Zwei Grad kaum erreichbar

Es wird immer schwieriger, die kritische Erderwärmung zu verhindern. Ein ständiges Monitoring wäre sehr wichtig.

Die CO2-Emissionen waren 2010 so hoch wie noch nie: Greenpeace-Protest auf Bali gegen die globale Erwärmung.

Die CO2-Emissionen waren 2010 so hoch wie noch nie: Greenpeace-Protest auf Bali gegen die globale Erwärmung. Bild: AFP

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Die internationale Klimapolitik hat letzte Woche in Bonn wenig Fortschritte gemacht. An der letztjährigen UNO-Klimakonferenz in Cancún akzeptierten die Vertragsstaaten, dass sich die Erde nicht mehr als 2 Grad gegenüber der vorindustriellen Zeit erwärmen darf – heute ist es etwa 0,8 Grad wärmer. Nur ein halbes Jahr nach Cancún kommen Zweifel auf, ob sich das Ziel 2 Grad überhaupt noch realisieren lässt.

Die Delegationen kamen an der Vorbereitungskonferenz in Bonn letzte Woche keinen entscheidenden Schritt weiter, um im Dezember an den Verhandlungen in Durban die Tür für einen verbindlichen Nachfolgevertrag des Kyoto-Protokolls zu öffnen. Vor Bonn verkündete die Internationale Energieagentur IEA, die CO2-Emissionen aus der Verbrennung von Kohle, Erdöl und Gas seien noch nie so hoch gewesen wie im letzten Jahr. Die neusten Daten, welche Forscher in Bonn vorstellten, zeigen, dass die Emissionskurve dem Worst-Case-Szenario des UNO-Weltklimarates IPCC entspricht.

Politischer Entscheid nötig

Ist bei dieser Entwicklung das 2-Grad-Ziel eine Illusion? «Wissenschaftlich betrachtet nicht», sagt Stefan Rahmstorf vom Potsdamer Institut für Klimafolgenforschung. Es sei letztlich ein politischer Entscheid. Auch Klimaforscher Thomas Stocker vom physikalischen Institut der Universität Bern will nicht aufgeben: «Vor 20 Jahren, als wir bereits im Wesentlichen die grundlegenden Informationen über den Klimawandel zur Verfügung hatten, wäre das Ziel noch gut machbar gewesen, heute ist es ein ehrgeiziges Vorhaben geworden.»

Immer mehr Klimaforscher rechnen mit einem Emissionsbudget, um das 2-Grad-Ziel erfüllen zu können. «Das ist beim heutigen Emissionsniveau in zwanzig Jahren aufgebraucht», sagt der Potsdamer Klimaforscher Stefan Rahmstorf. Die Konsequenz daraus wäre: Von den Vorkommen an Kohle, Erdöl und Gas, die heute wirtschaftlich gefördert werden, darf nur noch etwa ein Viertel verbrannt werden.

Über Bestmarke des Holozäns

Glaubt man dem US-Klimaforscher James Hansen von Earth Institute der Columbia University, so ist man selbst dann nicht auf der «sicheren Seite», wenn die Erderwärmung unter 2 Grad bliebe. Er bezieht sich auf Daten von Eis- und Sedimentbohrungen, die einen Einblick in die klimatischen Bedingungen der Vergangenheit gegen. Vor 130'000 und vor 400'000 Jahren sei es nicht einmal 1 Grad Celsius wärmer gewesen als das Maximum im Zeitalter des Holozäns, das vor etwa 12'000 Jahren begann. Das reichte, um den Meeresspiegel mehrere Meter steigen zu lassen. Bereits heute liegt die Erdtemperatur über der bisherigen Höchstmarke des Holozäns. Um die Erde noch dieses Jahrhundert wieder in ein Klimagleichgewicht zu bringen, müssten laut Hansen schon heute die CO2-Emissionen aus fossilen Energieträgern gestoppt werden.

Der CO2-Anstieg um gut 40 Prozent in den letzten hundert Jahren ist zu 80 Prozent auf die Verbrennung fossiler Brennstoffe zurückzuführen. Für den Rest ist vor allem die Abholzung verantwortlich. Deshalb würde ein grosser Effekt in der CO2-Bilanz erzielt, wenn die Brandrodung tropischer Regenwälder gestoppt werden könnte.

Umsetzung harzt

Grundsätzlich sind an der Klimakonferenz in Cancún im letzten Dezember die Regeln aufgestellt worden, um in Ländern wie Brasilien und Indonesien den Verlust tropischer Wälder zu stoppen und eine nachhaltige Bewirtschaftung zu fördern. Die Idee: Die Industrieländer bezahlen die Entwicklungsländer dafür, dass sie ihre Wälder schützen und nachhaltig pflegen. Trotz Einigkeit scheint es mit der Umsetzung zu hapern. Wie bei der Senkung der Treibhausgase stellt sich auch hier die Frage: Wie ist der Abholzungsstopp zu finanzieren, und wie lässt sich der Effekt zuverlässig messen und kontrollieren.

«Die USA zum Beispiel vertrauen auf einen strengen Nachfolgevertrag des Kyoto-Protokolls und auf Geld, das vor allem von der Privatwirtschaft durch den Kauf von Emissionszertifikaten stammt», sagt Andreas Fischlin von der ETH Zürich und langjähriges Mitglied der Schweizer Delegation an den Klimakonferenzen. Doch solange ein neuer verbindlicher Klimavertrag nicht greifbarer wird, dürfte das Interesse der Privatwirtschaft ungenügend bleiben.

Entwaldung bekämpfen

Eine Erfolgskontrolle international verbindlich durchzusetzen, ist die zweite grosse Hürde in den Verhandlungen. Das Beispiel Brasilien zeigt, wie wichtig ein ständiges Monitoring ist: Entgegen dem Landestrend ist die Abholzung im März und April dieses Jahres um fast das Sechsfache gestiegen – vor allem im Bundesstaat Mato Grosso, wo extensiv Soja angebaut wird und Rinder gehalten werden. Dies zeigen Satellitenbeobachtungen. Die Waldzerstörung ist für gut zwei Drittel der CO2-Emissionen Brasiliens verantwortlich. Die brasilianische Regierung will massiv die Abholzung bremsen und die CO2-Emissionen bis zu knapp 40 Prozent senken. Der Amazonasregenwald enthält ein Sechstel des weltweit in der Natur gespeicherten Kohlenstoffs. «Wir können uns keine Erhöhung der Entwaldungsrate mehr leisten, wollen wir ernsthaft die durchschnittliche Klimaerwärmung unter 2 Grad Celsius halten», sagt Andreas Huth vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ).

Wird die 2-Grad-Grenze übertroffen, so ist diese Erwärmung nur langsam rückgängig zu machen. «Man bekommt das CO2 nur langsam wieder aus der Atmosphäre raus», sagt Stefan Rahmstorf vom Potsdamer Klimainstitut. Selbst bei Modellszenarien, bei denen man von Null-Emissionen ausgeht, sei die Temperatur nach 1000 Jahren nur um einige Zehntel Grad abgesunken. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 20.06.2011, 21:05 Uhr)

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