«Ich möchte nicht dort landen müssen»

Die Berner Forscherin Kathrin Altwegg fiebert der ersten Landung auf einem Kometen entgegen. Ihre Horrorvorstellung sei, dass der Lander in einem Untergrund aus Schnee und Eis wie eine Art Crème brûlée versinke.

Rosettas spektakuläre Flugbahn. Quelle: www.esa.int

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Heute Nachmittag soll erstmals in der Geschichte der Raumfahrt ein von Menschen geschaffenes Gerät auf einem Kometen landen. Sind Sie nervös?
Langsam schon. Schliesslich war die Raumsonde Rosetta über zehn Jahre im Weltall unterwegs, um den Kometen Tschury zu erreichen. Dabei hat sie eine Strecke von mehr als sechs Milliarden Kilometern zurückgelegt, was etwa 40-mal der Entfernung von der Erde zur Sonne entspricht. Und nun läuft der Countdown zur Landung. Das ist quasi das i-Tüpfelchen der bisher sehr erfolgreichen Mission. Wenn alles nach Plan läuft, soll Rosetta den Lander Philae heute Morgen abwerfen.

Wo sind Sie, wenn das letzte ­Kommando vom Kontrollzentrum der ESA in Darmstadt an Rosetta verschickt wird?
Ich sitze im Zug nach Darmstadt. Das ist auch gut so, da man während dieser Zeit sowieso nur noch die Daumen drücken kann. Es ist äusserst erfreulich, zu sehen, wie gut die Leute in Darmstadt die Sonde bisher im Griff haben und wie präzis sie diese auf die Umlaufbahn des Kometen gelenkt haben. Man muss sich immer vorstellen, dass ein solches Manöver nicht wie bei einem Satelliten in Erdnähe abläuft, sondern 500 Millionen Kilometer von uns entfernt stattfindet. Eine Pionierleistung, die einfach unglaublich ist.

Der vier Kilometer lange Komet rast mit einer Geschwindigkeit durchs All, die 20-mal schneller ist als eine Gewehrkugel. Wie ist es möglich, auf einem solchen Objekt zu landen?
Das ist sehr heikel. Die Chancen stehen 50:50. Rosetta muss zuerst ihre Düsen zünden und vom bisherigen Kurs abkommen. Dabei soll sie fast im rechten Winkel aus ihrer Umlaufbahn abbiegen und über Tschury fliegen. Auf einer Höhe von 22,5 Kilometern stösst sie dann den Lander Philae um 9.35 Uhr ab, sodass dieser rund sieben Stunden später auf dem eisigen Himmelskörper auftrifft, der auch noch eine sehr ungewöhnliche Form hat. Ob alles geklappt hat, wird man aufgrund der Verzögerung des Funksignals in Darmstadt erst gegen 17 Uhr erfahren. Ganz genau lässt sich der Zeitpunkt der Landung nicht berechnen, weil zum Beispiel die Menge der vom Kometen ausdünstenden Gase und Staubpartikel nicht bekannt ist. Sie erzeugen Widerstand und bremsen den ein Meter grossen Philae.

Was kann auf Tschury schieflaufen?
Im Prinzip sehr viel. Ehrlich gesagt, möchte ich nicht dort landen müssen. Es hat auf der Oberfläche Spalten, Löcher, Abhänge und vor allem sehr viele Brocken. Auf der ein Quadratkilometer grossen Landefläche Agilkia liegen rund 4000, ein Meter grosse Eisklumpen herum. Dennoch ist es der beste Ort, da es nicht zu viel und auch nicht zu wenig Sonne hat. Schliesslich müssen die Solarzellen den Betriebs­strom liefern.

Kann Philae im Pulverschnee ­versinken?
Das ist das nächste Problem. Wir wissen nicht, wie weich oder hart die Oberfläche ist. Im schlimmsten Fall sinkt er ein und wird von Staub überdeckt. Meine Horrorvorstellung ist, dass der Untergrund aus Schnee und Staub ähnlich wie eine Art Crème brûlée mit einer dünnen Zuckerschicht aufgebaut ist. Dann meint der Lander, es sei hart, und zündet die Kaltgasdüsen, sodass er dadurch noch weiter in die Tiefe gedrückt wird. Doch auch wenn dies passiert, werden wir viel gelernt haben.

Was denn?
Wir wissen zum Beispiel mehr über die Dicke und Beschaffenheit der Oberfläche. Jeder Komet ist zwar anders und hat eine andere Geschichte hinter sich. Aber dennoch sind sie allesamt vor 4,6 Milliarden Jahren aus dem gleichen Urmaterial wie unsere Sonne und die Planeten entstanden. Weil sie sich zudem im Laufe der Zeit kaum verändert haben, sind sie wichtige Überbleibsel aus der Urgeschichte unseres Sonnen­systems.

Wenn Philae in eine Gletscherspalte fällt, ist die 1,3 Milliarden Euro teure Mission dann nicht doch irgendwie gescheitert?
Nein, auf keinen Fall. Natürlich ist die Landung ein Höhepunkt, und man betritt Neuland damit. Doch die Raumsonde Rosetta würde auch nach einem tragischen Absturz des Landers weiterhin dort bleiben. Philae ist zwar etwas ganz Besonderes, doch nur eins von zehn Instrumenten. So landet etwa auch das von uns entwickelte Messgerät ­Rosina nicht auf Tschury.

Sie haben herausgefunden, dass der Schweif des Kometen ­geradezu stinkt. Wonach?
Zum Beispiel nach Ammoniak, der den typischen, stechenden Geruch im Urin erzeugt. Oder Schwefelwasserstoff, der nach faulen Eiern stinkt. Wir haben aber auch Blausäure entdeckt, die nach Bittermandeln riecht. Darüber hinaus haben wir erstmals auch Benzol auf einem Kometen gefunden, das mit seiner Ringstruktur ein wichtiger Baustein der organischen Chemie ist. Es ist beeindruckend, wie viele Moleküle damals schon vorkamen. Wir kommen mit der Analyse der Daten gar nicht mehr hinterher. An ­Ferien ist im nächsten Jahr erst einmal nicht zu denken.

Haben Sie auch Aminosäuren entdeckt?
Bisher noch nicht, da wir zuerst leichtere Moleküle untersuchen. Wenn wir alles zusammenhaben, lässt sich hoffentlich besser erklären, wie die Bausteine von Leben auf unseren Planeten kamen oder wie die Meere entstanden sind. Die Theorie besagt, dass etwa das Wasser durch ein Bombardement von Kometen, also schmutzigen Schneebällen, auf die Erde gekommen sein könnte.

Sind die Rosetta-Forscher eine eingeschworene Gemeinschaft?
Wir arbeiten eng zusammen, freuen uns über alle Erfolge, sind aber im Moment auch Konkurrenten. Denn die Beobachtungszeit dort oben ist sehr kostbar. Wer darf wann was machen? Es ist wie mit Geschwistern: Man gehört zusammen, streitet aber trotzdem.

Wenn die Landung glückt und die Elektronik nicht verrückt spielt, wie lang kann Philae arbeiten?
Auf Tschury herrschen derzeit Temperaturen von minus 50 bis minus 170 Grad Celsius. Weil der Komet der Sonne immer näher kommt, wird es irgendwann gegen null Grad gehen. Dies ist viel zu warm für den kälteresistenten Philae, sodass er einen Hitzetod stirbt. Seine Bauteile werden zu heiss, und die Batterie lässt sich nicht mehr aufladen.

Und was ist mit Rosetta?
Rosetta teilt das Schicksal des Kometen. Sie ist und bleibt auf der Bahn von Tschury, auch wenn dieser weiterhin an Masse verliert und im August 2015 der Sonne am nächsten ist. Rosetta wird mindestens bis Dezember 2015 in Betrieb bleiben. Wenn wir dann noch genug Treibstoff haben, sogar noch etwas länger. Im August 2016 ist sie dann so weit von der Sonne weg, dass sie wieder im Energie sparenden Schlafmodus schlummern müsste. Und irgendwann würde die Nähe zu Jupiter sie gemeinsam mit Tschury vermutlich ganz aus unserem Sonnensystem katapultieren. Doch dies ist in ferner Zukunft und somit noch Science-Fiction. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 11.11.2014, 19:31 Uhr)

Grafik zum Vergrössern anklicken.

Kathrin Altwegg

Die 62-jährige Physikerin leitet das internationale Team, welches das Messgerät Rosina entwickelt hat. Dieses bleibt auf Rosetta und landet nicht auf Tschury.

Historische Landungen

Sieben Reisen ins Ungewisse

Die Eagle, die Mondlandefähre der Apollo 11, landet am 16.  Juli 1969 auf dem Mond. Der Kommandant der amerikanischen Nasa-Mission, Neil Armstrong, ist der erste Mensch, der einen fremden Himmelskörper betritt. Zehn Astronauten hinterlassen in den folgenden dreieinhalb Jahren ihre Fussspuren auf dem Mond. Russland setzte bereits Jahre vorher, am 3.  Februar 1966, die erste unbemannte Raumsonde auf dem Mond ab, Luna 9. Später folgten weitere Lander.

Venera 7 des russischen Planeten-erkundungsprogrammes setzt am 15.  Dezember 1970 auf der Venus auf. 23  Minuten lang sendet sie Daten zur Erde. Später landeten weitere Sonden auf dem Planeten und lieferten Daten und Bilder – und das bei einer Aussentemperatur von rund 482  Grad Celsius und einem Atmosphärendruck, der über 90-mal höher ist als auf der Erde.

Near Shoemaker trifft am 12.  Februar 2001 auf den Asteroiden 433 Eros auf. Der Himmelskörper gehört zu den grössten erdnahen Asteroiden. Der Nasa gelang zum ersten Mal, einen Asteroiden zu umkreisen und auf ihm zu landen. Röntgen- und Infrarotinstrumente und andere Messgeräte liefern Daten, die helfen, mehr über die Zusammensetzung und den Ursprung von Asteroiden und Kometen zu erfahren.

Spirit landet am 3.  Januar 2004 auf dem Mars, am 24.  Januar folgt der zweite Pathfinder Opportunity auf dem Roten Planeten. Jahre später, am 6.  August 2012, setzt ein weiteres Fahrzeug auf dem Mars auf. Curiosity ist weit besser mit wissenschaftlichen Instrumenten ausgerüstet als die Vorgänger. Das Ziel: eindeutige Spuren zu entdecken, die auf Wasser und damit auf mögliches Leben auf dem Planeten hindeuten.

Huygens erreicht am 14.  Januar 2005 den Saturnmond Titan. Der Lander gehört zur Cassini-Huygens-Mission, an der die Nasa, die Europäische Welt-raumorganisation (ESA) und die italienische ASI beteiligt sind. Der Auftrag der Sonden: das Saturnsystem erkunden, den Planeten und seine Atmosphäre, die Ringe und die Magnetosphäre.

Hayabusa, die Raumsonde der japanischen Weltraumagentur Jaxa, landet am 12.  September 2005 auf dem Asteroiden Itokawa. Der Flug zum Himmelskörper war gut zwei Jahre und eine Milliarde Kilometer lang. Das Raumfahrzeug dokumentiert die ungewöhnliche Form des Asteroiden. Im Dezember 2009 bringt Hayabusa kleinste Partikel des Asteroiden zurück auf die Erde.

Chang’e-3 setzt am 7.  Dezember 2013 auf dem Mond auf. Zum ersten Mal landet ein chinesisches Raumschiff auf dem Erdtrabanten.

Martin Läubli

Zeitplan

Die Landung live verfolgen

Das Kontrollzentrum des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt hat heute Morgen die Einschaltung der Instrumente des Landeroboters Philae eingeleitet.

8 Uhr: Das ESA-Kontrollzentrum in Darmstadt gibt das «Go» für die Trennung von der Raumsonde Rosetta.
9.35 Uhr: Philae trennt sich von Rosetta ab.
15.54 Uhr: Frühester Zeitpunkt für die Landung.
16.33 Uhr: Erwarteter Zeitpunkt für die Landung.

Tagesanzeiger.ch/Newsnet ist mit einem Live-Ticker online dabei. Zudem kann die Landung auf www.esa.int verfolgt werden.

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