Warum es überall Schwule und Lesben gibt

Einer neuen Theorie zufolge bestimmt unter anderem auch die Epigenetik mit über die sexuelle Orientierung eines Menschen.

Schwule und lesbische Teilnehmer der Gay-Pride-Parade in New York. Foto: Keystone

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Beschäftigen sich Evolutionsbiologen mit dem Thema Homosexualität, stehen sie gleich vor zwei grossen Rätseln: Wieso bleibt die Zahl homosexueller Menschen über viele Kulturen und lange Zeiträume hinweg nahezu gleich, obwohl Schwule und Lesben im Durchschnitt weniger Kinder zeugen? Und wieso gibt es eindeutige Hinweise auf eine biologische Ursache des Phänomens, etwa dass Homosexualität innerhalb mancher Familien gehäuft auftritt, obwohl sich trotz intensiver Suche ­keinerlei sogenannte Homosexuellen-Gene finden lassen.

Jetzt bietet die junge Wissenschaft der Epigenetik zumindest in der Theorie eine Lösung an. Demnach bilden sich ab­hängig vom Geschlecht kurz nach der Befruchtung eines Eis epige­­netische Veränderungen im Genom. Männliche Embryonen erhalten eine Art Programm, das die Wirkung des erst später auftauchenden männlichen Geschlechtshormons Testosteron verstärkt. Weibliche Föten werden hin­gegen darauf geprägt, auf Testosteron abgeschwächt anzusprechen.

Von Generation zu Generation

So kanalisiert – zumindest in der Theorie – die Epigenetik schon frühzeitig die spätere, von Hormonen angestossene Entwicklung der Geschlechtsmerkmale in die vorgegebene Richtung. Die tatsächlich gemessene Botschaft der Hormone ist nämlich oft gar nicht so ein­deutig. Im Laufe der frühkindlichen ­Entwicklung passiert es zum Beispiel oft, dass Mädchen zumindest zeitweilig mehr Testosteron produzieren als gleichaltrige Jungen. Zudem weichen die mittleren Hormonwerte von Kindern beiderlei Geschlechts kaum voneinander ab. Eine geschlechtsabhängige epigenetisch gesteuerte Verstärkung oder Abschwächung der Hormonwirkung würde dieses Dilemma elegant lösen.

Das gelegentliche Auftreten der Homosexualität wäre dieser Theorie zufolge eine logische Konsequenz daraus, dass die frühkindlich gesetzten epigenetischen Schalter in manchen Fällen an die folgende Generation vererbt werden. Wurde die epigenetische Botschaft eines Elternteils in der Keimzelle nämlich nicht vollständig gelöscht, erbt das Kind auch dessen Prägung. Bleibt dabei das Geschlecht gleich, etwa indem ein Mädchen die Schalter seiner Mutter erbt (welche die Wirkung von Testosteron ja abschwächen), sollte das die späteren sexuellen Merkmale noch verstärken.

Epigenetische Schalter

Erbt ein Kind jedoch die Strukturen des gegengeschlechtlichen Elternteils, schwächen sich diese ab. Für die sexuelle Orientierung heisst das: Erbt ein Mann das die Wirkung des Testosteron abschwächende epigenetische Programm seiner Mutter oder eine Frau das verstärkende Programm des Vaters, ­erhöht sich die Wahrscheinlichkeit für Bi- oder Homosexualität.

Die Forscher hoffen nun, dass Epi­­genetiker die neue Theorie testen. Eine solche Überprüfung sei heute nicht mehr kompliziert. Gelänge der Beweis, wäre die biologische Ursache der Homosexualität geklärt. In betroffenen Familien wäre die Veranlagung erhöht, epigenetische Schalter weiterzugeben. Ein «Schwulen-Gen» existiere dort nicht.

Noch viel wichtiger wäre aber eine andere Erkenntnis: Gleichgeschlechtliche Liebe ist danach weder eine Krankheit noch ein Erziehungsprodukt, wie noch heute erschreckend viele Menschen weiterhin annehmen, sondern eine ganz normale, evolutionsbiologisch nachvollziehbare Variante menschlichen Verhaltens.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 16.12.2014, 18:02 Uhr

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