Früher Frühling

Der Lenz ist da. Der Klimawandel sorgt dafür, dass er immer früher kommt – mit weitreichenden Folgen für die Natur.

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Es ist die Jahreszeit der Lyriker. Der Frühling inspiriert: Mit den ersten Knospen, mit dem weichen Licht am Morgen und dem Singen der Vögel. «Ja es umgibt uns eine neue Welt», frohlockt Johann Wolfgang von Goethe in einem seiner Frühlingsgedichte.

Dichter müssen den Frühling spüren. Astronomen dagegen orientieren sich an der Himmelsmechanik. Gestern war Stichtag, am 20. März, Tag und Nacht waren gleich lang. Abhängig von Schaltjahr und Zeitzone kann die Tag-undNacht-Gleiche auch einmal einen Tag früher oder später sein. Meteorologen sind derweil schon seit dem 1. März in Frühlingslaune. Das hat die Weltorganisation für Meteorologie so bestimmt. Sie ordnet die Jahreszeiten in je drei Mona­te. Der Winter dauert von Dezember bis Februar, der Frühling von März bis Mai. So lässt sich die Entwicklung des Klimas statistisch vergleichen.

Die Natur hingegen schert sich einen Deut um Zahlen. Es ist vor allem die Wärme, die den Frühlingsbeginn der Vegetation diktiert. Etwa 1,8 Grad Celsius wärmer ist es in der Schweiz im Schnitt seit Messbeginn 1864 geworden. Ähnlich ist der langfristige Trend im Frühling. Diese Entwicklung kann sich um weitere Grade verschärfen, falls global die Emissionen der Treibhausgase nicht sinken.

Der Winter wird dann frühlingshaft. Die Zahl der Frosttage, schätzen Klimaforscher, wird im Alpenraum deutlich abnehmen. Ob es im Frühling mehr regnen wird? Bisher konnten die Klimato­logen im Gegensatz zum Winter keinen eindeutigen Trend feststellen. Aber seit 30 Jahren kommt die Zeit des Wachsens in aller Regel früher. Das zeigt der Frühlingsindex von Meteo Schweiz: Der Wetterdienst erfasst seit langem an rund 80 Stationen Beobachtungen wie zum Beispiel die Blüte des Haselstrauchs, die Blüte des Kirschbaumes, den Nadelaustrieb der Lärche oder die Blattentfaltung der Buche.

Frühling wird warm – vielleicht

Die Folgen des Klimawandels sind komplex: So können Beziehungen zwischen den Arten auf die Probe gestellt werden. Wenn zum Beispiel die Bestäubung nicht mehr mit der Blütezeit zusammenfällt, die Blätter der Stieleiche etwa schon treiben, bevor die Raupen des Kleinen Frostspanners ausschlüpfen. Die Raupen, die sich von jungen Eichenblättern ernähren, verhungern – und fehlen ihrerseits den Meisen als Nahrung für deren Brut.

Im Gegensatz zum langjährigen Trend und zum ­letzten Jahr – dem wärmsten Jahr, seit es Wetteraufzeichnungen gibt – blühte der Haselstrauch heuer rund zwölf Tage später. Die Pollensaison begann also relativ spät. Der Grund: ein kalter Dezember und Januar. Trotzdem war der Winter gesamthaft wärmer als normal.

Und wie wird der Frühling? Meteo Schweiz wagt einen Ausblick, relativiert aber die Zuverlässigkeit solcher Langzeitprognosen – trotz leistungsfähigeren Computern und besseren Wettermodellen. So bleibt die Hoffnung. Der Computer rechnet für die Nord- und Ostschweiz mit 55 Prozent Wahrscheinlichkeit mit einem warmen Frühling. Die Durchschnittstemperatur der kommenden drei Monate soll über 13,5 Grad liegen.

Genauer ist die Klimastatistik, und die zeigt das wechselhafte Gesicht des Frühlings: Neuschneetage sind im Mittelland bis Ende März keine Seltenheit. Und zum Frühling gehört eben auch das Aprilwetter. Kalte Polarluft bringt dann eine unbeständige Witterung. Der durchschnittliche monatliche Luftdruck am Boden ist nie so tief wie im April. Anderseits ist der Südföhn immer wieder für mildes und schönes Wetter vor allem im Osten der Schweiz verantwortlich. Föhn ist eindeutig ein Frühlingsphänomen. Und schliesslich bringt die Wonnezeit einen besonderen Farbtupfer: Winde aus Nordafrika blasen des Öftern gelben Saharastaub in die Schweiz. Wie sagte Goethe? «Ja es umgibt uns eine neue Welt.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 20.03.2017, 23:26 Uhr

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