Hintergrund

Titlisnordwand: Sechs Jahre für Hattori Hanzo

Matthias Trottmann hat als Erster die schwierigste Nordwandroute der Schweiz geklettert. Er benannte sie nicht grundlos nach einem Ninja-Kämpfer: Es war ein Kampf mit dem Berg und mit sich selbst.

Die Erstbegehung verlangte ihm alles ab: Matthias Trottmann (oben, in Rot) in der Titlisnordwand. Foto: Klaus Kranebitter

Die Erstbegehung verlangte ihm alles ab: Matthias Trottmann (oben, in Rot) in der Titlisnordwand. Foto: Klaus Kranebitter

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Matthias Trottmann lebt mitten im coolen Zürcher Kreis 4, und wenn er mit dem Velo durch die Stadt radelt, sieht er aus wie viele junge Männer, die in seinem Quartier wohnen: Kapuzenpulli, City-Turnschuhe, kurze Haare, gepflegtes Ziegenbärtchen, Hornbrille. Ganz und gar nicht wie jemand, der soeben als Erster die schwierigste Nordwandroute der Schweiz frei geklettert ist: am Titlis. In diesem Furcht einflössenden, schattigen, menschenfeindlichen Kessel, den er selber als «wunderschön und ästhetisch» bezeichnet, stellte er sich am 16. August 2013 einem Kampf. Einer Auseinandersetzung mit der Schwerkraft, aber vor allem einer Konfrontation mit sich selber.

Als Trottmann (38) am frühen Morgen mit seinem Sicherungspartner Urs Stöcker (37) von Engelberg über den Galtibergboden hinauf zur Titliswand steigt, ist ihm bewusst, dass diese Erstbegehung ihm alles abverlangen wird. Er kennt die sieben Seillängen dieser Route in- und auswendig. Jeden Griff, jeden Tritt. Er weiss, wo es dynamische Züge braucht, wo die technischen Schwierigkeiten lauern. Eine Linie ganz nach seiner Vorliebe: extrem überhängend, enorm ausdauernd. Auf der Schwierigkeitsskala im Klettern erreicht sie Werte bis zu 8b+. Trottmann hat sie über sechs Jahre erschlossen – den logischen Verlauf im Fels gesucht und die Sicherungshaken gebohrt – und sie symbolisch «Hattori Hanzo» genannt, nach einem Ninja-Kämpfer.

Vor einem Jahr versuchte er bereits einmal, Hattori Hanzo zu «punkten», das heisst, ohne technische Hilfsmittel und sturzfrei im Vorstieg an einem Tag zu durchklettern. «Aber die kräftige 8b+-Schlüssellänge schaffte ich nicht. Ich fühlte mich wie ein prall gefüllter Kartoffelsack.» Daraufhin stellte er sein Training auf Maximalkraft um.

Stress und kurze Nächte

Trottmann zählt zur helvetischen Elite der alpinen Sportkletterer, trotzdem lebt er nicht von Sponsorengeldern. Er sagt, dafür müsste er zu viele Freiheiten aufgeben. Lieber forscht er in einem 70-Prozent-Pensum bei der Eidgenössischen Materialprüfungs- und Forschungsanstalt über erneuerbare Energien und engagiert sich als Mitgründer im Zürcher Boulderclub Minimum, dessen Halle in diesem Sommer an einen neuen Standort gezügelt und ausgebaut wurde, was ihn während Monaten fast rund um die Uhr beanspruchte.

Am Tag vor der geplanten Erstbegehung von Hattori Hanzo arbeitet er bis ein Uhr in der Früh im Boulderclub. Der Stress und die vielen kurzen Nächte rächen sich: Trottmann ist so übermüdet, dass er fast einschläft, als sie den Einstieg in der Titlisnordwand erreichen und auf dem Gaskocher einen extrastarken Kaffee brauen.

Nach den ersten Kletterzügen merkt er: Sein Kopf ist nicht frei, er kommt nicht «in den Flow», tastet sich verkrampft am Fels hoch. «Ich hatte Angst. Auch in der einfachen 6b-Seillänge», sagt er, der schon über 100 Routen bis 8c als Erster begehen konnte. Trottmann weiss aus eigener schmerzlicher Erfahrung: Die meisten Unfälle ereignen sich in den einfachen Passagen, und in diesen setzte er in Hattori Hanzo die Bohrhaken weit auseinander, was der Psyche ans Eingemachte geht. Zehn Meter Sicherungsabstand können zwanzig Meter Freifall bedeuten. «In Gelände, in dem man nicht stürzen möchte.»

Als er dann tatsächlich zehn Meter ins Seil saust, weil ein Tritt ausgebrochen war, glaubt er nicht mehr daran, dass ihm sein Vorhaben an diesem Tag gelingt. Er wiederholt die Länge, nun sturzfrei, und erreicht das Felsband, wo die Schwierigkeiten von Hattori Hanzo erst beginnen: drei Seillängen mit insgesamt dreissig Meter Überhang und viel, viel Luft unter einem.

Nerven wie Drahtseile

Trottmann braucht Unterarme wie Popeye und Nerven wie Drahtseile. Beides fehlt ihm in diesem Moment. Müdigkeit und Angst sitzen ihm im Nacken. Er und Stöcker besprechen, ob sie abseilen wollen, entscheiden aber weiterzumachen, «wenn wir schon da sind», damit Trottmann wenigstens die Schlüsselstelle, die er noch nie sturzfrei gemeistert hat, nochmals üben kann.

Die beiden kennen sich seit zwanzig Jahren. Damals war Trottmann im Kader der Kletter-Nationalmannschaft, dem er neun Jahre angehörte. Inzwischen ist Stöcker Trainer der Nati, hat Erfahrung als Coach und rät Trottmann zu einem Powernap. «Wenn man müde ist, sollte man sich Zeit geben.» Also setzt sich Trottmann auf dem schmalen Felsband hin, schliesst die Augen, döst zwanzig Minuten. Das wirkt Wunder. «Mein Körper schaltete um. Ich wurde ruhig, wahrscheinlich auch, weil mein eigener Erwartungsdruck weg war. Ich wusste: Ich kann, aber muss nicht, und merkte, dass die Kraft zurückkam, dass ich sie nur mobilisieren musste.»

Trottmann klettert weiter, wird locker, kommt endlich in den «Flow». Der Fels neigt sich jetzt derart, dass man als Kletterer gar nicht mehr sieht, dass es überhängend ist. «Man meint, es sei flach, und fragt sich, weshalb die Arme so pumpen», sagt Trottmann. Und Stöcker: «Die Titlisnordwand ist diesbezüglich einmalig. Es machte mir sogar Angst, mich an den Steigklemmen hochzuziehen. Die Kletterschwierigkeit in dieser Route übersteigt mein Können selbst als Nachsteiger.»

Die Schlüsselseillänge in diesem Überhang (8b+) beginnt dynamisch und mit grossen Henkelgriffen in leicht brüchigem Fels, wechselt dann in kompaktes Gestein, wo die Sicherungspunkte weiter und die Griffe immer kleiner werden. Der letzte Griff misst 4 Millimeter.

Trottmann schafft die Krux im ersten Anlauf. Aufatmen kann er deshalb nicht. Es folgt eine 8a+-Seillänge, und die Maximalkraft ist bereits abgezapft. Um sich da noch durchzuringen, braucht es grossen sportlichen Kampfgeist. «Wie wenn man bei einem Tennisfinal im Vorsprung ist. Man muss den dritten Satz heimtun, um zu gewinnen. Verliert man ihn, geht es wieder von vorne los, und das Spiel dauert noch länger.»

Was noch keiner geschafft hat

Beim Ausstieg von Hattori Hanzo angekommen, alle Seillängen sturzfrei hinter sich, fühlt Trottmann: «Erlösung.» Dieses unbeschreibliche Gefühl sei das, was ihn motiviere. Es gehe ihm nie darum, der Erste zu sein. Sondern darum, Neues zu entdecken. «Zu erleben, wie das ist, wenn man etwas tun kann, das vorher noch keiner gemacht hat. An Orten zu sein, wo nicht jeder hinkommt.»

Sechs Wochen nach Hattori Hanzo hat Trottmann noch immer keine Pressemeldung verschickt, um die Szene via Klettermagazine zu informieren, was nach einer solchen Leistung üblich wäre. Andere Dinge sind ihm wichtiger. «Nach dem Projekt ist vor dem Projekt.» Am 7. September 2013 hat er seine Freundin Karoline geheiratet. Sie klettert ebenfalls leidenschaftlich, «sonst wäre es schwierig». Sie teilt seine Abenteuerlust und gibt ihm Ruhe nach dem Sturm. Gemeinsam freuen sie sich, «die schönsten Biwakplätze zu finden». Wenn die zwei irgendwo in den Bergen unter dem Sternenhimmel liegen, dann ist er kein Hattori Hanzo, kein Kämpfer, sondern der unerschütterliche Romantiker aus dem Zürcher Kreis 4. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 26.09.2013, 14:11 Uhr

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Die schwierigste Nordwandroute der Schweiz Matthias Trottmann hat als Erster die schwierige Nordwandroute der Schweiz geklettert.

Neue Routen dank steigender Temperaturen

Die Suche nach neuen Plätzen, an denen man Routen erschliessen könnte, interessiert den Spitzenalpinisten Matthias Trottmann fast noch mehr als das Klettern selber. Besonders angetan hat es ihm die gigantische Titlisnordwand. Als er ihre Strukturen 1996 das erste Mal von Engelberg aus sah, dachte er: «Wahnsinn!» Doch damals war es noch undenkbar, dort zu klettern, weil im oberen Teil das ganze Jahr über Schnee lag, der Steinschlag auslöste. Inzwischen sind die Temperaturen gestiegen, der Schnee schmilzt im Sommer weg und lässt schöne und schwierige Routen in gutem Fels zu. 2006 tauchte Matthias Trottmann mit seinen Bergkollegen erstmals mit Bohrmaschinen in der Wand auf und begann, über Wochen hinweg mehrere Linien zu erschliessen, wobei er jedoch sehr überlegt Haken setzte – das heisst auch: nicht zu viele und am perfekten Ort.

Besorgte Anrufe bei der Polizei
Zahlreiche Nächte verbrachten die Männer in der Wand in einem Felsloch, das sie «Hotel Titlis» nannten. Sie richteten es mit Kaffeekanne, Kocher und hängender Liege ein. Mit aufgeschnittenen PET-Flaschen, in die sie Wassertropfen sammelten, bekam das Hotel seine Wasserleitung. Dann kam noch die Seilbahn dazu – ein 130  Meter langes Seil mit Flaschenzug –, mit der sie neben Material und Essen auch Kaffee und Wein gemütlich hochziehen konnten. In diesen Monaten gingen bei der Engelberger Polizei mehrmals Anrufe von besorgten Talbewohnern ein, weil sie in der Titliswand Licht sichteten. Neben der Route Hattori Hanzo (8b+), die er jetzt als Erster begehen konnte, erschloss Trottmann in der Titliswand unter anderem auch Piz dal Nas (8b), die er 2010 schaffte und die bis dato nicht wiederholt wurde. Beide Routen sind extrem überhängend, sie gelten als die zwei schwierigsten Nordwandrouten der Schweiz.



Schwierigkeiten fordern heraus: Diesen Sommer reiste ein junger, starker Sportkletterer aus dem Ausland an, um sein Glück als Zweitbegeher in Piz dal Nas zu versuchen. Er scheiterte bereits beim Zustieg am Schneefeld. Der untere Teil der Titliswand ist vergleichbar mit dem Einstieg in die Eigernordwand: ­ausgesetztes Gehgelände über brüchige Bänder, das alpinistische Erfahrung ­erfordert. (nk)

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