Das Netzwerk der Klimaschutzgegner

Exponenten der Erdölbranche finanzieren Lobbyorganisationen in den USA, die die Ergebnisse der Klimaforschung infrage stellen.

Der Konzern weiss seit den 70er-Jahren vom schädlichen Einfluss der Treibhausgase: Eingang einer Raffinerie von Exxon Mobil bei Los Angeles. Foto: Patrick T. Fallon (Bloomberg)

Der Konzern weiss seit den 70er-Jahren vom schädlichen Einfluss der Treibhausgase: Eingang einer Raffinerie von Exxon Mobil bei Los Angeles. Foto: Patrick T. Fallon (Bloomberg)

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Wer Geld spendet, schätzt in der Regel Transparenz über die Verwendung der Gelder. Nicht so die Sponsoren der amerikanischen Klimaschutz­gegner. Jahrelang versuchten sie, genau dies zu verhindern. Doch nun belegen zwei Studien des Soziologen Justin Farrell von der Yale University, welch grossen Einfluss manche Firmen mit ihrem Geld auf die Öffentlichkeit, die Presse und sogar die Reden der US-Präsidenten hatten.

Es gebe ein regelrechtes «Ökosystem der Einflussnahme», sagt Farrell. Ein Konglomerat von Dutzenden Lobbyorga­nisationen und sogenannter Thinktanks verbreite in den USA Desinformation und Zweifel über etablierte Erkenntnisse der Klimaforschung. «Die Methoden waren so effektiv, dass normale Amerikaner nicht mehr wissen, wem sie noch trauen können», zitiert ihn die «Washington Post».

Farrell hat Texte aus der Lobbyistenszene aus dem Internet auf seinem Computer nach Mustern durchsuchen lassen. Die knapp 41'000 Dokumente stammen aus den Jahren 1993 bis 2003 und kommen von etwa 160 Organisationen und 4500 Individuen in deren Dunstfeld; zu den wichtigsten und bekanntesten Gruppen gehören das American Enterprise Institute, das Heart­land Institute und die Heritage Foundation, alle mit Sitz in Washington D.C. Ihre Strategie ist es, Streit zu säen. «Pola­risation ist eine effektive Strategie, um Kontroversen zu erzeugen und politischen Fortschritt zu verzögern», sagt Farrell.

«Polarisation ist eine effektive Strategie,  um Kontroversen zu erzeugen und Fortschritt zu verzögern.»Justin Farrell, Soziologe

Dafür sind enorme Summen geflossen. Allein zwischen 2003 und 2010 hätten konservative Stiftungen etwa 550 Millionen US-Dollar an das Netzwerk der Lobbyisten verteilt, rechnete vor knapp zwei Jahren Farrells Kollege Robert Brulle von der Drexel University in Philadelphia im Fachblatt «Climatic Change» vor. Seine Zahlen stammen unter anderem aus Steuerunterlagen der als gemeinnützig eingestuften Gruppen. «Dieses Geld diente fast ausschliesslich dazu, den politischen Prozess zu bremsen», sagte Brulle dem US-Sender PBS.

Ermittlungen gegen Exxon

Allein die Brüder Charles und David Koch, die mit Kohle und Öl Milliarden verdient haben, überwiesen Brulles Studie zufolge über diverse Familienstiftungen 26 Millionen Dollar. Der Ölkonzern Exxon Mobil hat nach Zahlen von Greenpeace zwischen 1998 und 2007 etwa 31 Millionen Dollar in die Lobbyorganisationen investiert. Dabei wusste die Firma, wie erst kürzlich herauskam, seit den späten 70er-Jahren von eigenen Wissenschaftlern, dass der Klimawandel von Treibhausgasen gefördert wird. Im Netz wird das seither unter #ExxonKnew diskutiert. Nun ermittelt die Staatsanwaltschaft in New York, ob der Konzern Öffentlichkeit und Investoren belogen hat. Anfang November haben die Strafverfolger interne Unterlagen beschlagnahmt.

Was Brulle für den Geldfluss vorgemacht hat, vollzieht Farrell nun für die Verbreitung der Slogans nach. Dafür durchsuchte der Soziologe die 41'000 Dokumente zuerst nach den Themen, die sie behandelten. Dann glich er die Urheber der Schriften mit der Liste von Firmenspenden ab – zunächst für Exxon Mobil und die Koch-Brüder. Dabei ergab sich ein eindeutiger Trend, wie Farrell letzte Woche im Fachblatt PNAS berichtete: Die Pamph­lete von gesponserten Organisationen waren deutlich polarisierender formuliert als die Texte von Gruppen ohne solche Unterstützung.

Klimawandel hat «viele Vorteile»

Zudem handelten sie von etwas anderen Themen. Die bezahlten Lobbyisten verbreiteten gerade in jüngsten Jahren viel häufiger, der Klimawandel habe auch viele Vorteile, die Erwärmung resultiere aus langfristigen natürlichen Zyklen und nicht aus dem Ausstoss von Treibhausgasen – und überhaupt sei die Erde ja seit 1998 praktisch nicht mehr wärmer geworden. All diese Behauptungen hat die Klimaforschung längst überzeugend widerlegt.

In seiner zweiten Studie blickt Farrell nun auf den Einfluss, den die Lobbyisten errungen haben. Zunächst hat die Computeranalyse erkannt, dass die gesponserten Organisationen, insbesondere die drei Thinktanks mit den ­patriotischen Namen, das argumentative Zentrum der Bewegung gegen Klimaschutz bilden. Auch Gruppen ohne Firmenfinanzierung orientierten sich immer mehr an ihnen.

Und nicht nur diese. Farrell hat auch knapp 15'000 Zeitungsartikel, fast 2000 Äusserungen der Präsidenten Clinton, Bush und Obama und annähend 8000 Redebeiträge im US-Kongress in seinen Computer eingelesen. Eine semantische Analyse ergab dann, dass sie alle – bei grossen individuellen Schwankungen – den Äusserungen der Lobbyisten im Lauf der Jahre tendenziell immer ähnlicher wurden, wie Farrell gestern in «­Nature Climate Change» schrieb.

Methode der Einschüchterung

Die Propaganda läuft immer nach dem gleichen Schema ab: Den Klimaschutzgegnern reicht es, den Anschein einer Kontroverse zu erzeugen, über die die Medien dann berichten und in die sich Politiker einmischen. Der jüngste Fall betrifft die US-Behörde für Ozean und Atmosphäre (Noaa). Der Kongressabgeordnete Lamar Smith, ein Republikaner aus Texas, verdächtigt Noaa-Mitarbeiter der Datenmanipulation und verlangt Einsicht in ihre E-Mail-Korrespondenz. Eine solche Einschüchterung ist seit dem Kalten Krieg und dem Kommunistenjäger Senator Joe McCarthy eine beliebte Strategie.

Mitarbeiter der Noaa pflegen einen der wichtigsten Langzeit-Datensätze der Welt: Jeden Monat berechnen sie die Durchschnittstemperatur der Welt. Viele der Daten stammen von Schiffen, auf denen sich die Messmethode immer mal wieder verändert hat, was nicht eben zur Verlässlichkeit beitrug. Noaa-Forscher hatten daher im Sommer eine Neu-Eichung dieser Daten vorgeschla­gen. Sie hat zur Folge, dass die Tempera­turstatistik nach 1998 praktisch keinerlei verzögerte Erwärmung mehr zeigt.

Klimapause war keine

Dieses Ergebnis entspricht anderen Analysen, wonach die sogenannte Klimapause eigentlich überhaupt keine war. Aber die Klimaschutzgegner wollen sich ein lang gepflegtes Argument nicht einfach aus der Hand nehmen lassen und feuern aus allen Rohren gegen die Noaa-Mitarbeiter. Die Behörde hat sich derweil schützend vor sie gestellt. Dafür werfen andere Abgeordnete Lamar Smith Amtsmissbrauch vor.

In der Logik der Soziologen ist Smith dabei nur ein Schauspieler. «Wie am Broadway spielen einige Stars im Rampenlicht», sagte Robert Brulle zu «Scientific American». «Aber dahinter steht eine Organisation mit Regisseuren, Drehbuchschreibern und Produzenten.»

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 30.11.2015, 21:40 Uhr)

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