Die heimlichen Nachbarn
Seitensprünge unter Artverwandten
Schon vor 200'000 Jahren trennten sich die Entwicklungslinien der afrikanischen Falbkatze (Felis silvestris libyca) und der Wildkatze (Felis silvestris silvestris). Von Ersterer stammt die Hauskatze ab. Sie kam mit den Römern nach Europa, wogegen die Wildkatze hier schon vor Jahrtausenden verbreitet und offenbar auch recht häufig war: In einer jungsteinzeitlichen Siedlung bei Twann BE am Bielersee fand man Überreste von 13 Luchsen, 18 Iltissen und 176 Wildkatzen.
Wie alle Raubtiere wurde die Wildkatze in den letzten Jahrhunderten unerbittlich verfolgt. Als sich endlich die Erkenntnis durchgesetzt hatte, dass sie weder für andere Tiere noch für Kleinkinder eine Bedrohung ist, war sie in Mitteleuropa nahezu ausgerottet. Heute ist nicht mehr der Mensch ihre grösste Bedrohung, sondern möglicherweise die Hauskatze. Beide Unterarten können sich kreuzen, auch die Nachkommen sind fruchtbar. Bei manchen Katzen am Blauen fand man im Erbgut Spuren eines solchen Seitensprungs. Damit die Wildkatze nicht von einer Mischform verdrängt wird, sollten in Gebieten, in denen sie vorkommt, freilaufende Hauskatzen konsequent kastriert werden. (hjb)
Man bekommt sie kaum je zu Gesicht und wenn, ist man nie sicher, ob es eine ist: Wildkatzen lassen sich optisch nicht zweifelsfrei von Hauskatzen unterscheiden. Es gibt getigerte Stubenkater, deren Fell exakt gleich gefärbt und gemustert ist wie das der wilden Unterart. Der Schädelindex (das ist die Schädellänge geteilt durch das Hirnvolumen) ist das einzige verlässliche Unterscheidungsmerkmal: Wildkatzen haben ein grösseres Gehirn. Doch dieser Wert lässt sich nur beim toten Tier bestimmen.
Das sind schlechte Voraussetzungen für die Freilandforschung. Die Lebensweise der Wildkatzen war denn auch bis vor kurzem rätselhaft. Tiere, die irrtümlich geschossen oder überfahren wurden, waren der einzige Hinweis auf ihr Vorkommen in der Schweiz. Immerhin gaben die Mageninhalte Aufschluss über ihre Diät: Wildkatzen ernähren sich bei uns fast ausschliesslich von Mäusen, und das mit verblüffendem Appetit: 26 Stück wurden in einem der Verkehrsopfer gefunden.
Mittlerweile hat die Wildtierbiologie methodisch aufgerüstet. Molekulargenetische Methoden eröffnen neue Möglichkeiten. Ein Haar reicht, um den Träger nicht bloss als Wildkatze zu identifizieren – es enthält auch den genetischen Fingerabdruck des Tiers.
Haare an Pfosten gelassen
Doch wie kommt man in der freien Wildbahn zu Katzenhaaren? Baldrian machts möglich. Diese Pflanze hat eine unwiderstehliche Wirkung auf Katzen, die Tiere reiben sich mit Inbrunst daran. Das tun sie auch an Holzpfosten, die mit Baldriantinktur imprägniert sind. Dabei lassen sie stets ein paar Haare hängen.
Erstmals angewandt wurde diese Methode in der Schweiz im Gebiet des Blauen im Baselbieter Jura. Der Wildtierbiologe Darius Weber, der am Fuss des Blauen wohnt, beobachtete hier in den späten 1980er-Jahren ein Tier, das die typischen Merkmale einer Wildkatze aufwies und sich auch in seinem Gehabe von einem Haustier zu unterscheiden schien. Zwei Totfunde in den Jahren 1991 und 2005 bestätigten das Vorkommen der Art im Gebiet, in dem zuvor während Jahrzehnten nie eine Wildkatze gesichtet worden war. Vermutlich stammten die Tiere ursprünglich aus dem Elsass.
Darius Weber wollte mehr über die heimlichen Nachbarn erfahren. Zusammen mit einem Forscherteam platzierte er in einem 66 Quadratkilometer grossen Gebiet 132 Lockstöcke entlang von Wildwechseln. Diese wurden ein Jahr lang regelmässig nach Haaren abgesucht. Das Ergebnis war ein geschätzter Bestand von etwa 30 Tieren.
Maximal 100 Tage Schnee
Wildkatzen brauchen als Lebensraum ausgedehnte Wälder, die es im Mittelland nur noch vereinzelt gibt. Und in den Alpen sind die Winter für die Tiere zu hart: Unter dem Schnee ist die Beute unzugänglich. 100 Tage Schneebedeckung pro Jahr gelten als obere Limite. Das potenzielle Verbreitungsgebiet in der Schweiz reduziert sich damit auf den Jura: Hier gibt es genug Wald, und es finden sich auch im tiefsten Winter meist ein paar apere Südhänge zum Mausen.
Auf diesen Teil des Landes beschränkt sich das langfristige nationale Überwachungsprogramm, das im Spätherbst 2008 im Auftrag des Bundesamtes für Umwelt (Bafu) gestartet wurde. Die Feldarbeiten erfolgen im Winter, weil die Katzen dann besonders intensiv markieren. Mit der Kontrolle der Lockstöcke sind hauptsächlich die örtlichen Wildhüter betraut. Das Ziel sei nicht eine Bestandesschätzung – dazu ist das Untersuchungsgebiet zu gross und das Netz der Probestellen zu wenig dicht – sondern ein genaueres Verbreitungsbild, sagt Thomas Briner vom Bafu.
Winter macht Strich durch die Rechnung
Doch der aussergewöhnlich harte letzte Winter machte vorerst einen Strich durch die Rechnung. Viele Pfosten blieben wochenlang ganz eingeschneit, eine regelmässige Kontrolle war mit zumutbarem Aufwand nicht möglich. Vermutlich waren auch weniger Katzen im Gebiet unterwegs, denn der Schnee blieb in weiten Teilen des Jura 180 Tage lang liegen.
Manche Katzen wichen talwärts aus, wovon Beobachtungen an ungewohnten Orten zeugen. Oder sie taten, was sie sonst nicht tun: Im Februar kreuzten kurz hintereinander zwei völlig abgemagerte Kater im Berner Jura in Hühnerställen auf. Die benachrichtigten Wildhüter brachten sie in die Wildschutzanlage Landshut, wo sie aufgepäppelt und danach in ihrem Herkunftsgebiet wieder ausgesetzt wurden.
Jetzt hofft man auf einen milderen Winter für die zweite Runde. Gegen Wetterpech können auch modernste wildtierbiologische Methoden wenig ausrichten. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 31.10.2009, 22:23 Uhr
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