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Forschen wie Darwin – im eigenen Garten

Von Anke Fossgreen. Aktualisiert am 20.03.2009

Die Bänderschnecke ist ein faszinierendes Beispiel, um die Evolution zu verstehen. Zürcher Schüler und Interessierte in ganz Europa können jetzt selbst zu Schneckenforschern werden.

Die Gartenbänderschnecke mit ihrem weissen Rand an ihrem Haus.

BILDAGENTUR ONLINE/JOHN T. FOWLE, NPL/ARCO IMAGES

Die Hainbänderschnecke hat einen schwarzen Rand an ihrem Haus.

Die Hainbänderschnecke hat einen schwarzen Rand an ihrem Haus. (Bild: BILDAGENTUR ONLINE/JOHN T. FOWLE, NPL/ARCO IMAGES)

Charles Darwin hatte es gut. Er konnte als junger Mann fünf Jahre lang die Welt bereisen und hatte dabei nichts anderes zu tun als Tiere, Pflanzen und Steine zusammenzutragen. Aus seinen umfangreichen Sammlungen und Beobachtungen schloss er, dass sich Tier- und Pflanzenarten verändern können. Er machte die natürliche Auslese dafür verantwortlich. Was vor 150 Jahren eine bahnbrechende Erkenntnis war, kann heute jeder Schüler beobachten. Das ist zumindest das Ziel eines aussergewöhnlichen Beitrags zum Darwin-Jahr vom Zoologischen Museum der Universität Zürich.

«Wir wollten keine weitere Ausstellung über Charles Darwin machen, die ihn als Person zeigt, sondern eine Werkstatt einrichten, in der man forschen kann wie der grosse Naturwissenschaftler», erklärt Peter Wandeler vom Zoologischen Museum der Universität Zürich. Und dazu gehört zunächst das Sammeln. Eines der Musterbeispiele der Evolution sind die häufig vorkommenden Bänderschnecken. Viele von ihnen haben den Winter nicht überlebt. Jetzt im Frühling sind die leeren Häuser gut zu finden, bevor Pflanzen sie überwuchern. Die Schnecken kommen in alten Gärten vor, in Hecken, im Park, am Waldrand, auf Wiesen. Nur nicht auf sauren Böden etwa im Moor. Sie benötigen eine kalkhaltige Umgebung, um ihr Schneckenhaus aufzubauen.

Bänderschnecken faszinieren Forscher schon lange, zum Beispiel den ehemaligen Direktor des Zoologischen Museums Arnold Lang. Der gebürtige Aargauer hatte bei dem deutschen Zoologen Ernst Haeckel in Jena studiert, bevor er 1889 nach Zürich kam. Er reformierte den Zoologieunterricht, indem er ein Laboratorium und praktische Kurse einrichtete. In der kleinen Ausstellung im Zoologischen Museum sind sogar einige Exemplare aus Langs über hundert Jahre alten Schneckensammlung zu sehen: Bänderschnecken.

Auf die Schnecken - fertig - los!

In der Schweiz gibt es zwei Arten: die Gartenbänderschnecke, die am Eingang einen weissen Rand hat, die sogenannte Lippe, und die Hainbänderschnecke mit einem schwarzen Rand. Ansonsten sind die Häuser der beiden Schneckenarten derartig vielfältig, dass man denken könnte, eine Modedesignerin sei am Werk gewesen: Es gibt einfarbig gelbe, rötliche oder braune Varianten, solche mit einem breiten Band oder mit bis zu fünf schmalen Bändern, weiss-braun geringelte, oder gelb-braune.

Doch warum hat sich eine solche Vielfalt entwickelt? Das können die Schüler der Mittelstufe, die zum Forschen aufgerufen sind, ergründen. «Ich möchte bis August 1000 Schneckenhäuser in der Sammlung haben», wünscht sich Wandeler. Die Kinder sollen den Fundort wissenschaftlich genau in ein liebevoll gestaltetes Notizbuch eintragen. Dieses Büchlein erhalten sie entweder über ihre Schule oder direkt beim Zoologischen Museum. Es ähnelt den Notizbüchern, die Darwin stets bei sich trug. An jedem Mittwochnachmittag können sie im Zoologischen Museum ihre Schneckenhäuser abgeben und mit den Forschern besprechen.

Ein Ergebnis könnte sein, dass in schattigen, kühlen Lebensräumen häufiger Schnecken mit dunklen Häusern vorkommen. Sie sind dort besser getarnt. Auf einer Wiese sind dunkle Schnecken hingegen leichter für ihre Fressfeinde sichtbar. Die Singdrossel beispielsweise liebt Bänderschnecken. Sie knackt die Gehäuse an einem Stein auf, um an den Inhalt zu kommen. Doch der Singvogel wird in der Schweiz seltener. Überleben nun möglicherweise auch schlecht getarnte Schnecken?

Dunkle Häuser wärmen Schnecken

Nicht nur in Zürich werden Interessierte zum genauen Hinschauen aufgefordert. Die britische Open University ruft unter Beteiligung der Universität Basel freiwillige Schneckenbeobachter in ganz Europa auf, lebende Bänderschnecken in ihrer Umgebung zu zählen. Bei diesem grossangelegten Projekt, das Evolution Megalab heisst, soll zum Beispiel der Einfluss der Klimaveränderung untersucht werden. Bisher kommen im Norden Bänderschnecken mit dunklen Häusern häufiger vor. Vermutlich wärmen sich diese Schnecken besser auf und sind schneller aktiv als ihre Verwandten mit hellen Häusern.

Die Bänderschnecken sind bei Forschern auch deshalb so beliebt, weil sie ihre Gene quasi auf dem Rücken tragen. Würden nur die Gesetze der Vererbung gelten, wären Bänderschnecken mit gelben gebänderten Häusern selten. Denn paart sich eine einfarbige Schnecke mit einer, die ein Haus mit Bändern trägt, so sind die Nachkommen zunächst einfarbig. Oder finden sich zwei Schnecken mit dunklem und gelben Haus, so haben ihre Jungen ein dunkles Haus.

Verändern sich jedoch die äusseren Einflüsse, das Klima oder die Fressfeinde, könnten die selteneren Varianten im Vorteil sein. Es überleben die am besten angepassten Schnecken und pflanzen sich fort. Genau diese natürliche Auslese hat Darwin beschrieben.

www.zm.uzh.ch

www.evolutionmegalab.org/de
(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 20.03.2009, 09:57 Uhr

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