Ölsandgeschäft ohne Rücksicht auf die Natur
Von Urs Fitze. Aktualisiert am 30.11.2009 17 Kommentare
Es sind die letzten kaum berührten Gebiete der Welt. Wälder, Sümpfe, mäandrierende Flüsse, riesige Seen. Die Wälder im Norden der kanadischen Provinz Alberta sind kaum besiedelt. Insgesamt verfügt Kanada über rund drei Millionen Quadratkilometer dieser Wildnis. «Wir zerstören nur gerade 0,2 Promille dieser Wälder», sagt Dan Thompson, Präsident der Oil Sands Developers Group, des Dachverbands der Ölsand-Förderfirmen. Der Abbau rund um die Stadt Fort McMurray betreffe eine Fläche von 700 Quadratkilometern. Und das sei doch «absolut vertretbar».
Doch was der Ölmanager nicht sagt: Die Industrie hat in den kommenden Dekaden Grösseres vor. 173 Milliarden Fass Erdöl liegen in einem unerschlossenen Gebiet von der Grösse Griechenlands. Das sind rund 5 Prozent der borealen Wälder Kanadas. Hier liegt das nach Saudiarabien zweitgrösste Ölvorkommen der Welt. Gerade ein Fünfzigstel davon ist bislang gefördert worden. 60 Milliarden Franken sollen bis 2020 in neue Förderanlagen investiert werden.
Hoher Energieaufwand
Das Öl ist in Form von Bitumen in einer Masse aus Sand, Lehm und Wasser gebunden. Der technische und energetische Aufwand, es zu fördern, ist immens. Um ein Fass Öl – 155 Liter – zu gewinnen, braucht es zum Beispiel 300 bis 750 Liter Wasser. Die CO2-Emissionen übersteigen bei der Förderung und Aufbereitung jene des konventionell geförderten Öls um das Zwei- bis Dreifache. Die Kosten liegen mit rund 25 Franken pro Fass rund 20-mal höher als bei der konventionellen Ölgewinnung.
Dieser hohe Aufwand war noch vor wenigen Jahren der Grund, dass die Ölsande Kanadas in den offiziellen Statistiken nicht als Reserven ausgewiesen wurden. Doch nun sind die Zeiten billigen Öls vorbei. Damit sieht die Renditerechnung ganz anders aus. Laut Dan Thompson ist der CO2 pro Tonne in den vergangenen 20 Jahren um 14 Prozent gesunken und liegt damit im Einklang mit den Zielen des Kyoto-Protokolls. Was Thompson verschweigt: Der absolute Ausstoss ist in diesem Zeitraum wegen der ausgeweiteten Produktion auf knapp ein Zwanzigstel der gesamten kanadischen CO2-Emissionen gestiegen. Und der Trend wird weiter nach oben zeigen. Für das Jahr 2020 rechnet Simon Dyer vom Umweltforschungsinstitut Pembina in Edmonton mit einem Anteil von einem Achtel an den kanadischen Emissionen.
Atomkraft als Alternative
91 Ölsandminenprojekte sind genehmigt, kein einziges ist bislang abgelehnt worden. Der Tagebau bis in 75 Meter Tiefe hinterlässt hässliche Spuren in der Landschaft. Die Fördergesellschaften werden noch tiefer vordringen. Dazu muss unter hohem Druck Wasserdampf in die Bitumen führenden Schichten gepresst werden. So verflüssigen sich diese und können an die Oberfläche gepumpt werden. Wenigstens wird mit dieser Methode das Ökosystem nicht zerstört.
Doch der Teufel wird mit dem Belzebub ausgetrieben. Der Energieaufwand des «In Situ»-Verfahrens ist nochmals deutlich höher, der CO2 steigt etwa um die Hälfte. Es verwundert deshalb nicht, dass in Alberta inzwischen ernsthaft darüber nachgedacht wird, Atomkraftwerke zu bauen, um vom Erdgas, das in den Nordwestern Territories gefördert wird, wegzukommen und die verheerende Klimabilanz etwas aufzupolieren.
Täglich 4,5 Millionen Fass
Für Mike Hudema, Kampagnenleiter Klima und Energie bei Greenpeace Kanada, sind diese Pläne der Beweis, «dass es schlicht kein sauberes Verfahren gibt, um Ölsand zu fördern». Greenpeace verlangt den kompletten Ausstieg aus dem Ölsand. Die Pläne sehen aber ganz anders aus: Bis 2020 sollen täglich 4,5 Millionen Fass produziert werden, das Dreifache der heutigen Produktion.
Umwelt- und Klimaschutz verkommen vor diesem Hintergrund zu Absichtserklärungen. Nicht einmal das technische Potenzial wird ausgeschöpft: Peter Lee von Global Forest Watch Kanada untersuchte, wie nahe die bereits bestehenden Ölsandminen an der bestmöglichen Technologie sind. Das Ergebnis ist ernüchternd. Gerade mal 33 von 100 möglichen Punkten werden erreicht: Die Tailing Ponds, in denen bis heute 720 Milliarden Liter Produktionsabwässer zurückgehalten werden, sind nur mit Erdwällen zum natürlichen Fliesswassersystem abgedichtet. Lee schätzt, dass so täglich 5,7 Millionen Liter Abwässer in den Athabasca River gelangen.
Die Kritiker sehen sich in den Erfahrungen von Fort Chipewyan bestätigt. Das 1500-Seelen-Dorf liegt 230 km flussabwärts am Ufer des Athabascasees. Dort sind in den vergangenen Jahren gleich drei Fälle einer extrem seltenen Krebsart aufgetreten. Missgebildete Fische seien an der Tagesordnung, sagt Mike Mercredi, ein ehemaliger Fahrer eines der riesigen Kipplaster mit einem Fassungsvermögen von 400 Tonnen, die den Ölsand im Minutentakt von der Mine zur Verarbeitungsstätte transportieren. Er hat damit aufgehört. «Ich hatte zunehmend das Gefühl, ich würde meine eigenen Angehörigen umbringen mit meiner Arbeit.» Jetzt sammelt er Belege, welche die Verschmutzung durch die Ölindustrie dokumentieren sollen. Es seien nicht nur Gewässerverschmutzung und Landschaftsverschandelung, welche die Natur beuteln. Auch das Wild sei betroffen.
Boomende Erdölstadt
Dafür kommen immer mehr Menschen in die kanadische Provinz. Ed Stelmach, Premierminister von Alberta, erklärte diesen Mai an einer Konferenz in Genf: «Albertas Türen bleiben für die nächsten 150 Jahre offen für alle, die in der Ölindustrie investieren oder arbeiten wollen». In Fort McMurray, der Metropole des Booms, hat sich die Bevölkerungszahl in nur einem Jahrzehnt auf 85'000 vervierfacht. 2020 sollen hier gar 250'000 Menschen leben. Die Stadt platzt bereits heute aus allen Nähten, viele leben in Bungalows und Mobilhomes, Tausende in Camps der Ölindustrie.
Trotzdem: Die Umweltfolgen des Ölsandabbaus sind in der Öffentlichkeit bislang kaum ein Thema. Mike Hudema, Kampagnenleiter von Greenpeace, ist dennoch zuversichtlich. «Wenn die Bevölkerung einmal realisiert hat, was auf dem Spiel steht, wird es die Ölindustrie nicht mehr so leicht haben.»
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 12.11.2009, 04:00 Uhr
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17 Kommentare
Der Konsument entscheidet mit. Kein Auto, kein Heizöl. Keine neuen Plastiksäcke annehmen, keine alten fortwerfen sondern gebrauchen, bis sie praktisch verfallen. Kein Benzin, keine Betriebsstoffe. Verzichtet auf alles, was die Nachfrage erhöhen könnte. Schwieriger wirds da aber im Gewerbe. Das ist der Weg. Alles andere ist Augenwischerei und Möchtegern-Greenpeace-Verhalten. Schönen Tag noch ! Antworten
Der Raunbbau an unserer Lebensgrundlage Natur ist die Folge unseres Handelns. Er lässt sich nur stoppen, indem wir unser eigenes Verhalten ändern. Lassen Sie uns unseren Drang beenden, immer mehr konsumieren zu wollen. Der Konsum weniger aber dafür qualitativ hochwertigerer Produkle (z.B. Bio-Lebensmittel aus der eigenen Region) hilft sowohl Energie zu sparen, als auch das eigene Wohl zu heben. Antworten
Wir können schon über die Kanadier herziehen. Wäre es aber nicht besser vor der eigenen Haustüre zu kehren? Bei uns will man auch unzählige Milliarden in 3 neue KKW's investieren, bei uns fährt man nicht Offroader sondern die dekadenten Panzer wie Cayenne oder Hummer. Das Umwelt und Energieproblem wäre schon längst gelöst wenn man die Gelder anders investieren würde. Ohne Kunden, kein Ölverkauf! Antworten
Die Briten wollen jetzt ein Co2 Konto für jeden Bürger einführen. Wenn das bei uns kommt gehe ich auf die Barrikaden. So etwas ungerechtes werde ich nicht dulden. Luft verkaufen ist veboten auch wenn man es auf eine verdrehte weise doch versucht. Manchmal denke ich, ich bin im falschen Film. Antworten
he, zuercher, -schon mal in canada gewesen? -schon mal gesehen wie gross canada ist? -schon mal ueberlegt das es wahrscheindlich mehrere klimazonen mit da mehr schnee als dort? -schon mal ueberlegt das es wohl kalt ist in den praerie provincen aber sehr wenig feuchtigkeit hat vor allem im winter?, wahrscheindlich nicht oder hoechstens in der warmen stube! Antworten
@Leimgruber: Warumm immer dieser Ami-Hass?! Die Europäer sind auch nicht besser! Für einmen armen Afrikaner sind wir alle eine Schande. Ein US-Bürger braucht 400 Mal mehr Energie als ein Afrikaner. Der Europäer 300 Mal. Wo liegt der Unterschied??? Antworten
Die Kanadier sind eines der verschwenderisten Länder welche existieren. Schon mal im Winter in einer Kanadischen Stadt gewesen? Interessant zu sehen dass kein einziges Dach Schnee trägt, und das bei Minustemperaturen und genügend Schneefall. Woran's wohl liegt? Antworten
Für jeden aufrechten Kanadier sind die Machenschaften der Oelgiganten einen Schlag ins Gesicht. Der Einfluss der Oelmultis in der Politik nehmen langsam mafiöse Zustände an. Wenn die Wirtschaft am Boden ist und der Dollar rollt, interessiert die Umweltzerstörung niemanden mehr.. Antworten
Ungalublich.. Dämlich! Ich kann nicht verstehen wie lange das noch so weiter gehen soll.. der Mensch lernt erst wenn der letzte Tropfen öl geflossen ist! Die 60 Milliarden die Sie bis 2020 investieren wollen könnte man so viel besser in Solar, Wind und Wasserkraft investieren.. Aber da werden lieber Flüsse verschmutzt! Ih denke die USA hat doch Ihre Finger auch im Spiel. So nah! So viele Reserven! Antworten
Das ganze Oelsandprojekt ist ein beispielloser Fall von verantwortungsloser Umweltkriminalität. Da werden letzte Gas vorkommen verheizt, und unglaubliche Wassermengen verschleudert, um die benzinfressenden Karossen am Laufen zu halten.Und CO2 Bilanz hin oder her, solange man mit Umweltverschmutzung Geld verdienen kann!! Eine Schande für unsere Generation und die Regierung , die so etwas zulässt Antworten
es gibt in der zwischenzeit genügend moderne technologien, um den energiebedarf des globus in zukunft ohne ölsand und ohne atomkraftwerke zu decken. es sind die reaktionären kräfte weltweit, welche die moderne energie-zukunft nach wie vor krampfhaft zu verhindern versuchen. wir brauchen eine energie-wende, und wir brauchen eine polit-wende Antworten
Der Mehrverbrauch durch SUV-FahrerInnen macht diese rücksichtslose Investionen erst rentabel: die Nachfrage nach Öl bedingt den Preis. Also kommt mir jedesmal wenn ich einen Jeep Grand Cherokee oder Porche Cayenne begegne die Galle hoch... Antworten


Die Welt in Bildern


Beat Merkli
@Ueli Herter:Um Öl-Sand zu Benzin zu machen braucht es das x-fache desselben Benzins.Komisch,nicht?Es ist ein Negativgeschäft,neben den immensen Umweltschäden,die die Ölgesellschaft nie zahlen wird.Aber Sie sind ja nicht von der Natur abhängig,wo leben Sie denn? Antworten