Auf Tauchstation im Genfersee

Eine Expedition an den Grund des grössten Sees der Schweiz und zu einem versunkenen Dampfer aus alten Zeiten. Der Tauchgang beginnt von einer Plattform aus mitten im Genfersee zwischen Lausanne und Evian.

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Mit einem russischen U-Boot in die Tiefe des Genfersees abtauchen. In eine völlig andere Welt, in der es stockfinster ist und kein Tageslicht mehr hinkommt. In der keine Hektik des Alltags herrscht, sondern es einsam und still ist. Hinunter an den Seegrund, 290 Meter unter die Wasseroberfläche. An einen Ort, wo bisher nur Jacques Piccard mit seinem Team war. Und wo ein geheimnisvolles, altes Schiffswrack aus dem 19. Jahrhundert liegt, das bisher kaum erforscht ist.

Durch ein kleines Loch klettert der russische Pilot Nikolay Petko in den winzigen Innenraum des U-Boots MIR-2, das mit Messgeräten, Kabeln, Bildschirmen und Schaltern vollgestopft ist. Die Fahrt in die Tiefe des Genfersees wäre nichts für Menschen mit Platzangst. Gut zwei Stunden eingesperrt in einem engen Raum, auf einer Fläche von zwei Quadratmetern, mit zwei Personen, die man fünf Minuten vor der Abfahrt zum ersten Mal gesehen hat.

Ab in die Finsternis

Der Pilot spricht ein wenig Englisch und lächelt uns vertrauensvoll zu. Es ist nicht seine erste Fahrt. Er war schon bei der Titanic und hat Schwarze Raucher in 4000 Meter Tiefe im Atlantik gesehen. Routinemässig schraubt er den schweren Deckel des U-Boots zu, schreibt Notizen ins Logbuch, dreht den Hahn für die Sauerstoffflasche auf und fragt uns, ob wir bereit seien. Nun sitzen wir also sprichwörtlich in einem Boot, sogar einem U-Boot, mit dem Forscher in den nächsten Wochen dem Genfersee die letzten Geheimnisse entlocken wollen.

Nikolay Petko knipst den Schalter herunter, damit aus Behältern Luft heraus- und Wasser als Ballast hereinkommt. Die Pumpen dröhnen. Wir sinken mit einer Geschwindigkeit von mehreren Metern pro Minute ab. Das Wasser ist türkisgrün, ab rund 40 Metern graublau, ab 80 Metern schwarz. Der Pilot schaltet die Scheinwerfer ein. Im Licht sehen die unzähligen abgestorbenen Algenpartikel aus wie Schnee, der herunterfällt. Eine bizarre Kulisse – wie aus einem Wintermärchen.«Plattform, MIR-2», meldet sich Petko über Funk bei den Kollegen, die oben geblieben sind. Er holt sich von ihnen die neuen Koordinaten unseres Standorts und wischt sich mit einem Handtuch den Schweiss von der Stirn. Denn es herrschen immer noch 34 Grad Celsius und 94 Prozent Luftfeuchtigkeit in der Kabine, erst später kühlt es sich ein wenig ab.

Titanic vom Genfersee

«Da unten sieht man das Steuerrad», sagt Petko. Mit Kompass, Ultraschallortung und den GPS-Daten von der Plattform nähert er sich dem ehemaligen Dampfer Rhône, der im Jahr 1883 in einer stürmischen Novembernacht bei starken Westwinden mit dem Dampfer Cygne kollidierte. Nach dem Zusammenstoss hatte die Rhône ein Loch an der Seite und versank innerhalb weniger Minuten. Die Cygne erreichte dagegen rund 20 Minuten nach der Katastrophe das Ufer des Genfersees in Ouchy.

Beim tragischen Unfall kamen damals 11 Passagiere und 3 Besatzungsmitglieder ums Leben. Es gab dramatische Szenen wie auf der Titanic. So rettete ein frisch verheirateter Mann im Eifer des Gefechts nicht seine eigene Frau auf die Cygne, sondern eine andere. Die Falsche wollte er danach über Bord werfen. Überdeckt mit Flusssedimenten aus der Rhône ruht der leckgeschlagene Zeitzeuge nun auf einem hügeligen, sandigen Untergrund des Genfersees.Beim Gedanken an das tragische Unglück kommt plötzlich ein mulmiges Gefühl auf. Was ist eigentlich mit uns hier unten? Und warum heisst das U-Boot ausgerechnet «MIR», wie die russische Raumstation, bei der Astronauten im Jahr 1997 aufgrund einer Panne giftigen Rauch an Bord hatten und Sauerstoffmasken tragen mussten? Ein Blick an die Decke des U-Boots zeigt, dass über mir Atemmasken baumeln. Im Notfall können sie einen mit Gas versorgen. Und um bei einer drohenden Katastrophe schnell aufzutauchen, kann man 359 Kilogramm Metallschrott als Zusatzgewicht abwerfen. «Alles ist okay», sagt Petko. Das Wort «Mir» würde «Frieden» heissen.

Wasser im Innenraum

Doch ist wirklich alles in Ordnung? Halten die Luken dem Druck der Tiefe stand? Es tropft von der Decke. Und auch an dem grossen der drei Gucklöcher hat sich nun eine Wasserlache gebildet. Der Pilot gibt erneut Entwarnung. Dies sei normal und lediglich Kondenswasser.

Petko schaut auf den Bildschirm hinter sich, auf dem das Wrack nun mit roter Farbe heraussticht. Vorsichtig bewegt er das U-Boot; nur zum Manövrieren stellt er die Propeller an der Seite an. Denn er will nicht unnötig Sedimente aufwirbeln und eine klare Sicht haben. Die Kameras filmen das Wrack von oben, von rechts und von links. Dann nimmt er das Funkgerät und meldet dem russischen Kommandanten auf der Plattform, dass wir jetzt zurückkommen würden. Er füllt die Ballastbehälter mit Luft, um Auftrieb zu bekommen. Die Fahrt nach oben beginnt, zurück in den Alltag, in die gewohnte Welt. Nur am Anfang schaukelt es, und kleine Blasen steigen auf. Wir gewinnen an Höhe. Sobald die ersten Sonnenstrahlen das Wasser des Genfersees durchfluten, schaltet Petko das Scheinwerferlicht aus. Die aufladbaren Akkus müssen geschont werden.

Als wir die Wasseroberfläche erreicht haben und durch die kleinen Luken wieder blauen Himmel sehen können, müssen wir noch ein paar Minuten warten. Petko lässt jetzt noch mehr Sauerstoff in die Kabine, damit sich der Druck im Innenraum erhöht und die Ausstiegsluke sich öffnen lässt. Die Exkursion in 290 Meter Tiefe, in das Reich von Jacques Piccard, ist vorbei. Die Reise mit dem U-Boot in die Vergangenheit zu dem alten Wrack war völlig surreal wie in einem Sciencefiction-Film. Oder vielleicht doch eher wie in einem James-Bond-Film? Denn von der Plattform aus müssen wir jetzt mit einem Schnellboot zurück ans Festland flitzen. Wir hatten dort unten, am Boden des Seegrunds, etwas die Zeit vergessen und sind viel zu spät aufgetaucht. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 01.07.2011, 10:09 Uhr)

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