Ein Monster-Eisberg wird geboren

In der Antarktis ist ein Eisberg von der Fläche des Kantons Bern vom Schelfeis abgebrochen. Forscher vermuten, dass der Klimawandel den natürlichen Prozess beschleunigt hat.

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Am Rand der antarktischen Halbinsel ist einer der grössten je beobachteten Eisberge entstanden. Wissenschaftler des britischen Forschungsprojekts Midas meldeten am Mittwoch, dass sich, wie seit langem erwartet, der Eisberg nun vollständig vom Larsen-C-Schelfeis gelöst habe. Damit verliert die Eisplatte am nordwestlichen Zipfel der Antarktis, der Richtung Südamerika weist, auf einen Schlag zwölf Prozent ihrer Fläche.

Der neue Eisberg – eigentlich eine Eisinsel – wird voraussichtlich A68 genannt. Er hat eine Masse von mehr als einer Billion Tonnen und misst etwa 5800 Quadratkilometer, das entspricht fast der gesamten Fläche des Kantons Bern. Mit dieser Ausdehnung ist er zwar kleiner als der Eisberg namens B-15, der sich im Jahr 2000 vom Ross-Schelfeis trennte; dieser brachte es auf 11 000 Quadratkilometer. 1956 soll sogar ein noch grösserer Eisberg gesichtet worden sein. Trotzdem bleibt der Larsen-C-­Abbruch ein ungewöhnliches Ereignis.

Meeresspiegel steigt noch nicht

Der neue Eisberg dürfte vorerst mit der Meeresströmung rund um die Antarktis Richtung Osten driften. Es kann Jahrzehnte dauern, bis er ganz geschmolzen ist, weil er wie ein Eiswürfel in seinem eigenen kühlen Schmelzwasser schwimmt. Schneller könnte er sich auflösen, wenn er in kleine Teile zerbrechen oder an einer Inselgruppe stranden würde, wo immer neues, wärmeres Wasser um ihn herumströmen würde.

Für den Meeresspiegel hat der Abbruch keine unmittelbaren Konsequenzen. Schelfeis schwimmt ohnehin auf dem Meer; wenn es zerbricht oder schmilzt, ändert sich der Wasserstand nicht. Langfristig aber könnte das Ereignis nach Ansicht einiger Forscher den Anstieg des Meeresspiegels dennoch leicht beschleunigen.

«Für uns ist das Spannende, was nach dem Abbruch mit dem Rest des Schelf­eises passiert», sagt Daniela Jansen vom Alfred-Wegener-Institut in Bremerhaven. Schon vor Jahren hatten ihre Kollegen und sie vorhergesagt, dass das Schelfeis nach der Kalbung instabil werden könnte – das bleibt jedoch unter ­Experten umstritten.

Wenn die Forscher um Jansen recht behalten, stünde Larsen C womöglich ein ähnliches Schicksal bevor wie den beiden nördlicheren Eisplatten Larsen A und Larsen B, die in den Jahren 1995 und 2002 spektakulär zerbröselten. Binnen weniger Wochen war damals teils jahrtausendealtes, Hunderte Meter dickes Eis zersplittert. Allerdings geschah das jeweils lange nach der Initialkalbung. Wenn es auch Larsen C irgendwann in den kommenden Jahren so ergehen sollte, würde eine Eisplatte wegfallen, die momentan wie ein Korken vor den Inlandsgletschern der antarktischen Halbinsel sitzt. Dadurch dürfte sich deren Abfluss ins Meer beschleunigen.

Das Eis der Gletscher, die Larsen C speisen, reicht jedoch lediglich für einige Zentimeter Anstieg – verschwindend wenig im Vergleich zu den Eismassen auf dem Rest des Kontinents, die ausreichen würden, um das Wasser rund 60 Meter steigen zu lassen.

Was der Grund für die Geschehnisse am Larsen-Schelf ist, ist schwer nachzuweisen. Noch ist der Zusammenhang zwischen dem Kalben von Eisbergen und dem Klima nur schlecht verstanden. Das liegt auch daran, dass detaillierte Satellitenbeobachtungen erst seit kurzem überhaupt möglich sind. Prinzipiell sind kalbende Eisberge normal, es ist ein stetiger Prozess: Eisberge brechen am äusseren Rand der grossen Platte ab, Schelfeis wächst von hinten nach. Aber ob das Larsen-C-Schelf jemals durch neues Eis ersetzt werden kann, falls es zersplittert, ist fraglich. Für die Bildung grosser neuer Eismassen ist es rund um die Halbinsel wohl längst zu warm geworden. So war der Zerfall von Larsen A und Larsen B auch auf den Klimawandel zurückgeführt worden; schon in den Jahren zuvor waren zahlreiche Schmelzwassertümpel an der Oberfläche aufgetaucht, sie hatten die Entwicklung beschleunigt.

Warmzeit am Südpol

«Diese Schmelzwasserbildung ist jetzt bei Larsen C noch nicht so verbreitet», sagt Jansen, das unterscheidet den Fall von Larsen C von den früheren Ereignissen. Trotzdem: «Es ist zumindest naheliegend, dass der Klimawandel etwas mit den auf dem Larsen-Schelfeis beobachteten Prozessen zu tun hat, schon wegen der Wanderung des Zerfalls von Norden nach Süden.» Schliesslich hat sich die Antarktis an ihrem nördlichsten Zipfel bereits sehr deutlich erwärmt. Mit dem fortschreitenden Klimawandel wird es auch näher am Südpol immer wärmer. Das ist es, was Forschern wirklich Sorgen bereitet, jenseits von spektakulären Eisbergabbrüchen.

Die Prozesse im antarktischen Schelfeis verfolgen Wissenschaftler von der Swansea University und der Aberystwyth University in Wales, mit denen auch Jansen zusammenarbeitet, im Projekt Midas mithilfe von Satelliten. Alle sechs Tage liefern die europäischen Sonden Sentinel-1A und -1B derzeit Radaraufnahmen der Eisfläche. Seit Ende Juni war der Abbruch des Rieseneisbergs absehbar gewesen, immer schneller hatte sich der Riss im Eis verlängert. Zuletzt hatte er sich in mehrere Zweige aufgespalten, sodass neben dem grossen Eisberg nun noch mehrere kleinere entstehen dürften. «Wir waren überrascht, wie lang es gedauert hat, bis der Riss die letzten verbliebenen Kilometer Eis durchbrochen hat», schreibt Midas-Forscher Adrian Luckman von der Swansea University in einem Blogbeitrag. «Wir werden sowohl die Auswirkungen auf das Larsen-C-Schelf als auch das Schicksal dieses riesigen Eisbergs weiter beobachten.» Für optische Bilder reicht das Licht am Südpol indes frühestens Ende August wieder aus, auch Forschungsflüge sind im Winter nicht möglich.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.07.2017, 20:40 Uhr

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