Ausverkaufte Schutzbrillen

Wolkenlos, aber trotzdem düster

In der Schweiz wird die partielle Sonnenfinsternis nur mit einem direkten Blick zum Himmel zum Spektakel. Wer keine Schutzbrille hat, muss improvisieren.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Sie wird aussehen wie ein angeknabbertes Biskuit, wenn sich der Mond morgen – kurz vor dem meteorologischen Frühlingsbeginn – vor die Sonne schiebt und seinen Schatten auf die Erde wirft. In Mitteleuropa wird es nur der Halbschatten sein, und die Europäer müssen sich mit einer partiellen Sonnenfinsternis begnügen. Die Schweiz kommt einmal mehr zu kurz. In Zürich wird die Sonne um 10.34 Uhr mit knapp 75 Prozent die grösste Abdeckung aufweisen.

Bereits bei der letzten totalen Sonnenfinsternis in Europa 1999 war der Schweiz keine Totale vergönnt. Die Sonne war in Zürich nur zu 97,3 Prozent durch den Mond verdeckt. Wer sich 100 Prozent wünschte, fuhr nach Süddeutschland oder nach Österreich. Das letzte astronomische Grossereignis in der Schweiz ist lange her, am 11. Mai 1724, das nächste wird erst am 3. September 2081 sein. Eine totale Finsternis wird in der Schweiz etwa alle 400 Jahre zu sehen sein, europaweit alle 30 bis 50 Jahre.

Die Sonne wird nur bei Neumond verfinstert, wenn sich der Mond zwischen Erde und Sonne befindet. Grundsätzlich wäre das jeden Monat der Fall, doch die Geometrie verhindert das Schauspiel: Die Erdbahn um die Sonne und die ­Umlaufbahn des Mondes liegen nicht in derselben Ebene. Erst wenn sich die Bahnen kreuzen und die Position des Mondes vor der Sonne liegt, kommt es zur totalen Finsternis. Weltweit passiert dies ein- bis zweimal pro Jahr.

Der Kranz der Sonne

Diesmal profitieren Grönland, die ­Färöer und Spitzbergen. Der Pfad der totalen Finsternis, sprich des Kernschattens des Mondes, beginnt 53 Grad nördlicher Breite, quert die Inseln, um später in unmittelbarer Nähe des Nordpols die Erde zu verlassen. Den grössten Genuss hat, wer sich nördlich der Färöer auf einem Schiff aufhält. 2 Minuten und 50 Sekunden wird die Sonne total verfinstert sein. «Das Ereignis ist schon beeindruckend, wenn es dunkel wird und die Vögel plötzlich nicht mehr singen», sagt Willy Benz, vom Center for Space and Habitability der Universität Bern.

Wissenschaftlich haben Sonnenfinsternisse, die von der Erde aus betrachtet werden können, schon lange keinen Wert mehr. «Früher war das der einzige Weg der Astronomen, die weniger helle Korona der Sonne zu sehen», sagt der Berner Astrophysiker. Wie ein mit Brillanten besetzter Kranz erscheint sie um die Sonne, wenn der Mond sie total abdeckt. Heute machen die Wissenschaftler mit Instrumenten am Teleskop die Korona sichtbar. Die Inselbewohner der Polarregion können dieses phänomenale Ereignis am Freitag natürlich beobachten, brauchen aber Glück dazu. Im März ist es im hohen Norden vielfach dicht bewölkt. Die Chancen, Zeuge des seltenen Ereignisse zu werden, steigen ab Spitzbergen, wie Wetterprognosen zeigen.

Mond entfernt sich von Erde

«Man muss das Phänomen noch geniessen», sagt Willy Benz halb ehrfürchtig, halb ironisch. Ganz Astrophysiker, denkt er in anderen Zeitdimensionen. Denn in Millionen Jahre entfernter Zukunft wird es keine totale Sonnenfinsternis mehr geben. Der Grund: Der Mond vermag dann die Sonne nicht mehr abzudecken. Das liegt an den sich ändernden Kräften der Gezeiten auf der Erde. «Der Mond bewegt sich weg von unserem Planeten», sagt Willy Benz. Das Ende der Finsternis ist reine Geometrie: Von der Erde ausgesehen wird der Mond dann kleiner werden als die Sonne.

Zurück zur Gegenwart. Die Schweizer müssen sich mit einem Ereignis zweiter Klasse begnügen. Und werden erst noch bestraft. Erst eine Bedeckung ab 50 Prozent, so eine Faustregel, führt zu einer wahrnehmbaren Lichtveränderung. «Es wird wie bei einem bewölkten Tag sein», sagt Astrophysiker Benz. Und der wird in Zürich letztlich wenige Minuten dauern. Die gesamte Finsternis hingegen kann während 140 Minuten beobachtet werden. Allerdings nur, wenn man direkt in die Sonne blickt. Das Bundesamt für Gesundheit warnt jedoch: Von blossem Auge darf die Finsternis in keinem Fall verfolgt werden (siehe Kasten). «Wäre es etwas bedeckt, könnte man das Ereignis ohne Schutz direkt beobachten», sagt Willy Benz. Doch das ist mit grösster Wahrscheinlichkeit nicht der Fall. Die Meteorologen melden für Freitag schönes Wetter mit einem praktisch wolkenlosen Himmel.

Finsternisse nützen Forscher

Die Schweiz ist zwar nicht das Land für totale Finsternisse. Dafür beschäftigen sich Schweizer Forscher intensiv mit diesem Phänomen. Astrophysiker Willy Benz ist Leiter des Projekts Cheops, ­eines Gemeinschaftsunternehmens der Schweiz mit der Europäischen Welt­raum­organisation (ESA) und weiteren Partnern. Der Forschungssatellit soll 2017 auf die Jagd von Exoplaneten gehen. «Bei der Suchmethode machen wir uns Sonnenfinsternisse zunutze», sagt Benz. Das heisst: Zieht ein Planet vor seinem Stern vorbei, so ist aus der Ferne analog der Sonnenfinsternis eine schwarze Scheibe auszumachen, die einen Teil des Sterns abdeckt. Je nach Grösse des Planeten nimmt die Helligkeit des Sterns scheinbar mehr oder ­weniger ab.

Wandert zum Beispiel die Erde vor die Sonne, so verringert sich deren Helligkeit um ein Zehntausendstel. «Wir brauchen deshalb hochempfindliche ­Instrumente», sagt Benz. Eine Kamera auf dem Forschungssatelliten Cheops soll solche minimen Schwankungen messen. Aus den Daten der Lichtintensität können die Wissenschaftler die Grösse von Planeten in fremden Sonnensystemen berechnen.

Am Freitag sind die Beobachtungsinstrumente weniger weit gerichtet. Auch wenn es in der Schweiz nur für eine partielle Sonnenfinsternis reicht. So scheint das Interesse gross. Schutzbrillen gab es am Mittwoch praktisch keine mehr. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 18.03.2015, 21:31 Uhr

Die Sonne in einer Kartonschachtel beobachten

Wer die Sonnenfinsternis ohne Schutzbrille verfolgt, geht ein gesundheitliches Risiko ein. Doch es gibt ­Alternativen.

Es ist nicht ein astronomisches Gross­ereignis in der Schweiz. Die Sonne wird sich nur partiell verfinstern, eine schwache Dämmerung wird im besten Fall eintreten. Trotzdem scheint das Spektakel auf grosses Interesse zu stossen. Die Schweizer Nachrichtenagentur SDA jedenfalls meldet eine grosse Nachfrage nach Schutzbrillen. Denn wer das Ereignis verfolgen will, muss in die Sonne schauen. Die Schweizerische Astronomische Gesellschaft hat 7500 Brillen verkauft. Wer gestern noch in Apotheken in Zürich nach Brillen suchte, der wurde kaum noch fündig. Der Schweizer Optikerverband gibt auf seiner Website Geschäfte an, in denen eventuell noch Brillen erhältlich sind.

Wer mit blossem Auge das seltene Ereignis verfolgen will, ist auf eine Schutzbrille angewiesen. Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) rät davon ab, sich ­eigene Hilfsmittel wie geschwärztes Glas zu basteln, oder gewöhnliche Sonnenbrillen und Filme als Schutz zu verwenden. Der Einsatz von Ferngläsern und Teleskopen ohne geeigneten Filter ist gefährlich. Das Risiko sei gross, dass auf der Netzhaut bleibende Verbrennungen entstehen.

Kinder beaufsichtigen

Wer in Apotheken oder Drogerien Schutzbrillen kauft, sollte laut BAG darauf achten, dass die Schutzbrillen zertifiziert sind und die CE-Kennzeichnung tragen. Zudem seien keine alten Schutzbrillen zu verwenden. Auch Sonnenbeobachtungsbrillen bieten nicht immer den optimalen Schutz, sobald die Kartonfassungen verrutschen oder reissen. Weiter sollten Kinder, so das BAG, nicht ohne Aufsicht die Sonne beobachten.

Bei so vielen Vorsichtsmassnahmen empfiehlt sich eine originelle Alternative, die Sonnenfinsternis zu beobachten. Man lässt das Spektakel einfach auf eine weisse Fläche projizieren. Zum ­Beispiel mithilfe einer Kartonschachtel kann sich jeder auf eine einfache Art einen «Sonnenbeobachtungshut» kreieren. Das Sonnenlicht gelangt dabei über ein feines Loch in die Schachtel und bildet auf einem Blatt Papier die Sonnen­sichel ab.

Wer mit einem Teleskop oder einem Binokular ausgerüstet ist, kann ebenfalls die Sonnensichel auf einem Blatt Papier abbilden lassen, indem das Instrument in Richtung Sonne aufgestellt wird. Je nachdem muss der Abstand des Blattes zum Okular justiert werden, um eine schöne Projektion zu erhalten.

Auch ein Spaziergang im Wald kann die Sonnenfinsternis zum Erlebnis machen ohne Blick zur Sonne. Im Schatten von Bäumen, zu dieser Jahreszeit Nadelbäume, zeichnen sich während der Finsternis hundertfach Sonnensicheln und Lichtkreise ab.

Tagi online dabei

Sagt einem keine dieser Alternativen zu, so bleibt der Blick auf unsere Website Tagesanzeiger.ch, die das Spektakel ­online live am Freitag ab 9 Uhr verfolgt. Dabei holen Reporter Reaktionen ein, und Bilder sowie Videos werden eingespielt. (ml)

So spielt sich die partielle Sonnenfinsternis in Zürich ab.

Artikel zum Thema

Sonnenfinsternis wird zum Stresstest für Stromnetzbetreiber

Die durch die Sonnenfinsternis erzeugten Schwankungen in der Solarstromversorgung erfordern von den Betreibern viel Flexibilität im Umgang mit Energiereserven – nach der Energiewende wird dies jedoch der Regelfall sein. Mehr...

Fällt am 20. März der Strom aus?

Noch nie hatte eine Sonnenfinsternis einen derart starken Einfluss auf unser Leben wie diejenige vom 20. März. Netzwerkbetreiber in ganz Europa rüsten sich. Auch in der Schweiz wurde eine Taskforce eingesetzt. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Abo

Digital Abos

Tages-Anzeiger unbeschränkt lesen:
Im 1. Monat nur CHF 1.-

Die Welt in Bildern

Strassenkunst: Ein übergrosses Graffiti ziert die Wand eines Hochhauses in Berlin (28. April 2017).
(Bild: Felipe Trueba) Mehr...