Ungestillter Durst nach Tiefseeöl
Von Peter Nonnenmacher. Aktualisiert am 30.10.2011
Nun soll es wieder in die Tiefe gehen – und das nicht nur im Golf von Mexiko. Während BP aus Washington just erfahren hat, dass es sich erneut um Drill-Lizenzen für den Golf bewerben darf, sieht sich der Öl- und Gasriese zugleich von der Regierung in London ermutigt, auch auf dieser Seite des Atlantik tief unterm Wasserspiegel nach dem «schwarzen Gold» zu bohren.
Bisher hat sich der Konzern sein Öl vor den schottischen Küsten höchstens aus einer Tiefe von 500 Metern geholt. Nun will er, um an weitere begehrte Öl-Reserven zu kommen, in 1300 Meter Tiefe fündig werden. In Unst, im Nordwesten der Shetlandinseln, sollen im Januar entsprechende Probebohrungen beginnen. Ein Schiff für diese Bohrungen, die Stena Carron, ist bereits geordert. Ein Antrag auf Genehmigung liegt auf dem Tisch des britischen Umweltministers Chris Huhne.
Bohren in rauer See
Vor Weihnachten noch soll die Sache entschieden sein. Und niemand erwartet, dass Huhne Schwierigkeiten machen wird. Mithilfe der neuen Bohrungen will BP nämlich, wie es schon gelobt hat, die Ölausbeutung in der Region «bis ins Jahr 2050 hinein» sichern. Umweltschützern in Schottland und im ganzen Vereinigten Königreich ist der Plan hingegen der reinste Horror. Die Bohrungen in Unst würden nämlich in etwa so tief ansetzen wie die im Golf von Mexiko – aber in einer wesentlich raueren, stürmischeren See, mit langen, finsteren Wintern.
Für Britanniens grüne Verbände rechtfertigt jedenfalls kein noch so grosser Ölreichtum das Risiko einer Verseuchung der heimischen Meere. Kostbare Fischbestände und zahllose seltene Vogelarten, Wale, Seelöwen und Delfine wären im Falle einer Katastrophe bedroht, warnen die einschlägigen Organisationen, von Greenpeace über Friends of the Earth (FoE) bis hin zum World Wide Fund for Nature (WWF). Ausserdem sei es «verrückt», dass sich das Königreich auf weitere Jahrzehnte hin ans Öl, an eine derart klimaschädliche Energieform, binde, während es echte Alternativen zur Sicherung der britischen Energieversorgung gebe.
«Politische Skupellosigkeit»
Vor allem können die Kritiker von BP nicht verstehen, dass nach dem Deepwater-Horizon-Schock im Golf von Mexiko nun im nordwesteuropäischen Raum «eine derart riskante Technologie» eingesetzt werden soll. «Es wäre ein Streich politischer Skrupellosigkeit, wenn Chris Huhne diesen Plan befürworten würde, als hätte es Deepwater Horizon nie gegeben», meint der britische Greenpeace-Direktor John Sauven. «Statt unserer empfindlichen Umwelt die letzten Tropfen Öl abzupressen, sollten Minister wie Huhne eher eine umfassende Strategie entwickeln, die uns von unserer Abhängigkeit vom Öl-Tropf befreien kann.»
Bei BP beharrt man wiederum darauf, aus der US-Katastrophe gelernt und seither stringente neue Sicherheitsvorkehrungen getroffen zu haben. Im Rahmen dieser Sicherheitsplanung hat das Unternehmen freilich auch, um seinen gesetzlichen Pflichten nachzukommen, ein «Szenario des schlimmsten Falles» entwerfen müssen, das seine Kritiker nun erst recht in Aufregung versetzt.
GAU «ganz unwahrscheinlich»
Der Öl-GAU vor den Shetlandküsten geht nämlich im Falle eines Unglücks von einem mächtigen, 140 Tage lang sprudelnden Tiefsee-Leck aus. Mehr als 10 Millionen Barrel Öl könnten bei einer solchen Katastrophe freigesetzt werden, haben Kalkulationen des Unternehmens ergeben. Das wäre die doppelte Menge des Öls, das bei Deepwater Horizon in den Golf von Mexiko gelangte, bevor BP die Lage in den Griff bekam.
Natürlich sei ein solcher Fall «ganz unwahrscheinlich», versucht der Konzern die Öffentlichkeit zu beschwichtigen. Die Kalkulation sei «reine Theorie». Man wisse, wie ein solcher Fall zu verhindern sei. Richard Dixon vom Tierschutzbund WWF Schottland, spricht dagegen von einem «realistischen Szenario – so etwas könnte durchaus passieren». Eine solche Katastrophe wäre hundert Mal schlimmer, als es das Braer-Desaster von 1993 war, rechnet Dixon vor. Damals lief vor der Shetlandküste ein Tanker auf Grund und verlor in der Folge 85 000 Tonnen Öl. Die Shetländer hatten monatelang mit den Konsequenzen des Unglücks zu kämpfen.
Im hohen britischen Norden ist das Braer-Unglück den Leuten in lebhafter Erinnerung geblieben. Vielen Schotten behagt ohnehin nicht, dass die Ölkonzerne in den weniger tiefen Gewässern der Region, wie am Clair Ridge westlich der Shetlands, gerade wieder massive neue Bohrungen in Gang setzen.Allein BP will 4,5 Milliarden Pfund investieren, um «nach einem Jahrzehnt des Niedergangs» die Ölproduktion in der Nordsee und am Ostrand des Atlantik «neu zu beleben», wie BP-Boss Bob Dudley feierlich erklärt. Insgesamt planen eine Handvoll Ölkonzerne mit BP an der Spitze, in den nächsten fünf Jahren fast 10 Milliarden Pfund in den Ölabbau zu investieren. Mehrere hundert neue Arbeitsplätze sollen geschaffen werden. Beträchtliche Steuergelder werden dem britischen Staat zufliessen.
Die Regierung will bohren lassen
Regierungschef David Cameron könnte sich kaum etwas Besseres vorstellen. Eine «massive Ankurbelung des Wachstums» verspricht sich Cameron von der Clair-Ridge-Aktion, für die er bereits grünes Licht gegeben hat. Es sei nun mal für die britische Nation «ein enormer Vorteil, so eine brilliante Öl- und Gasindustrie zu haben. Wir sollten das zu schätzen wissen. Wir sollten mehr davon wollen. Wir sollten dafür sorgen, dass diese Industrie wächst und immer weiter wachsen kann.» Zuerst Clair Ridge, dann Unst, die tieferen Meeresböden. Cameron hat wenig Zweifel daran gelassen, wo er in dieser Frage steht. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 30.10.2011, 10:38 Uhr
Familie, Beruf und Studium
Sonia Uhlmann ist keine typische Studentin. Dank Fernstudium hat sie den Master trotzdem geschafft.
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