Ohrwürmer kommunizieren ohne Ohren
Kommuniziert über chemische Signale: Ohrwurm.
Der Name
Von der Antike bis in die frühe Neuzeit hinein wurden die Tiere laut Wikipedia pulverisiert als Medizin gegen Ohrkrankheiten/Taubheit verabreicht. Während der Gebrauch in Vergessenheit geriet, blieb der lateinische Name auricula (von auris «Ohr») erhalten.
Ohrwurm-Mütter kommunizieren über chemische Signale mit ihren Jungen. Anhand von Substanzen auf der Haut der Larven können sie den Ernährungszustand des Nachwuchses abschätzen. Das haben Evolutionsbiologen der Universität Basel entdeckt.
Aufgrund dieser Information entscheiden die Ohrwürmer, ob sie ihre Jungen mit mehr oder weniger Nahrung versorgen, wie die Forscher um Flore Mas und Mathias Kölliker im Fachmagazin «Proceedings of the Royal Society B» berichten. Allerdings erhalten nicht etwa jene Larven mehr Futter, die in einem schlechten Zustand sind.
Im Gegenteil: Setzten die Forscher Ohrwurm-Mütter chemischen Signalen von wohlgenährtem Nachwuchs aus, gingen diese vermehrt auf Nahrungssuche und fütterten mehr, als wenn sie die Signale von unterernährten Larven «rochen». Das habe wohl mit der Brutbiologie des Ohrwurms zu tun, sagte Kölliker auf Anfrage.
Viele sterben sowieso
Ohrwurmweibchen legen nämlich 20 bis 70 Eier, aus denen dann Larven werden. Nur wenige Larven aus einem Gelege schaffen es aber, sich zu erwachsenen Tieren zu entwickeln. «Deshalb lohnt es sich für die Mütter, sich vor allem um die kräftigen Jungen zu kümmern», sagte Kölliker. So stünden die Chancen besser, wenigstens einige grosszuziehen.
Bei den chemischen Substanzen, welche die Ohrwürmer zur Verständigung benützen, handelt es sich laut den Forschern um Kohlenwasserstoffe. Dass Insekten auf ihrer Aussenhaut diese Stoffe absondern, ist seit langem bekannt. Die Tiere schützen sich damit in erster Linie gegen das Austrocknen.
Über die chemische Kommunikation zwischen Insektenlarven und ihren Ernährern gebe es erst sehr wenige Studien, sagte Kölliker. In den bisherigen Beispielen, etwa bei Hummeln oder Erdwanzen, signalisierten die Larven jeweils Hunger, und die Mütter oder Betreuer reagierten darauf, indem sie das Bedürfnis stillten.
Mogeln nicht möglich
Die neue Studie beschreibe aber erstmals bei einem sozialen Insekt einen chemischen Stoff, der Müttern anzeige, wie stark oder gesund die Jungen seien. Erst kürzlich habe man solche Signale bei Vögeln entdeckt, sagte Kölliker: Dort sind Nestlinge fitter, deren Gefieder mehr UV-Strahlen reflektiert oder deren Schnabel auffälliger gefärbt ist.
Für die Ohrwurmlarven wäre es natürlich von Vorteil, wenn sie auch in schlechtem Gesundheitszustand jene Substanzen auf ihrer Haut produzieren könnten, welche die Mutter zu vermehrtem Füttern anregen. Aber ein solcher Betrug sei wohl nicht möglich, sagte Kölliker.
Denn die Kohlenwasserstoffe sind Abkömmlinge von Fettsäuren, und diese wiederum sind ein wichtiger Teil der Nahrung. Das heisst: Nur Larven, die gut ernährt sind, können sich erlauben, viele der chemischen Signale herzustellen. Schwache Ohrwürmer dagegen brauchen jede Fettsäure, um zu überleben. (sam/sda/)
Erstellt: 21.05.2009, 09:24 Uhr
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