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Was der Wolf die Schweiz kostet

Von Jürg Steiner. Aktualisiert am 06.09.2009

Das Management der derzeit rund 12 wilden Wölfe in der Schweiz kostet Bund und Kantone eine Stange Geld. Wäre es billiger und einfacher, die umstrittenen Raubtiere abzuschiessen?

Wenn der Wolf zuschlägt, wirds für den Schafbauer teuer: Das Raubtier wird in der Schweiz nicht von allen gern gesehen.

Wenn der Wolf zuschlägt, wirds für den Schafbauer teuer: Das Raubtier wird in der Schweiz nicht von allen gern gesehen.
Bild: Keystone

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Der Wolfsbestand in der Schweiz wächst stetig. Genetisch einwandfrei nachgewiesen, sind in der Schweiz derzeit ein Dutzend eingewanderte Wölfe in elf Kantonen. Einer davon ist auch im Kanton Bern unterwegs. Die Fachleute des Bundesamts für Umwelt (Bafu) gehen davon aus, dass sich schon heute fünf bis sechs weitere Wölfe unbemerkt in die Schweiz geschlichen haben, und sie rechnen damit, dass die Population künftig um einige Tiere pro Jahr zunimmt. Mindestens zwei Weibchen gehören zum aktuellen Schweizer Wolfsbestand. Das bedeutet: Bald werden sich erste Rudel bilden, die «einheimischen» Nachwuchs zeugen.

Der Wolf, international streng geschützt, macht sich breit in der Schweiz, wo er Ende des 19. Jahrhunderts ausgerottet wurde. Er nimmt ein ursprüngliches Territorium wieder in Beschlag. Das könnte man als versöhnliche Rückkehr zu einem früheren ökologischen Gleichgewicht sehen. Aber so natürlich läuft es in der Schweizer Wildnis nicht. Das Comeback des Wolfs ist nur möglich, weil er Manager in der Bundesverwaltung hat, die ihn unterstützen – unter anderem mit Geld.

Die Guideline, der die Wiederansiedlung des Raubtiers folgt, heisst «Konzept Wolf» und ist seit einigen Jahren in Kraft. Das behördliche Papier legt die Rechte und Pflichten von Wolf und Mensch fest. Der zentrale Punkt: Der Wolf darf nicht geschossen werden, solange er sich nicht übermässig an Schafen vergreift.

Wolf bringt Geld

Reisst er – von Wildhütern bestätigt oder nachgewiesen durch DNA-Proben – mehr als 25 Schafe binnen eines Monats, manövriert er sich subito auf die Agenda mehrerer Staatsangestellter. Der eidgenössische Jagdinspektor sowie die Jagdverwalter der vom wildernden Wolf betroffenen Kantone müssen sich an einer Sitzung einigen, ob der Wüterich zur Verhütung weiterer Schäden aus dem Verkehr gezogen werden soll. Das ist meist ein kurzer Prozess, durchgespielt kürzlich im Wallis: Ein Wolf, der über 100 Schafe auf dem Gewissen hatte, wurde zum Abschuss freigegeben und nach mehreren Tagen Jagd erlegt.

Das «Konzept Wolf» kann auch als eine Art Businessplan gelesen werden, der Kosten und Nutzen des geheimnisvollen Räubers auflistet. Denn der wilde Wolf löst in der geordneten Staatsbürokratie wachsende Zahlungsflüsse aus – besonders, wenn er Schafe reisst.

Ungefähr 250'000 Schafe werden in der Schweiz gesömmert. Zwischen 8000 und 12'000 von ihnen kommen jedes Jahr auf der Alp um – durch Krankheit, Absturz, Steinschlag. Das sind unentschädigte Verluste.

Anders ist es, wenn der Wolf zuschlägt. Rund 200 Schafe fielen ihm diesen Sommer bis jetzt zum Opfer. Damit werde 2009 ein teures Wolfsjahr, sagt Reinhard Schnidrig, eidgenössischer Jagdinspektor beim Bafu. Von Wölfen getötete Schafe werden ihren Besitzern entschädigt, zu 80 Prozent vom Bund, zu 20 Prozent vom Kanton. Die dafür beim Bafu pro Jahr vorgesehene Kreditspanne von 30'000 bis 100'000 Franken dürfte 2009 ausgeschöpft werden, so Schnidrig.

Das sind längst nicht die einzigen Zahlungen, die durch Schweizer Wälder streifende Wölfe auslösen. Sie lassen etwa auch den behördlichen Geldfluss zu den Schafbauern anschwellen. 300'000 Franken pro Jahr hat Schnidrig für Herdenschutzmassnahmen – hauptsächlich die Besoldung von Hirten und die Einführung von Schutzhunden – beim Auftreten von Grossraubtieren (Bär, Luchs, Wolf) zur Verfügung. Weitere rund 500'000 Franken kostet die Beratung der Kantone und der Schafbauern. Ein Grossteil dieser Beträge geht derzeit auf das Konto des Wolfs.

Grossraubtiere sind auch fleissige Arbeitsbeschaffer für die Wissenschaft. Rund 400'000 Franken im Jahr gibt das Bafu aus für das Monitoring von Wolf, Luchs und Bär, das die spezialisierte Forschungsinstitution Kora in Muri bei Bern vornimmt. Rund 50'000 Franken davon dürften dem Wolf angerechnet werden. Hinzu kommen ungefähr 80'000 Franken jährlich für Laboranalysen – DNA-Tests in Speichel oder Kot zur Identifikation der Wolfsindividuen.

80'000 Franken pro Wolf

Unter dem Strich bedeutet das: Grob gerechnet kostet das gute Dutzend Wölfe die Schweiz derzeit eine Million Franken pro Jahr. Salopp gesagt: Pro Schweizer Wolf wenden die Behörden jährlich 80'000 Franken auf – einen schönen Mittelstandslohn.

Angesichts des flotten Wachstums des Wolfsbestands muss in den nächsten Jahren der Herdenschutz für Schafe grossflächig ausgebaut werden. Mit anderen Worten: Der Wolf sorgt für weiteres Ausgabenwachstum – aber im Naturschutzbudget hat es dafür keinen Platz mehr. Genau genommen, argumentiert Schnidrig deshalb, handle es sich bei den Wolfskosten ja um Investitionen in die Schafbranche, die der Effizienzsteigerung dienen. Deshalb müsse diskutiert werden, wie sich das Bundesamt für Landwirtschaft finanziell an der Stützung der Schafhaltung in Wolfsgebieten beteiligen könne. Man dürfe die Bergbauern mit dem Problem nicht alleine lassen.

Teure Wolfsjagd

Könnte sich der Bund die Budgetstelle Wolf nicht sparen, indem er ihn einfach zum Abschuss freigibt? «Irrtum», sagt Kurt Eichenberger, Wolfsspezialist beim WWF Schweiz. Abgesehen davon, dass sich die Schweiz juristisch ins Abseits begäbe, würde sie seinen Schutz aufheben: «Den Wolf zu jagen, geht ins Geld.» Dem lauffreudigen Räuber nachzustellen, erfordere eine ausgeklügelte Logistik und viele Mannstunden Geduld, was sich schnell zu mehreren 10'000 Franken aufsummiere. Der WWF verbreitet sogar die vom Westschweizer Fernsehen recherchierte Zahl von 210'000 Franken, die der Kanton Wallis 2006 für den Abschuss eines einzigen Wolfs aufwenden musste.

Von der staatlichen Rechnung verschwinden würde der Wolf selbst bei einer Abschussfreigabe nicht: Die Wölfe würden weiter aus Italien einwandern, weil dort die Population so gross ist, dass Jungtiere neue Reviere suchen. Also müsste man eine mobile Grenzpatrouille mit Wolfsjägern finanzieren, um die Schweiz wolfsfrei zu halten.

In der Natur steigert der Wolf die Artenvielfalt. In der Verwaltung ist er ein Kostentreiber.

Aber halt! Der Wolf hat auch Profiteure, die sich allerdings kaum zu Wort melden. Waldbesitzer beispielsweise. Laut Kurt Eichenberger weisen Wälder, in denen der Wolf auftaucht, deutlich geringere Verbissschäden auf. Das Wild, Hauptnahrungsbasis des Wolfs, werde scheuer und meide gut einsehbare Abschnitte des Jungwaldes. Dieser gedeihe dann besser, was sich für die Waldwirtschaft ökonomisch positiv auswirke. Reinhard Schnidrig bestätigt diesen Zusammenhang – und weist darauf hin, dass der Wolf auch die Arbeit der Wildhüter kostengünstiger mache. Der Wolf jagt bevorzugt angeschlagene, kranke Tiere und vertilgt Aas – Problemfälle, denen sich in raubtierfreien Wäldern die Wildhüter annehmen müssen. (Berner Zeitung)

Erstellt: 06.09.2009, 12:10 Uhr

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