Wenn der Drache die Sonne verschlingt

Von Barbara Vonarburg. Aktualisiert am 22.07.2009 1 Kommentar

Sonnenfinsternisse werden seit Jahrtausenden beobachtet. Auch heute noch liefern sie neue astronomische Erkenntnisse.

Sonnenfinsternis am 1. August 2008 über der Mongolei, das Bild wurde aus 23 Einzelaufnahmen zusammengesetzt.

Sonnenfinsternis am 1. August 2008 über der Mongolei, das Bild wurde aus 23 Einzelaufnahmen zusammengesetzt.
Bild: Miloslav Druckmüller, Peter Aniol, Vojtech Rusin

Der 22. Oktober 2134 v. Chr. brachte Hsi und Ho kein Glück. In China dienten die beiden damals dem Kaiser Chung K’ang als Astrologen. Doch sie verschwiegen das unheilvolle Ereignis, das die Bevölkerung an jenem Tag in Angst und Schrecken versetzt haben muss. «Sonne und Mond trafen sich nicht harmonisch», heisst es in einem alten chinesischen Dokument. Weil Hsi und Ho ihre Pflicht versäumt und den Kaiser nicht vorgewarnt hatten, wurden sie geköpft.

Die Geschichte ist weltweit die älteste Erwähnung einer Sonnenfinsternis und zeigt, dass dieses Phänomen in China schon vor Jahrtausenden aufgezeichnet wurde. Nicht einmal im alten Ägypten, wo der Sonnengott Ra eine grosse Rolle spielte, seien totale Sonnenfinsternisse an bestimmten Daten registriert worden, obwohl schriftliche Aufzeichnungen dieser Zivilisation bis 3500 v. Chr. zurückreichten, schreibt der Nasa-Astronom Sten Odenwald.

Chinesische Astronomen hatten schon um 2300 v. Chr. Observatorien. Sie sichteten als Erste den Halleyschen Kometen im Jahr 240 v. Chr. und beobachteten Sonnenflecken, lange bevor im Westen Galileo Galilei 1609 ein Teleskop auf den Himmel richtete und über dieses Phänomen berichtete. Im alten China habe man die astronomischen Beobachtungen nicht aus abstrakter Neugier gemacht, sondern aus praktischem Anlass, um einen Kalender aufzustellen, der auf den Sonnen- und Mondzyklen beruhte, schreibt Odenwald. Bereits im 13. Jahrhundert wussten chinesische Astronomen denn auch, dass das Jahr 365,2425 Tage lang ist. Die Europäer entwickelten den Gregorianischen Kalender erst 300 Jahre später. Sonnenfinsternis als böses Omen

Wenn ein Drache die Sonne verschlingt

Alle ungewöhnlichen Phänomene von Himmelskörpern hätten die Chinesen als böse oder gute Omen aufgezeichnet, weiss Odenwald. Die abergläubischen Kaiser der Shang-Dynastie, die von 1766 bis 1123 v. Chr. regierten, richteten sich nach diesen Zeichen bei Entscheiden in Politik, Wirtschaft und Kultur. Am schlimmsten war, wenn ein Drache die Sonne verschlang – eine Sonnenfinsternis. Dies galt noch Jahrtausende später während der Ming-Dynastie. «Die Sterne waren sichtbar. Objekte in Armlänge konnten nicht mehr unterschieden werden. Die Haustiere waren aufgeschreckt und die Menschen verängstigt», heisst es in einem Bericht von einer Sonnenfinsternis am 20. August 1514 n. Chr. in China.

Die alten Aufzeichnungen sind für die moderne Astronomie noch immer interessant, zum Beispiel, um moderne Computermodelle zu testen. Diese können Sonnenfinsternisse für jeden Ort auf der Erde genau voraussagen, weil sie die detaillierte Gestalt von Erde und Mond, Gezeiteneffekte sowie Störungen von der Sonne einbeziehen. Zudem kann man die Mondbahn mit einer Unsicherheit von weniger als einem Kilometer bestimmen. «Doch es gibt Langzeiteffekte, die man aufgrund heutiger Daten nur schwer messen kann», schreibt Odenwald. Und je weiter man zurückrechne, umso grösser würden die Fehler. Dank historischer Daten, die Zeit und Ort einer Finsternis angeben, könne man die Langzeitgenauigkeit der dynamischen Modelle verbessern.

48 Sonnenfinsternisse miterlebt

Aber auch die direkte Beobachtung einer Finsternis von der Erde aus liefert den Astronomen nach wie vor neue Erkenntnisse, obwohl Satelliten im All die Sonne inzwischen rund um die Uhr beobachten und eine Fülle von Daten sammeln. Instrumente an Bord von Raumsonden würden viele Jahre im Voraus konstruiert, Finsternisexpeditionen könnten dagegen die neueste Ausrüstung verwenden und auch grössere Teleskope als im All einsetzen, schreibt der Astrophysiker Jay Pasachoff in der Zeitschrift «Science» (Bd. 459, S. 789). Der 66-Jährige hat bereits 48 Sonnenfinsternisse miterlebt und ist zurzeit in China, um die Jahrhundertfinsternis zu beobachten (siehe Kasten).

Es geht dabei vor allem um die Korona, den leuchtenden Kranz, der sichtbar wird, wenn der Mond vor die Sonne tritt. Früher dachte man, dass es sich dabei um die Atmosphäre des Mondes handelt. Erst 1860 waren Forscher sicher, dass die Korona zur Sonne gehört. Weitere Beobachtungen von Sonnenfinsternissen im 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts führten zur Erkenntnis, dass die Korona ein extrem heisses Gas ist, das aus Ionen und Elektronen besteht. Die Temperatur dieses Plasmas beträgt Millionen Grad, während die Sonnenoberfläche, die wir normalerweise sehen, «nur» 5800 Grad heiss ist.

Grosses astronomisches Rätsel

Wie die Korona so stark aufgeheizt wird, ist eines der grössten, bisher ungelösten Rätsel in der Astronomie. Es gebe mindestens vier Theorien, schreibt Pasachoff. Früher nahm man an, Schallwellen könnten dafür verantwortlich sein. Doch diese würden zu wenig Energie liefern. Heute vermuten viele Forscher, dass Wellen des koronalen Magnetfeldes eine Rolle spielen oder sogenannte Nanoflares, kleine, aber häufige Explosionen an der Sonnenoberfläche. Welche Theorie zutrifft, lässt sich nur anhand neuer Beobachtungen herausfinden. Während der heutigen Sonnenfinsternis in Asien führten verschiedene Gruppen entsprechende Messungen durch.

Sonnenfinsternisse begeistern aber nicht nur Wissenschaftler, sondern auch Laien und sind inzwischen ein gutes Geschäft für die Reisebranche geworden. 1973 habe noch ein einziges Kreuzfahrtschiff Touristen und ein paar Wissenschaftler als Vortragende in die Totalitätszone vor der afrikanischen Küste gebracht, erinnert sich Pasachoff. Nun gebe es bei jeder Sonnenfinsternis einige Schiffe und Dutzende von Landexpeditionen. «Der Ökotourismus wächst, und Leute, die eine Finsternis gesehen haben, kommen wieder und bringen ihre Freunde mit, um dieses bemerkenswerte Phänomen mitzuerleben.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 22.07.2009, 09:18 Uhr

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1 Kommentar

Bi Wofu

22.07.2009, 12:35 Uhr
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Die Quelle dieser Geschichte stammt aus dem "Shangshu", welches seit der Han-Dynastie (206 v. - 220 n.Chr.) zu den "Fünf Klassikern" gehört. Bei einigen Texten lag die Entstehungszeit bereits 1000 Jahre zurück. Die meisten Kapitel stammen jedoch aus späteren Zeiten, etwa die Hälfte der Texte wurde im 4. Jahrhundert systematisch gefälscht. Vorsicht also mit chin. Quellen (s.a. Wikipedia). Antworten



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