Ein teures Durcheinander

Hunderte Milliarden Franken sollen fliessen, um die Zerstörung der Böden zu verhindern. Doch wohin fliesst das Geld? Zwei Schweizer Forscher versuchen jetzt, Ordnung in das Chaos zu bringen.

Einheimische setzen Bäume im Uigurischen Autonomen Gebiet Xinjiang, um die Ausbreitung von Wüsten zu stoppen. Foto: Reuters

Einheimische setzen Bäume im Uigurischen Autonomen Gebiet Xinjiang, um die Ausbreitung von Wüsten zu stoppen. Foto: Reuters

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Ihre Stimmen gehen an Klimakonferenzen vielfach unter. Die Stimmen der Bauern und Waldbesitzer. Immerhin produzieren Hunderte Millionen Kleinbauern in der armen Welt einen Grossteil der globalen Nahrung. Und in gut drei Vierteln der freiwilligen Nationalen Klimaprogramme, welche die UNO-Staaten an der Konferenz in Paris vorlegten, geht es um Massnahmen in der Land- und Forstwirtschaft. Trotzdem steht im Zentrum der Verhandlungen vor allem der Umbau des globalen Energiesystems.

Das musste auch der Chef des UNO-Umweltprogrammes, Achim Steiner, in seiner Schlussrede am Global Land- scapes Forum 2015 eingestehen. An der Veranstaltung, die mitten in Paris im Palais de Congrès stattfand, ging es um die Zukunft der Landwirtschaft, des Bodens, der Wiesen und Wälder. Sie sind laut Sekretariat der UNO-Konvention gegen die Wüstenbildung (UNCCD) ein Puzzlestein, der noch fehlt, um die Emissionen an Treibhausgasen zu senken. Die angekündigten Klimaprogramme reichen bei weitem nicht aus, um eine für die Ökosysteme gefährliche Erderwärmung zu verhindern. Die Land- und Forstwirtschaft könnte helfen, wenn sich übernutzte Böden erholen und sich die globale Waldfläche wieder ausdehnt.

Es fehlt an Transparenz

Seit Beginn der industriellen Revolution, so schätzen Klimaforscher, sind etwa 270 Gigatonnen klimawirksamer Kohlenstoff durch die Verbrennung fossiler Brenn- und Treibstoffe in die Atmosphäre gelangt. Weitere 136 Gigatonnen sind durch die veränderte Landnutzung produziert worden – durch Abholzung, Trockenlegung von Feuchtgebieten und durch den Verlust von organischer Substanz in übernutzten Böden. Es fehlt deshalb ein riesiges organisches Reservoir, das Kohlendioxid speichern kann. Das möchte die UNCCD im Rahmen der neuen Nachhaltigkeitsziele der UNO verhindern. Ihr lanciertes Programm soll die Zerstörung beenden und rückgängig machen, indem jährlich 12 Millionen Hektaren Boden rekultiviert, aufgeforstet und nachhaltiger bearbeitet werden sollen.

Die UNCCD lanciert dafür im nächsten Jahr einen eigenen Fonds, in den jährlich zusätzliche 2 Milliarden aus staatlichen und privaten Ressourcen fliessen sollen. Es ist deshalb damit zu rechnen, dass in den nächsten Jahren eine Investitionswelle ausgelöst wird, vor allem von den reichen in die armen Staaten. Die Finanzdebatten im Palais de Congrès haben sich deshalb zwei Schweizer Wissenschaftler genau angehört.

Matthias Häni, ETH-Agronom und Datenanalyst am Forschungsinstitut WSL in Birmensdorf, und Philippe Saner, Biologe und Umweltwissenschaftler an der Universität Zürich, kennen die globalen Finanzflüsse zugunsten von Landnutzungsprojekten detailgenau. Im Auftrag der UNCCD haben sie untersucht, wie viel Geld durch die öffentliche Hand weltweit verteilt wurde. Sie analysierten dazu detaillierte Berichte von 190 Entwicklungs-, Schwellen- und Industrieländern sowie von Entwicklungsbanken, die im Zweijahresrhythmus an das UNCCD-Sekretariat eingereicht wurden.

Die Disziplin der Berichterstattung, so zeigen ihre Analysen, ist in den Zweijahresperioden zwischen 2008 und 2013 besser geworden. Doch die Datenaufbereitung glich einem unwegsamen Pfad durch den Dschungel ohne GPS. Es war vor allem in den Berichten der Entwicklungsländer schwierig, die Geldflüsse offenzulegen. «Quantitativ gibt es grosse Unsicherheiten, aber qualitativ kann man sich durchaus ein Bild machen», sagt WSL-Datenspezialist Matthias Häni.

134 Milliarden Dollar investiert

Insgesamt wurden 2012 und 2013 gemäss den Berichten weltweit 134 Milliarden Dollar in Landnutzungsprojekte investiert, davon flossen etwa 92 Milliarden im Zusammenhang mit mindestens zwei von drei Rio-Nachhaltigkeitszielen, nämlich Bodenschutz, Klima und Biodiversität. Eine Aufschlüsselung, wie viel Gelder von Entwicklungsländern selbst stammen und was die reichen Staaten beitrugen, ist dabei nur grob eruierbar.

Den Löwenanteil der Hilfsgelder im Jahre 2012 und 2013 rapportieren China und Mexiko. «Unsere neuartigen Datenanalysen haben bei den Ländern Anklang gefunden», sagt Häni. So konnte beispielsweise Südafrika seine Entwicklungshilfe mit anderen Ländern direkt vergleichen. Die Ergebnisse zeigen aber auch: Es wird aus den Berichten nicht ersichtlich, warum gewisse Staaten mehr von finanziellen Hilfeleistungen profitieren als andere.

Unklar ist vielfach auch der Zusammenhang zwischen den globalen Investitionen und der Umsetzung der unterschiedlichen Nachhaltigkeitsziele. «Das ist entscheidend und wird von uns nun genauer untersucht», sagt Philippe Saner von der Universität Zürich. Die meisten Hilfeleistungen erfolgen in Form staatlicher Gelder. Der Anteil an privaten Investoren scheint in den letzten Jahren gestiegen zu sein und soll künftig vergrössert werden. Auffällig war, dass sich am Global Landscapes Forum auch viele Investoren und Banken für das Thema starkmachten. Innovative Finanzprodukte für den Umweltschutz wie zum Beispiel Nachhaltigkeitsfonds sind bisher noch nicht genügend etabliert.

Keine Information zur Wirkung

Mehr Sorgen macht den Wissenschaftlern, dass es nur wenige Anhaltspunkte gibt, welchen Effekt die eingesetzten Gelder auslösen. Die Berichterstattung aus der Perspektive der betroffenen Länder müsse verbessert werden, um zu verstehen, welchen Mehrwert offizielle Entwicklungshilfe langfristig habe, sagt Umweltwissenschaftler Philippe Saner von der Universität Zürich. «Bei so viel Geld müsste doch klar ersichtlich sein, wie die Welt gerettet wird.» Der Fortschritt in der Analyse riesiger Datenbanken könnte hier hilfreich sein.

Die Forscher glauben, dass es weltweit genügend Daten gibt, um ein Tool entwickeln zu können, mit dessen Hilfe bereits bei der Projektplanung abgeschätzt werden kann, wo welche Investitionen sinnvoll und effektiv sind. Das möchten sie nun zusammen mit anderen Schweizer Forschungsinstitutionen angehen. Immerhin braucht es laut einem eben veröffentlichten Bericht der UNCCD 300 Milliarden Dollar jährlich, um eine weitere Zerstörung der Böden zu verhindern.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.12.2015, 20:58 Uhr

Artikel zum Thema

Apokalypse in der Reisschüssel

Klimawandel und die Jagd nach billiger Energie bedrohen Reisfelder und Fischbestände im Mekongdelta. Die Folgen für die Nahrungssicherheit von Millionen Menschen sind dramatisch. Mehr...

«Wir produzieren Klimaflüchtlinge»

Interview Die französische Umweltministerin Ségolène Royal gibt Europa eine Mitschuld an den Migrationsströmen nach Norden. Sie will deshalb mit Afrika kooperieren. Mehr...

Service

Ihre Spasskarte

Mit Ihrer Carte Blanche von diversen Vergünstigungen profitieren.

Kommentare

Weiterbildung

Lehrstellen

Sich zu bewerben heisst für sich werben

Die Welt in Bildern

Aaaaaaachterbahn: Mitten im Schienen-Wirrwarr des spanischen Freizeitparks Port Aventura stürzt ein Wagen des Fahrgeschäfts Dragon Khan in die Tiefe. (Juli 2017)
(Bild: Albert Gea) Mehr...