Ozonloch bringt mehr Regen

Berner Klimaforscher entdecken einen überraschenden Effekt des Ozonlochs über der Antarktis: Es beeinflusst das Klima im weit entfernten tropischen Pazifik.

Das Ozonloch über der Antarktis hat grösseren Einfluss auf das Klimasystem als erwartet: Es hat die Niederschläge im Südpazifik verändert. Foto: Keystone

Das Ozonloch über der Antarktis hat grösseren Einfluss auf das Klimasystem als erwartet: Es hat die Niederschläge im Südpazifik verändert. Foto: Keystone

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Das Ozonloch über der Antarktis hat schon lange keine Schlagzeilen mehr gemacht. Seit die Verursacher, die Fluorchlorwasserstoffe (FCKW), praktisch nicht mehr produziert und verbraucht werden, ist laut der Weltorganisation für Meteorologie (WMO) die Erholung der Ozonschicht auf gutem Weg. Das heisst jedoch nicht, dass die Ozonforschung an Bedeutung verloren hat, wie die gestrige Meldung des Oeschger-Zentrums für ­Klimaforschung der Universität Bern zeigt: Die Ausdünnung der Gasschicht hat nicht nur dazu geführt, dass mehr UVB-Strahlen der Sonne auf die Erdoberfläche gelangen und dabei das Risiko für Hautkrebs bei Menschen vor allem auf der Südhalbkugel stark erhöht wird.

Die Berner Forscher zeigen nun einen bisher unbekannten Effekt: Das Ozonloch hat einen grösseren Einfluss auf Klimasysteme als erwartet. Es hat die Niederschläge im Südpazifik verändert – rund 10 000 Kilometer weit weg. In Französisch-Polynesien zum Beispiel ist der Regen von Oktober bis Dezember zwischen den 1960er- und 1990er-Jahren um 50 Prozent angewachsen.

«Der Effekt des Ozonlochs auf
das Klima ist beunruhigend.»
Stefan Brönnimann

«Die Region ist eine der intensivsten Regenzonen der Welt», sagt Stefan Brönnimann, Leiter der Studie, die eben in der Fachzeitschrift «Environmental Research Letters» erschienen ist.

Für den Berner Klimaforscher ist die Entdeckung eine Überraschung. Wie so oft in der Wissenschaft ist sie ein Zufallsbefund. Brönnimann wollte eigentlich den Klimaeffekt des Ozonlochs im tropischen Afrika untersuchen. «Es gibt dazu einige Studien, die aber nicht überzeugten», sagt der Klimaforscher. Vielleicht lag es an den anderen Klimamodellen oder daran, dass der Pazifik einfacher abzubilden ist als Äquatorialafrika, wo Monsunwinde eine wichtige Rolle spielen. Jedenfalls war das Signal sowohl im Modell als auch in Beobachtungsdaten stärker im Südpazifik als auf dem afrikanischen Kontinent. «Wir können statistisch eindeutig aufzeigen, dass der ­stärkere Niederschlag auf das Ozonloch zurückzuführen ist», sagt Brönnimann. «Etwa die Hälfte des Anstiegs kann so erklärt werden.»

Weitreichende Folgen

Der Wissenschaftler sagt zwar, dass eine Weltregion betroffen sei, die nicht sehr bevölkert ist. Dennoch gebe der Befund grundsätzlich zu denken: «Der Mensch stösst auf der Nordhalbkugel schädigende Substanzen aus, diese mischen sich global in der Atmosphäre, führen über der Antarktis auf der Südhalbkugel zu einer Ozonausdünnung, die wiederum weit weg das Klima beeinflusst.» Das sei beunruhigend – auch mit Blick auf die Konsequenzen des Klimawandels aufgrund der Treibhausgase, die durch die Verbrennung fossiler Brenn- und Treibstoffe entstehen.

Die Berner Forscher wendeten verschiedene Klimamodelle an und erstellten statistische Analysen der letzten 60 Jahre. Diese belegen, dass sich durch die Ausdünnung der Ozonschicht die Luftströmungen um die Polarregion veränderten. Bedeutend ist dabei die Temperatur in der Stratosphäre, also in der Luftschicht zwischen 10 und 30 Kilometer Höhe.

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Durch den Temperaturunterschied zwischen den kalten Polarregionen und den wärmeren subtropischen Zonen wird eine Luftströmung über der Antarktis in Gang gesetzt, der Polarwirbel. Durch die Ausdünnung der Ozonschicht fehlt das Gas, das sowohl die Erd­abstrahlung als auch das Sonnenlicht absorbiert und dadurch die Luftschichten der Stratosphäre aufwärmt. So wird die Stratosphäre über dem Pol weiter abgekühlt, was den Temperaturunterschied zu den nördlicheren Luftschichten erhöht. Die Konsequenz: Der Polarwirbel wird beschleunigt.

Das wirkt sich offensichtlich in der Polarregion auf die Strömung in den untersten Kilometern der Atmosphäre aus, wo die Westwinde Gebirge der südlichen Breiten wie die neuseeländischen Alpen überströmen. Der Einfluss des Ozonlochs auf die Westwinde hat einen Einfluss auf das Zirkulations­system der Luftmassen bis in die Tropen. «Dieser Effekt konnte noch nie gezeigt werden», sagt Brönnimann. Der Ozonabbau in der Vergangenheit sei offensichtlich ein entscheidender Treiber für den Klimawandel im tropischen Südpazifik gewesen.

Gute Prognosen

Bereits im Jahr 1974 warnten die Amerikaner Mario Molina und Frank Rowland vor einer Anreicherung der schwer abbaubaren FCKW, die weltweit für den Abbau der Ozonschicht verantwortlich sind. Die Öffentlichkeit nahm jedoch das gravierende Umweltproblem erst im Jahr 1985 wahr, als Satellitenmessungen die Zerstörung aufzeigten. Die Reaktion der Politik kam jedoch prompt. So trat im Jahr 1987 der völkerrechtlich verbindliche Vertrag des Montrealer Protokolls in Kraft. Dank dem Umweltvertrag ist die Produktion und der Verbrauch Ozon-abbauender Chemikalien, hauptsächlich der FCKW, um mehr als 90 Prozent gesenkt worden. Die Weltorganisation für Meteorologie geht heute davon aus, dass bis Mitte dieses Jahrhunderts die Ozonschicht wieder den natürlichen Zustand vor dem Jahr 1980 erreichen wird.

Dazu gibt es eine weitere gute ­Nachricht: Die Klimamodelle der Berner ­Forscher zeigen, dass mit der Erholung der Ozonschicht auch die Niederschläge in der Region von Polynesien zurück­gehen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.06.2017, 22:03 Uhr

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