«Too connected to fail»
Interview: David Hesse, Res Strehle in Zürich. Aktualisiert am 29.10.2011 49 Kommentare
Finanzinstitute besonders dominant
Die Weltwirtschaft als Spielball einer kleinen Riege mächtiger Grosskonzerne: Was bislang nur ein dumpfes Gefühl bei zahlreichen Experten und Globalisierungskritiker war, ist nun mit harten Fakten unterlegt worden. Forscher der Eidgenössischen Technischen Universität Zürich (ETH) fanden heraus, dass eine «Super-Einheit» aus 147 Firmen die Fäden der globalen Wirtschaft in der Hand hält.
Für ihre Studie «The network of global corporate control» (Das Netzwerk der globalen Kontrolle der Unternehmenskontrolle) untersuchte das dreiköpfige Forscherteam erstmals, welche Unternehmen die Weltwirtschaft kontrollieren und wie weit deren Einflussbereich reicht. Das Ergebnis: Die Macht der Finanzinstitutionen ist enorm. An der Spitze der 50 mächtigsten Unternehmen steht die britische Barclays Bank, die Deutsche Bank findet sich hinter zahlreichen anderen Finanzinstituten auf Rang 13 wieder.
Grundlage der Studie war eine Datenbank aus dem Jahr 2007, die Informationen über 37 Millionen internationale Unternehmen und Investoren enthält. Die Autoren stiessen dabei auf eine Gruppe von insgesamt 43.000 Konzerne, in der nur einige wenige Unternehmen grossen Einfluss haben. Daraus ergaben sich wiederum 1.318 Konzerne, die durchschnittlich an 20 anderen Unternehmen beteiligt waren. In diesem Kreis entdeckten die Wissenschaftler ein geschlossenes Netzwerk einer besonders einflussreichen «Super-Einheit», deren 147 Mitglieder sich gegenseitig kontrollieren.
Obwohl diese Firmen nur ein Prozent der Firmen ausmachten, kontrollierten sie mehr als 40 Prozent der 43.000 untersuchten Unternehmen, schrieb die «Frankfurter Rundschau», die am Dienstag über die Studie berichtet hatte.
Einer der Autoren der Studie, James B. Glattfelder, äusserte sich gegenüber der «Frankfurter Rundschau» kritisch über die starke Machtkonzentration. «Nationale Beteiligungsanalysen haben gezeigt, dass kleine, hochvernetzte Gruppen schlecht für den Wettbewerb sind», erklärte er. (dapd)
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Die 50 einflussreichsten Firmen
1. BARCLAYS PLC GB
2. CAPITAL GROUP COMPANIES INC US
3. FMR CORP US
4. AXA FR
5. STATE STREET CORPORATION US
6. JPMORGAN CHASE & CO. US
7. LEGAL & GENERAL GROUP PLC GB
8. VANGUARD GROUP, INC. US
9. UBS AG CH
10. MERRILL LYNCH & CO. INC. US
11. WELLINGTON MANAGEMENT CO. L.L.P. US
12. DEUTSCHE BANK AG DE
13. FRANKLIN RESOURCES, INC. US
14. CREDIT SUISSE GROUP CH
15. WALTON ENTERPRISES LLC US
16. BANK OF NEW YORK MELLON CORP. US
17. NATIXIS FR
18. GOLDMAN SACHS GROUP, INC. US
19. T. ROWE PRICE GROUP, INC. US
20. LEGG MASON, INC. US
21. MORGAN STANLEY US
22. MITSUBISHI UFJ FINANCIAL GROUP, INC. JP
23. NORTHERN TRUST CORPORATION US
24. SOCIÉTÉ GÉNÉRALE FR
25. BANK OF AMERICA CORPORATION US
26. LLOYDS TSB GROUP PLC GB
27. INVESCO PLC GB
28. ALLIANZ SE DE
29. TIAA US
30. OLD MUTUAL PUBLIC LIMITED COMPANY GB
31. AVIVA PLC GB
32. SCHRODERS PLC GB
33. DODGE & COX US
34. LEHMAN BROTHERS HOLDINGS, INC. US
35. SUN LIFE FINANCIAL, INC. CA
36. STANDARD LIFE PLC GB
37. CNCE FR
38. NOMURA HOLDINGS, INC. JP
39. THE DEPOSITORY TRUST COMPANY US
40. MASSACHUSETTS MUTUAL LIFE INSUR. US
41. ING GROEP N.V. NL
42. BRANDES INVESTMENT PARTNERS, L.P. US
43. UNICREDITO ITALIANO SPA IT
44. DEPOSIT INSURANCE CORPORATION OF JP JP
45. VERENIGING AEGON NL
46. BNP PARIBAS FR
47. AFFILIATED MANAGERS GROUP, INC. US
48. RESONA HOLDINGS, INC. JP
49. CAPITAL GROUP INTERNATIONAL, INC. US
50. CHINA PETROCHEMICAL GROUP CO. CN
Vitali S, Glattfelder JB, Battiston S, 2011: The Network of Global Corporate Control.
http://arxiv.org/abs/1107.5728
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Korrektur-Hinweis
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Laut Ihrer Forschung kontrollieren einige wenige Firmen die Weltwirtschaft. Wie soll das gehen?
Glattfelder: Wir haben aufgezeigt, dass 737 Firmen rund 80 Prozent des Marktes kontrollieren. Eine hoch vernetzte Kerngruppe von 147 Firmen kontrolliert allein sogar fast 40 Prozent. Das kleine Netzwerk besteht fast nur aus britischen und amerikanischen Banken und Finanzfirmen. Diese Erkenntnis hat uns überrascht. Im angelsächsischen Kapitalismus sollte eigentlich Besitzdemokratie herrschen. Tritt man aber einen Schritt zurück, sieht man, dass alle Fäden in sehr wenigen Händen enden.
Wie funktioniert Ihr Schritt zurück?
Battiston: Wir haben die Besitzverhältnisse von etwa 43'000 transnationalen Konzernen überprüft. Das heisst, wir haben geprüft, von welchen anderen Firmen die transnationalen Unternehmen direkt oder indirekt Anteile besitzen, und wir haben geprüft, welche grossen Aktionäre Anteile an den transnationalen Unternehmen besitzen.
Wie messen Sie Kontrolle?
Battiston: Aktionäre, die genügend Anteile von einer Firma besitzen, um in ihr Stimmrechte zu haben, können Kontrolle ausüben. Wie viel und unter welchen Umständen, da gehen die Meinungen auseinander. Im konservativen Szenario ist Kontrolle proportional zur Anzahl Aktien, die «one share, one vote»-Regel. Volle Kontrolle hat man also nur mit einer absoluten Mehrheit der Stimmen. Aber Kontrolle übt man de facto auch aus, wenn man eine relative Mehrheit besitzt, mehr als die übrigen Mitbesitzer, die nur kleine Anteile halten. Wir haben mit drei verschiedenen Kontrollszenarien gerechnet, und alle haben zu fast derselben Erkenntnis geführt.
Besitz ist aber doch nicht automatisch Kontrolle?
Battiston: Unsere Arbeit ist eine wissenschaftliche Studie. Die Daten zeigen einfach, was wir nicht ausschliessen können. Sie zeigen, wo Finanzakteure potenziell Einfluss nehmen könnten.
Und einige Firmen haben einen potenziell riesigen Einfluss?
Battiston: Genau. Einige wenige Finanzinstitute könnten, wenn sie wollten, starke Kontrolle ausüben. Unsere Studie zeigt aber auch: Diese Firmen sind eng miteinander vernetzt. Wenn der einen Firma etwas zustösst, kann das andere anstecken. Das gefährdet die Stabilität des Systems. Genauso wichtig wie «too big to fail» ist folglich «too connected to fail». Es gibt Firmen, die sind zu vernetzt, als dass man sie scheitern lassen könnte, ohne andere zu gefährden.
Vernetzung ist hier also negativ?
Battiston: Nicht unbedingt. Mit all ihren Abhängigkeiten interessieren sich die Firmen auch gegenseitig für ihr Wohlergehen. Wenn ich Anteile Ihrer Firma besitze, bin ich froh, wenn Ihre Firma gesund ist und ihr Wert steigt. Hinter dem vordergründigen Wettbewerb stehen dann gemeinsame Interessen, vielleicht sogar stille Vereinbarungen.
Wie passt dazu, dass einzelne US-Investmentbanken kurz vor dem Höhepunkt der Finanzkrise 2008 versucht haben, ihren Konkurrenten im selben Netzwerk wertlose Papiere anzudrehen? Battiston: Den Fall müsste ich genauer ansehen. Aber natürlich, viele Firmen versuchen weiterhin, besser als andere zu sein. Unsere Forschung lässt jedoch vermuten, dass es auch Situationen gibt, in welchen sie als Gruppe agieren.
Wissen die Chefs der 147 Firmen von ihrer Macht, oder haben sie erst durch Ihre Studie davon erfahren?
Glattfelder: Diese Frage beschäftigt uns auch: Ist hier eine Verschwörung im Gange, geschieht die Hypervernetzung einiger weniger mit Absicht? Oder ist die Machtstruktur allein durch Netzwerkdynamik und Selbstorganisation entstanden? Wir glauben Letzteres.
Eine natürliche Machtballung?
Glattfelder: Sehr wenige haben sehr viel, sehr viele haben sehr wenig – auf diese Verteilung stösst man auch überall in der Natur, wo Interaktion in komplexen Systemen herrscht.
Battiston: Wir glauben nicht, dass sich die Akteure im Kern heimlich abgesprochen und diese Struktur mit Absicht geschaffen haben. Wahrscheinlich entstand sie durch die Marktmechanismen, also in der Tat natürlich. Das heisst aber nicht, dass sie deshalb gut ist für unsere Wirtschaft und Gesellschaft.
Ihre Studie könnte aber auch die Verschwörungsthese stützen.
Glattfelder: Sicher, deshalb sieht sich ja auch die Occupy-Wall-Street-Bewegung durch unsere Forschung voll bestätigt: Ein paar Mächtige regieren die Welt.
Sie glauben das nicht?
Glattfelder: Nun, wir haben aufgezeigt, dass es tatsächlich eine kuriose Machtstruktur gibt. Aber wir glauben nicht, dass sie gezielt geschaffen wurde.
Sollte die Politik versuchen, die aufgezeigte Struktur zu verändern?
Glattfelder: Das zu beantworten, liegt nicht an uns. Wir spielen nur die Türöffner und zeigen, wie die globale Wirtschaft strukturiert ist. Weiterdenken müssen andere.
Battiston: Ökonomen, Politiker und Naturwissenschaftler sollten sich dieser Frage gemeinsam annehmen. Wenn sich zeigt, dass wir hier ein Problem haben, dann geht das Thema die ganze Gesellschaft an. Wir müssen entscheiden, ob wir eine Weltwirtschaft wollen, die abhängig ist von einem kleinen Kern von Finanzfirmen.
Was wären die Alternativen?
Battiston: Man könnte sich eine Wirtschaftswelt mit mehreren Kernen wünschen und die entsprechenden Regulierungen politisch vorantreiben.
Gegen die Marktkräfte?
Battiston: Markt und Wettbewerb entstehen nicht natürlich, sondern durch Wettbewerbspolitik. Der freie Markt fördert offenbar die Entstehung eines einzigen Machtkerns. Wenn eine Firma global gross werden will, wird sie in den Club der Grossen drängen und sich mit ihnen vernetzen. Seit 2007, dem Ausgangspunkt unserer Untersuchung, hat sich die Zusammensetzung des Clubs deshalb wohl verändert. Aber das ist für uns nicht so wichtig. Entscheidend ist, dass es einen solchen Kern gibt und wie er funktioniert.
2007 stellten die USA und Westeuropa den Kern der meistkontrollierenden Firmen. Haben inzwischen Firmen aus aufstrebenden Ländern wie China oder Indien an Bedeutung gewonnen?
Glattfelder: Das halten wir für wahrscheinlich, ja. In unserem Datensatz von 2007 gehörten erst eine Handvoll indischer Firmen und ein russischer Konzern zu den 737 global kontrollstärksten Unternehmen.
Inwieweit hat die Finanzkrise Ihre Forschung inspiriert?
Battiston: Wir haben bereits vorher damit begonnen. Aber unsere Erkenntnisse könnten helfen, die gegenseitigen Abhängigkeiten von Firmen, Staaten und anderen Akteuren zu verstehen.
Lassen sich Krisen vorhersehen?
Battiston: Das scheint uns sehr ambitioniert. Der genaue Tag einer Krise lässt sich sicher nicht voraussagen. Aber wenn ich das mit einem Bild aus der Verkehrssicherheit umschreiben darf: Wir wollen das Bremssystem verbessern. Wenn Sie ein Auto fahren und die Bremsen sind ausgeleiert, dann werden Sie nicht voraussagen können, in welcher Kurve die Bremsen endgültig versagen und Sie verunfallen. Es genügt, wenn das System erkennt, dass die Bremsen gefährdet sind und Sie davor warnt, in die Berge zu fahren.
Ihr System ermöglicht Warnung?
Battiston: Wir haben eine Art Röntgenaufnahme gemacht und eine Struktur gefunden, die viele bisher nur vermutet hatten. Unser Bild ist noch nicht sehr genau. Es ist vergleichbar mit den ersten Landkarten: Exakt sind sie noch nicht, aber wenn man im Mittelmeer navigieren muss, ist es besser, eine grobe Karte zu haben als gar keine. Wir haben die grobe Struktur, nun sollten wir andere Forscher ins Mittelmeer entsenden, um die Küstenlinie exakt aufzunehmen.
Wie weit ist die Politik mit dem mächtigen Firmenknäuel verbandelt? George W. Bush wie auch Barack Obama wird eine zu grosse Nähe zur Wallstreet nachgesagt.
Battiston: Es wäre toll, wenn wir das wüssten. Wirtschaft und Gesellschaft sind durch viele Netzwerke verbunden: Verwaltungsräte, Politiker, Kreditoren. Leider ist mir keine Datenbank bekannt, die solche Beziehungen zwischen Wirtschaft und Einzelpersonen aufzeichnet.
Ihre Modelle operieren mit riesigen Datenmengen. Können Sie da einzelne Personen überhaupt sehen?
Glattfelder: Im globalen Netzwerk erscheinen Individuen erst etwa ab Rang 80. Sie scheinen ihre Investments anders zu strukturieren. Aber in den nationalen Ranglisten tauchen Einzelfiguren wie Warren Buffett durchaus auf. Seine Firma Berkshire Hathaway rangiert bei uns weltweit auf Platz 160.
In der Wissenschaft arbeitet man derzeit oft mit sehr grossen Datenmengen und simuliert ganze Welten. Woher kommt dieser Trend?
Battiston: Es sind immer grössere Datenmengen verfügbar. Seit Ende der 90er-Jahre kann man Terabytes speichern. Dank neuer Computertechnologie können wir sie nun auch verarbeiten. Wir haben allein in unserem Büro eine Datenbank mit 37 Millionen Firmen ausgewertet. Noch vor kurzem hätte eine Hochschule wie die ETH dafür ihre gesamten Ressourcen aufbieten müssen.
Die Existenz von riesigen Daten und schnellen Rechnern verführt Sie?
Battiston: Nein. Wir gehen wichtige Fragen auf neue Weise an. Bisherige Studien zu Wirtschaftskrisen haben sich meist auf einzelne Institutionen konzentriert. Aber diese Institutionen sind vernetzt. Empfehlungen an einzelne Akteure können die Krise verschlimmern, weil sie nicht berücksichtigen, was für das gesamte Netzwerk am besten wäre. Wenn wir lokal Stabilität forcieren, kann dies global gesehen Instabilität erzeugen.
Glattfelder: Die Wissenschaft verändert sich. Mit herkömmlichen Gleichungen lässt sich die komplexe und vernetzte Realität nicht mehr erklären.
(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 29.10.2011, 15:38 Uhr
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49 Kommentare
Die Studie kommt zum gleichen Resultat wie das Spiel Monopoly. Ich denke auch, dass die Machtkonzentration nicht von langer Hand geplant war. Nun, da sie aber existiert, sprechen sich die einzelnen Akteure ab (siehe auch Bilderberg-Treffen). Interessant wäre es, wenn neben den Namen der Firmen auch die der Besitzer bekannt würden. Evt. sind es dann noch eine Handvoll Familien? Antworten
"Markt und Wettbewerb entstehen nicht natürlich, sondern durch Wettbewerbspolitik. Der freie Markt fördert offenbar die Entstehung eines einzigen Machtkerns."
Eine bedenkenswürdige Tatsache, die sich all jene zu Herzen nehmen sollten, die den freien Markt als Naturgesetz sehen.
Antworten
Familie, Beruf und Studium
Sonia Uhlmann ist keine typische Studentin. Dank Fernstudium hat sie den Master trotzdem geschafft.
Live @ Sunset
11. bis 22. Juli - Zürich Dolder u.a. mit B.B. King, Elton John und Alanis Morissette!

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