat. Will ein Elefant partout nicht hören, helfen sie notfalls auch mit einem Stupf durch einen stumpfen Elefantenhaken nach. «Wir sagen das nicht gern öffentlich, weil manche Besucher so etwas nicht erwarten und die Hintergründe nicht verstehen», sagt Aeschbach.
Rangfolge muss klar sein
Für die Sicherheit der Pfleger sei es jedoch unabdingbar, dass die Rangfolge zwischen Pflegern und Elefanten klar ist, sind sich Aeschbach und Isenbügel einig. «Die Tiere müssen von klein auf lernen, wo ihre Stellung in der Herde ist. Vor allem Jungbullen versuchen immer mal wieder, in der Rangordnung aufzusteigen», sagt Isenbügel. Dann werde auch der Pfleger «getestet», ob er wirklich «Chef» ist.
Die Elefanten selbst gehen nicht zimperlich miteinander um, wenn ein junges Tier zu frech wird. Als sich die 2005 geborene Chandra beim ersten Zusammenlassen respektlos gegenüber dem Bullen Maxi benahm, habe dieser das junge Tier kurzerhand auf die Stosszähne genommen und es «ein paar Meter weggeworfen», erinnert sich Isenbügel. «Das hat gereicht.»
Wichtig sei, dass Elefanten «so früh wie möglich eine Grundausbildung bekommen», sagt Isenbügel. Denn neben einer leider immer mehr schrumpfenden Wildpopulation seien asiatische Elefanten seit Jahrtausenden halb domestizierte Tiere in Menschenhand. Mithilfe von Rüebli, Birnen und Pferdeleckerli üben die Elefantenpfleger mit den Tieren von klein auf die Kommandos, die nötig sind, falls diese untersucht werden müssen oder wenn Körperpflege angesagt ist: Rüssel hoch, Mund öffnen, Fuss geben, ruhig halten beim Nägelfeilen, Abliegen, Drehen. Heute findet all dies im direkten Kontakt mit den Tieren statt.
Von der Idee des künftigen «geschützten Kontakts» seien nicht alle Elefantenpfleger begeistert, gibt der langjährige Zootierarzt Ewald Isenbügel zu. Doch im neuen Gehege wolle man die Tiere so naturgemäss als möglich halten. Die «gewachsene Mutterkuhherde», wie Isenbügel sagt, soll in einem Gehege leben. Der Bulle Maxi dagegen lebe einzeln und dürfe nur unter Aufsicht zu den Elefantenkühen.
Vorträge über Elefanten von Ewald Isenbügel am Freitag, 29. Mai, und am Freitag, 5. Juni 2009, 19.30 bis 21.15 Uhr; mit Führung am Freitag, 12. Juni 2009, 18 bis 19.30 Uhr im Zoo. Informationen und Anmeldung unter www.vhszh.ch. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 22.04.2009, 22:16 Uhr
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1 Kommentar
Über jede weitere Einrichtung, die auf PC wechselt, freue ich mich. Der Mensch - das Alphatier des Elefanten, dem es sich ständig und immerzu, ein Leben lang unter zuordnen hat? Nee, dann doch lieber ausgelebte Sozialstrukturen... Danke schön, Zoo Zürich!!! Antworten







