Meereis schrumpft dramatisch

Neue Daten zeigen: Das arktische Eis schmilzt weiterhin stark und dünnt aus. Seit langem war auch der Eiszuwachs in der Antarktis wieder geringer.

Arktisches Meereis 1984 und 2016 im direkten Vergleich. Quelle: Nasa's Goddard Space Flight Center/Jefferson Beck


Von Martin Läubli und Mathias Lutz (Grafik)

Das arktische Meereis ist auch im vergangenen Jahr einmal mehr weit unter den langjährigen Durchschnitt geschmolzen. Im September 2016 betrug die Fläche knapp 4,1 Millionen Quadratkilometer. Nur 2012 war die sommerliche Eisausdehnung seit Beginn der Satellitenmessungen 1979 geringer. Der Negativrekord ging damals mit 3,4 Millionen Quadratkilometern in die Jahrbücher der Arktisforschung ein.

Führende Klimaforscher und Politiker warnen deshalb heute an einer internationalen Arktis-Konferenz am Schweizerischen Institut für Schnee- und Lawinenforschung (SLF) vor einem starken Anstieg des Meeresspiegels und vor den damit verbundenen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Risiken. «Wir sehen in der Arktis Zeichen, die auf eine extrem schnelle Klimaveränderung hindeuten, selbst bei einer aktuellen Erwärmung der Erde seit der vorindustriellen Zeit um ein Grad», sagt Christiana Figueres, ehemalige Chefin des UNO-Klimasekretariats für die Klimarahmenkonvention.

Die Voraussetzungen für den neuen Tiefwert 2016 entwickelten sich bereits im Winter 2015/2016. Schon in den Monaten Januar bis März war die Ausdehnung gering, den tiefsten saisonalen Wert erreichte sie im Mai. «Der Trend des Eisverlustes setzt sich fort», wird Christian Haas im Arktis-Bulletin des deutschen Alfred-Wegener-Instituts (AWI) zitiert. Die Nordost- und die Nordwestpassage waren für Schiffe befahrbar. Beide Schiffspassagen waren 2008 erstmals gleichzeitig passierbar.

Die Klimaänderung setzt dem arktischen Meereis zu. «Im Winter 2015/2016 war die Luft über dem Arktischen Ozean in weiten Teilen mehr als sechs Grad Celsius wärmer als im langjährigen Durchschnitt», sagt Lars Kaleschke vom Centrum für Erdsystemforschung und Nachhaltigkeit der Universität Hamburg auf dem Onlineportal Meereis.de. Fatal ist dabei: Die höheren Temperaturen verhindern das nötige Eiswachstum im Winter. Hochauflösende Flugzeugmessungen zeigen, dass das einjährige Eis kaum dicker war als ein Meter. Das mehrjährige Meereis war hingegen rund drei bis vier Meter dick.

Das Eis wird dünner

Dank dieser «Reserve» wurde laut dem Alfred-Wegener-Institut und der Universität Hamburg der Eisverlust im Juni und Juli erst verzögert. Starke Winde brachen das Eis dann auf, was die Eisschmelze begünstigte. Die Universität Hamburg und das AWI können heute dank kontinuierlicher Eisdickenmessungen und der Kombination der Daten zweier ESA-Satelliten einen Trend aufzeigen. Das Eis war am Ende des arktischen Winters etwa zehn Zentimeter dünner als in den Vorjahren.

«Die globale Erwärmung schreitet ungebremst fort», sagt Lars Kaleschke von der Universität Hamburg. Der langjährige Durchschnittswert für die sommerliche Meerausdehnung für die Periode 1979 bis 2016 wurde in den letzten 10 Jahren siebenmal deutlich unterschritten. In den 1970er- und 1980er-Jahren war die Fläche noch durchschnittlich rund 7 Millionen Quadratkilometer gross. Das arktische Meereis gilt als Indikator für die globale Klimaänderung und als Frühwarnsystem.

Eine Überraschung, deren Gründe nach wie vor nicht genau verstanden sind, entdeckten die Klimaforscher in der Antarktis. Noch im letzten Jahr zeigten Satellitendaten einen ungewöhnlich hohen Zuwachs an Meereis. Mit über 20 Millionen Quadratkilometern reihte sich die winterliche Meereisausdehnung in den steigenden Trend der letzten 30 Jahre. Im vergangenen Jahr war es anders. Die Ausdehnung des Meereises im November lag mehr als 2 Millionen Quadratkilometer unter dem langjährigen Durchschnitt. Zusammen mit dem arktischen Eisverlust sei die globale Meereisausdehnung 2016 bemerkenswert tief gewesen, heisst es im Bulletin des amerikanischen National Snow and Ice Data Center.

Die Meereissituation in der Antarktis lässt sich allerdings nicht mit derjenigen in der Arktis vergleichen. «Der Arktische Ozean ist wie das Mittelmeer von Landmassen umgeben», sagt der Hamburger Meereisphysiker Lars Kaleschke. Die Antarktis ist geprägt durch einen von Eis bedeckten Kontinent, der vom Südlichen Ozean umschlossen ist. Der antarktische Zirkumpolarstrom, Wind und Wellen beeinflussen die maximale Ausdehnung.

Das Gletscherschmelzwasser, das vom Kontinent ins Meer fliesst, ist mitentscheidend, wie gross der Süsswasseranteil im Meer ist. Dieser wiederum hat einen Einfluss auf die Bildung des Meereises im Winter. Es ist also nicht weiter verwunderlich, dass die Entwicklung des antarktischen Eises stark durch natürliche Schwankungen geprägt ist. Klimaforscher vermuten, dass Windströmungen und im Meer aufsteigendes süsses Schmelzwasser von schwimmenden, tief reichenden Eisschelfmassen zu einer Ausdehnung führen. Im leicht salzärmeren Oberflächenwasser bildet sich mehr Eis um den antarktischen Kontinent.

Die Visualisierung zeigt das arktische Meereis zwischen 1991 und 2016. Dabei wird jüngeres Meereis dunkler und bläulich dargestellt. Weisses Eis hat ein Alter von vier Jahren oder mehr. Beim Durchlaufen der Jahreszeiten pulsiert die Fläche. Es wird deutlich, dass das arktische Meereis nicht nur flächenmässig schrumpft, sondern auch jünger und dünner wird. Quelle: Nasa's Goddard Space Flight Center/Jefferson Beck (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 18.01.2017, 18:48 Uhr

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