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Im Schlepptau der Fischereilobby

Von Barbara Reye. Aktualisiert am 11.01.2012 4 Kommentare

Nordseefischer dürfen wieder viel mehr Hering fangen als in den vergangenen Jahren. Forscher sind sich nicht einig, welche Auswirkungen die höheren Fangquoten auf das marine Ökosystem haben.

Fangquote erstmals seit mehreren Jahren wieder erhöht: Angestellte eines Fischfang-Unternehmens bei der Präparation von Heringen.

Fangquote erstmals seit mehreren Jahren wieder erhöht: Angestellte eines Fischfang-Unternehmens bei der Präparation von Heringen.
Bild: AFP

Der kleine Fisch im grossen Schwarm

Der Atlantische Hering mit seinem silbrigen Bauch, grossen Maul und den Glupschaugen vermehrt sich gut – wenn man ihn in Ruhe lässt. Dass sich sein Bestand in der Nordsee in den vergangenen Jahren erholt hat, liegt nicht nur an einem nachhaltigen Fischereimanagement und verbesserten Umwelt­bedingungen, sondern auch daran, dass man einen seiner grössten Fressfeinde den Kabeljau, in der südlichen Nordsee stark dezimiert hat. Die Heringe fanden somit allgemein bessere Bedingungen, sich zu reproduzieren. Wie alt ein Hering ist, lässt sich anhand der Gehörsteinchen erkennen, die sich hinter dem Kiemendeckel befinden. Sie sind für den Gleichgewichtssinn zuständig und wachsen jedes Jahr um einen Ring – ähnlich wie ein Baumstamm.

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Mit grossen Netzen holen Fischer tonnenweise Heringe aus dem Meer. Mithilfe moderner Echo-Ortung lassen sich die Fische gut lokalisieren: Sie ziehen in riesigen Schwärmen durch die Nordsee. In Kombination mit klimabedingten Umweltveränderungen führte dies dazu, dass in den 70er-Jahren der Bestand des beliebten Speisefischs in der Nordsee vor dem Kollaps stand. Erst einschneidende Massnahmen haben die Situation deutlich verbessert.

«Dank zeitweiliger Fangverbote und einem nachhaltigen Managementplan konnte sich die Population erholen», sagt Gerd Kraus vom Johann-Heinrich-von-Thünen-Institut für Seefischerei in Hamburg. Laut dem Fischereibiologen haben sich die Bestände in den letzten Jahren positiv entwickelt.

Quote um 140 Prozent erhöht

Aufgrund dieser Entwicklung und der momentan recht grossen Bestandsgrösse hat die Europäische Kommission nach langem Hin und Her im Dezember entschieden, erstmals seit mehreren Jahren die Fangquote für den Hering und andere Fischarten wieder zu erhöhen. Beispielsweise dürfen deutsche Fischer in der Nordsee 140 Prozent mehr Hering fangen als im Vorjahr: 41 852 Tonnen statt nur 17 423 Tonnen. Die EU-Kommission teilte mit, dass sie die Entscheidung «gestützt auf wissenschaftliche Studien» traf.

Während Gerd Kraus den Beschluss der EU für «noch vertretbar» hält, kritisiert ihn Rainer Froese vom Helmholtz-Institut für Ozeanforschung in Kiel: «Er ist falsch und kurzsichtig», sagt der Meeresbiologe. «Der Hering ist eine Schlüsselart der Nordsee und bildet eine wichtige Nahrungsgrundlage für viele andere Fische, Meeressäuger und Vögel.» Zwar spricht sich auch Froese für eine Erhöhung der Fangquote aus, «aber keineswegs in diesem Ausmass».

Das Gefeilsche um Fangquoten

Daneben hat die EU-Kommission die Fangquote bei anderen Beständen gesenkt – oder das Fischen ganz untersagt. So dürfen in diesem Jahr 15 Prozent weniger Nordsee-Seelachs gefischt werden als noch 2011, und das Fischen von Kabeljau im Gebiet Westschottlands wurde wegen Überfischung ganz untersagt. In den Augen des Kieler Fischexperten Froese haben die europäischen Fischereiminister jedoch auch dort zu wenig getan. «Sie haben gegenüber der Fischerei zu grosse Zugeständnisse gemacht.»

Es sei «immer ein Gefeilsche» um Fangquoten, sagt Kraus, der als Direktor des Hamburger Thünen-Instituts für Seefischerei die deutsche Bundesregierung berät. In den Verhandlungen würden eben nicht nur ökologische, sondern auch ökonomische und soziale Erwägungen eine Rolle spielen. Er kritisiert, dass weltweit nach wie vor Raubbau an der Natur betrieben werde. «Mit grossen Fangschiffen, die spezielle Verarbeitungsanlagen für den Fisch schon an Bord haben, wird immer dort abgeräumt, wo die Rendite am grössten ist», sagt Kraus. Es sei diese Mentalität, die Nachhaltigkeit verhindere.

Überfischte Bestände

Weltweit wurden laut dem letzten Bericht der Welternährungs-Organisation (FAO) rund 80 Millionen Tonnen Fisch gefangen. Davon werden etwa zwei Drittel für den menschlichen Verzehr genutzt, der Rest wird zu Fischfutter in Form von Fischmehl und Öl verarbeitet. Allein in Europa sind laut Schätzungen der Europäischen Kommission zwei Drittel der Fischbestände überfischt: Der zu hohe Fischereidruck verhindert eine Erholung der Bestände. Allerdings konnten in dieser Statistik nur Fischbestände mit ausreichender Datengrundlage berücksichtigt werden. Weltweit gilt ein Drittel aller Fischbestände als zusammengebrochen.

Um den Fischbestand in den Meeren zu erfassen, stützen die Forscher auf Stichproben. Zudem beziehen sie für ihre Berechnungen auch die von Fischern gemeldeten Fänge mit ein. Gleichzeitig untersuchen sie die Fische genetisch, um die gefangenen Individuen einzelnen Populationen zuordnen zu können. Und sie bestimmen das Alter, um etwas über den Zustand der Bestände aussagen zu können. Der Atlantische Hering kann bis zu 20 Jahre alt werden. «In der Nordsee ist jedoch die Hälfte der Population gerade mal ein Jahr alt», sagt Froese. Viele der Fische haben somit noch nicht einmal abgelaicht, wenn sie gefangen werden, denn in der Regel erreichen sie die Geschlechtsreife erst mit drei Jahren.

Wichtig für das Ökosystem

Schwarmfische wie Heringe oder auch Sardellen sind für das marine Ökosystem wichtig. Wegen ihrer relativ kleinen Grösse und der hohen Reproduktionsrate sind sie für viele Raubfische, aber auch für Seevögel und Meeressäuger eine bedeutende Futterquelle. Es sei deshalb ein grosser Fehler der Fischereiindustrie, die Nahrungskette im Meer zu kappen «und nun auf die Kleinen loszugehen», betont Kraus.

Die Folgen für Seevögel hat ein internationales Forscherteam in der Fachzeitschrift «Science» berechnet: Mindestens ein Drittel des weltweiten Bestands an Futterfisch müsse für Seevögel wie Papageientaucher, Pinguine oder Krähenscharbe übrig bleiben. Nur so sei deren Existenz langfristig zu sichern. Viele Bestände weisen aber nur noch einen Bruchteil ihrer natürlichen Grösse auf.Laut Rainer Froese müsse die Politik der EU endlich nach dem Vorbild der USA, Neuseeland und Australien funktionieren – und strikte Reformen durchführen. Die Fischerei müsse für die Umwelt nachhaltig sein, fordert er, «sodass in Zukunft nicht noch mehr Schiffe nach den letzten verbliebenen Fischbeständen suchen müssten». (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.01.2012, 18:46 Uhr

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4 Kommentare

Billo Heinzpeter Studer

13.01.2012, 00:15 Uhr
Melden 1 Empfehlung

Es sei halt «immer ein Gefeilsche» um Fangquoten, meint der Thünen-Direktor. In diesem Punkt muss man ihm 100% zustimmen, leider. Genau so kommt es raus, wenn eine Industrie nur noch an die Profite von heute denkt und die Regierungen dem nachgeben. Antworten


Billo Heinzpeter Studer

13.01.2012, 00:15 Uhr
Melden 1 Empfehlung

Die Ozeane sind das gemeinsame Erbe der Menschheit (so sagt es das Internationale Seerecht) – wer soll denn für dessen angemessene Verwaltung sorgen, wenn nicht mal die Regierungen dazu willens und fähig sind? Antworten



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