Retter der bedrohten Arten

Um die vom Aussterben bedrohte, unspektakuläre Madagaskar-Ente zu schützen, müsse man im Zoo das Charisma eines Elefanten oder Löwen nutzen, sagt Theo Pagel.

Theo Pagel hielt vor seiner Karriere im Zoo schon Wüstenluchs, Stinktier und Waschbär. Foto: Matthias Jung/Laif

Theo Pagel hielt vor seiner Karriere im Zoo schon Wüstenluchs, Stinktier und Waschbär. Foto: Matthias Jung/Laif

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Eigentlich ist die Krokodilschwanzechse auf den ersten Blick nichts Besonderes. Nachts schläft sie im Regenwald auf Ästen im Uferbereich eines Bachs, tagsüber hockt sie meist reglos und gut verborgen im Grünen. Erst wenn Gefahr droht, macht sie auf sich aufmerksam und lässt sich blitzschnell ins Wasser plumpsen. Schliesslich ist sie eine gute Schwimmerin. Doch diese Vorsichtsmassnahme hat ihr offenbar nicht viel gebracht. Denn das rund 45 Zentimeter lange Reptil gehört zu den stark gefährdeten Arten, von denen es nur in China und Viet­nam noch einige wenige gibt. «Um die Art zu erhalten, züchten wir sie in unserer Forschungsstation in Viet­nam und setzen sie in ihrem natürlichen Lebensraum wieder aus», sagt Zoologe Theo Pagel. Denn sie sei die Letzte ihrer Art.

Moderne Zoos halten in ihren Gehegen nicht nur exotische Tiere, sondern sind heutzutage mehr und mehr auch eine Art Arche Noah für bedrohte Tierarten. «Wir wollen Arten retten, bevor sie ganz verschwinden», sagt der Direktor des Kölner Zoos und Präsident des Verbands der Zoologischen Gärten. Um dabei erfolgreich zu sein, muss man die nachgezüchteten Tiere auf die neue Situation gut vorbereiten und trainieren; ansonsten verhungern sie in der Wildnis oder werden selber sofort gefressen. Damit ein solches Projekt nachhaltig wirkt, versucht man, in den betroffenen Gebieten die Zerstörung des Lebensraums und auch die Wilderei zu stoppen. «Die Krokodil­schwanz­echse dient in Vietnam als eine Art Flaggschiff für den Erhalt anderer Arten und auch des Habitats», erklärt der 55-Jährige bei unserem Treffen in der Mittagspause des diesjährigen Rigi-Symposiums.

Gefährdet: Krokodilschwanzechse. Foto: PD

Rund 9500 Kilometer vom Auswilderungsprojekt in Südostasien entfernt, diskutierten am vergangenen Wochenende 30 Mitglieder des Verbands der Zoologischen Gärten, vorwiegend aus dem alpenländischen Raum, im Hotel Rigi Kulm, wie der Zoo der Zukunft aussehen könnte. Vor allem Zuchtprogramme in Zoos und in den Herkunftsländern vor Ort spielen für den Schutz bedrohter Arten eine zunehmend wichtige Rolle. Aber auch das Töten von Jungtieren ist Teil des heutigen Zoomanagements. Denn Tiere, die infolge Platzmangels weder in den eigenen Gehegen noch in anderen Einrichtungen untergebracht werden können, gelten als überzählig. «Es gibt leider keine vegetarischen Raubtiere», sagt Pagel. «So erhalten die Tiger in seinem Zoo als Futter hin und wieder statt einer beim Schlachter gekauften Ziege eine Antilope aus eigener Zucht, wenn diese nicht in eine andere, tierschutzgerechte Haltung überführt werden konnte.»

Ein Gecko mit Pagels Namen

Pagel sitzt jetzt an der Fensterfront im lichtdurchfluteten Restaurant, 1797 Meter über Meer, mit Blick auf blauen Himmel, schneebedeckte Berge und ein paar japanische Touristen, die sich draussen bei Temperaturen von minus vier Grad mit Alpenpanorama fotografieren. Weit und breit kein wildes Tier sichtbar, sodass er ungestört vom Engagement der Zoos beim Artenschutz schwärmen kann. Zu Recht. Denn Pagels Mitarbeiter haben allein in Laos und Vietnam bis zu 80 neue Wirbeltierarten entdeckt und neu beschrieben. Darunter ein hellgrüner Ruderfrosch, ein brauner Krokodilmolch mit orangen Fingern und ein Bogenfingergecko, der nach ihm getauft wurde und Cyrtodactylus pageli heisst – als Dank für die Unterstützung.

Hat er ein Lieblingstier? Ja, aber jeden Tag ein neues, sagt er lachend. Wenn der Fokus sich verändere, sei ein anderes dran, das ihn fasziniere. Als Schüler und Student habe er in Duisburg gewohnt und in einem grossen Innenhof Stinktier, Waschbär, Wüstenluchs und verschiedene Vogelarten gehalten. Schon damals besass er eine Leidenschaft für Tiere und stand in engem Kontakt und Austausch mit dem Zoo, der unweit von seinem Wohnort lag. Grundsätzlich hänge er aber sehr am Balistar, sagt Pagel. Der weisse Vogel mit den nackten, blauen Hautpartien ums Auge singe zwar nicht wie ein Superstar, sei aber aussergewöhnlich, da es keinen echten Wildvogel mehr gebe, sondern nur noch ausgewilderte Exemplare. Dass der Balistar wieder in der Natur vorkommt, ist auch mit sein Verdienst.

Seine erste wissenschaftliche Arbeit machte Pagel dagegen über das Verhalten der Pinselzungenpapageien, die mit ihren Papillen auf der Zunge die Pollen der Blüten effizient abbürsten. «Ich freue mich», sagt der heutige Zoodirektor, «aber auch über die grossen Tiere wie das Flusspferd, für das wir in Swasiland ebenfalls Schutzprojekte laufen haben.» In Köln würden sie ihre kleine Population tunlichst kontrollieren, jede Dame bekäme täglich eine bricketgrosse Verhütungspille.

In der Schweiz oder auch in Deutschland haben Zoos jedes Jahr deutlich mehr Besucher als alle anderen kulturellen Einrichtungen oder auch kostenpflichtige Fussballspiele. «Deshalb müssen wir unseren Bildungsauftrag ernst nehmen», betont Pagel. «Wichtig ist es dabei, dass der Besucher nicht nur ein Auge hat für die sehr charismatischen Tiere wie etwa Löwe, Gorilla oder Elefant, sondern auch die kleine, unspektakuläre, graubraune Mada­gaskar-Ente nicht vergisst, die kurz vor dem Aussterben steht.» Leider müsse er aber immer wieder feststellen, dass es in der öffentlichen Wahrnehmung «First-Class-Tiere» und «Second-Class-Tiere» gebe. Deshalb sei es unerlässlich, den besonderen Charme des einen zu nutzen, um auch etwas für alle anderen bedrohten Arten zu tun.

Wie dramatisch ist der Verlust einer Tierart? Das könne man nicht beziffern, antwortet Pagel. Man müsse es stets im Zusammenhang mit dem Schutz des gesamten Lebensraums sehen, auch wenn man eine gelungene Wiederansiedelung meist an einer einzelnen Art erzähle. Vor hundert Jahren waren in der Schweiz Bartgeier, Steinbock und Luchs ausgerottet. Heute sind sie alle durch erfolgreiches Projektmanagement wieder zurück. «Ich bin in der Generation aufgewachsen, als der Wanderfalke durch das Pflanzengift DDT praktisch vor dem Aus stand», sagt Pagel. Jetzt brüteten dessen Weibchen wieder am Hochhaus hinter dem Kölner Zoo. Das sei doch toll.

Ein grosses Anliegen ist ihm der Kampf gegen Wilderei und illegalen Tierhandel. Ein spezielles Erlebnis war in diesem Zusammenhang ein Anruf der Polizei vor drei Jahren während der Weihnachtsfeier im Zoo. In einem Hotelflur in Köln wurde erst eine kleine Schlange gefunden, später in Koffern von Hotelgästen aus Hongkong rund 600 Amphibien und Reptilien. Zum Teil seltene Arten, die aus Wildfängen stammten und in Plastikdosen und Jutetaschen versteckt waren. Das Auspacken, sagt der Zoodirektor, sei eine Bescherung der besonderen Art gewesen. Es habe Stunden gedauert, alle Tiere zu bestimmen und zu versorgen. Doch nicht nur die Rettung der Krokodilschwanz­echse in Vietnam, sondern auch eine solche Dienstleistung gehöre zu den Aufgaben eines modernen Zoos.

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 22.01.2016, 18:17 Uhr)

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