Im Dienst der Geflügelten

Der Libellenforscher Hansruedi Wildermuth erhält den Ig-Nobelpreis.

Leidenschaftlicher Libellenforscher: Hansruedi Wildermuth aus Rüti ZH, Mitherausgeber des Libellenatlas. Foto: zvg

Leidenschaftlicher Libellenforscher: Hansruedi Wildermuth aus Rüti ZH, Mitherausgeber des Libellenatlas. Foto: zvg

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An der Sache mit den Grabsteinen sei er wirklich «nur marginal beteiligt» gewesen, sagt Hansruedi Wildermuth, Libellenforscher aus Rüti ZH und Kantonsschullehrer im Ruhestand. Eher sei es sein Bekannter gewesen, der Biophysiker Gábor Horváth, der auf einem Friedhof in Ungarn ausgetestet habe, weshalb Libellen von schwarzen Grabsteinen eher angezogen würden als von weissen. Die Antwort: Schwarze Steine polarisieren das Licht horizontal, was die Insekten an Wasseroberflächen denken lässt. Die Publikation im Fachjournal «Freshwater Biology» führt Wildermuth als Co-Autor auf, weil er Daten aus der Schweiz beigesteuert hat. «Ich habe aber Plexiglasplatten verwendet, keine Grabsteine.»

Egal: Nun wird Wildermuth der Nobelpreis verliehen – nein, halt: der Ig-Nobelpreis, nach dem englischen Adjektiv «ignoble», kommun, von niederer Geburt. «Das hat mich überrascht, ich hatte nie von diesem Preis gehört», sagt Wildermuth im Gespräch. Der Ig-Nobelpreis belohnt wissenschaftliche Arbeit, die ernst gemeint ist, aber zum Lachen anregt. Verliehen wird er von den «Annalen für unwahrscheinliche Forschung», einer Satirezeitschrift, seit 26 Jahren. Die Preisfeier 2016 fand in der Nacht auf Freitag an der US-Universität Harvard statt.

Horváth, Wildermuth und ihre Mitautoren gewannen den Preis in der Kategorie Physik. Mitausgezeichnet wurde ein Aufsatz zu schwarzen und weissen Pferden – «aber da geht es um Bremsen und Pferde, nicht Libellen, daran war ich nicht beteiligt», sagt Wildermuth.

Die Jury hatte ihren Spass. Der Brite Thomas Thwaites gewann in Biologie; er hatte sich Arm- und Beinprothesen gebastelt, um die Fortbewegung von Bergziegen zu imitieren, und mehrere Tage unter solchen gelebt. Videoaufnahmen zeigen ihn im Berg, Gras kauend. Den Preis für Medizin nahm ein deutsches Team entgegen; es hatte entdeckt, dass ein Juckreiz auf der linken Seite des Körpers gelindert werden kann, indem man sich vor einen Spiegel stellt und an der rechten Seite kratzt, oder umgekehrt.

Die Ig-Preise sind Scherzpreise, undotiert und darauf aus, den Wissenschaftsbetrieb auf Exzentrik abzuklopfen. Trotzdem sind die meisten Forscher erfreut, wenn sie prämiert werden; Ig-Nobelpreise verschaffen Beachtung.

Wildermuth nimmt es gelassen. Der 75-Jährige befasst sich seit mehr als 30 Jahren mit Libellen und ihrem Schutz, war Privatdozent an der Universität Zürich und ist Mitherausgeber des Schweizer Libellenatlas. «Libellen müssen mit schrumpfenden Lebensräumen auskommen», sagt er. Deshalb sei es für die Tiere wichtig, Gewässer zu erkennen, die für sie geeignet seien. Wenn nun künstliche Oberflächen die Tiere anlockten, dann müsse die Wissenschaft wissen, was da geschehe. «Horizontal polarisiertes Licht», sagt Wildermuth. Er hat es herausgefunden. Er klingt zufrieden.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 23.09.2016, 19:07 Uhr

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