Wächter der Waldmenschen

Im Zoo sind Orang-Utans kreativer als im Regenwald, weil sie sich sicherer fühlen: Carel van Schaik sagt, dass dieser Zoo-Effekt auch die menschliche Evolution vorantrieb.

«Unsere Vorfahren domestizierten sich vor 100'000 Jahren selbst», sagt Carel van Schaik, im Hintergrund eine nachgestellte Alltagsszene von Neantertalern. Fotos: Sabina Bobst

«Unsere Vorfahren domestizierten sich vor 100'000 Jahren selbst», sagt Carel van Schaik, im Hintergrund eine nachgestellte Alltagsszene von Neantertalern. Fotos: Sabina Bobst

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Würde man im Dschungel auf der indonesischen Insel Sumatra irgendeinen Gegenstand wie etwa einen Fotoapparat oder eine Trinkflasche verlieren, würde dieser einfach unbeachtet liegen bleiben. Zumindest zeigen die dort heimischen Orang-Utans kein Interesse, das für sie fremde Objekt zu erforschen. Ganz anders ist es bei ihren Artgenossen im Zoo. «Sie fallen sofort darüber her und versuchen es irgendwie auseinanderzunehmen oder damit zu experimentieren», erklärt Carel van Schaik. Sie seien viel zu neugierig.

Doch warum nur in Gefangenschaft? «In der freien Wildbahn haben die Tiere Angst vor Unbekanntem», sagt der 63-jährige Holländer, der die rotzotteligen Menschenaffen auf Sumatra und Borneo jahrelang in der Natur beobachtete. Zusammen mit seinen Mitarbeitern führte Carel van Schaik etliche Experimente mit Orang-Utans im Zoo, in Auswilderungsstationen sowie direkt im Dschungel durch. Sein Fazit: Im Zoo verhalten sie sich wie eine andere Art. Dies liege daran, dass sie dort keine Feinde hätten, sich in Sicherheit fühlten und nicht auf anstrengende Futtersuche gehen müssten. Sie hätten praktisch den Kopf frei, um kreativ zu sein, Dinge auszuprobieren. Von Menschen aufgezogene Affen seien viel intelligenter als wild lebende. Sie seien viel offener, Neues zu lernen.

Sein Fazit: Im Zoo verhalten sie sich wie eine andere Art.

«Trotzdem sind Orang-Utans in der Natur immer noch superschlau», fügt der Leiter des Anthropologischen Instituts und Museums der Universität Zürich bei unserem Treffen in seinem Büro am ­Irchel hinzu. «Sie haben Kultur und verfügen über ein grosses Repertoire an Erfindungen.» In einigen Populationen bauen sie beispielsweise über ihre Schlafnester im Baum ein Dach aus Blättern, um sich vor Regen zu schützen. Oder sie benutzen ein Stöckchen, damit sie die Samen aus der Kapsel der Neesia-Frucht entfernen können, ohne sich dabei an den lästigen Brennhaaren zu verletzen. Auf diese im Alltag äusserst nützlichen Innovationen sind sie aber meist nur per Zufall gekommen.

Test mit Plüschaffen

Im Freiland geben Orang-Utans dieses Wissen dann von Generation zu Generation weiter. «Die Kleinen lernen von den Grossen», sagt Van Schaik. «Die Jungtiere sind scharf darauf, es ebenfalls zu können.» Im Vordergrund stehe aber nicht wie bei Zootieren das spielerische Erforschen oder Kennenlernen von etwas Neuem, sondern die soziale Motivation. Denn individuelle Neugier und Kreativität sind im permanenten Überlebenskampf im Regenwald nicht unbedingt von Vorteil. Zu risikoreich ist es, sich Unbekanntem zu nähern. Zu gefährlich, sich dem ganz und gar zu widmen und seine Umgebung ausser Acht zu lassen. In Experimenten fanden seine Mitarbeiter heraus, dass ungewöhnlich aussehende Plastikfrüchte, Plastikblumen oder ein kleiner Plüschaffe monatelang gemieden wurden.

Vier Jahrzehnte erforschte der Evolutionsbiologe gemeinsam mit seiner Frau Maria Affen. Am Anfang waren es noch Makaken in Sumatra. Parallel dazu begann das niederländische Forscherpaar die nur in Südostasien vorkommenden Menschenaffen zu beobachten, die auf Indonesisch Waldmenschen heissen. Jahrelang lebten die Van Schaiks im Suaq-Sumpf an der Westküste Sumatras, wo sie eine Forschungsstation aufbauten. In der tropischen Gegend mussten sie sich nicht nur an Heerscharen von Moskitos und lästige Blutegel, sondern auch an brütende Hitze und gewaltige Regenschauer gewöhnen. «Umso schöner war es, mitten in der Wildnis den grössten Baumbewohnern zuzuschauen, wie sie sich geschickt und elegant auch noch mit bis zu 90 Kilogramm von Ast zu Ast schwingen», schwärmt Van Schaik. Doch Abholzung und Umwandlung des Lebensraums bedrohen zunehmend die Existenz dieses einzigartigen Kletterers.

«Wenn ich pensioniert werde, habe ich endlich Zeit, alles noch weiter auszuwerten.»Carel van Schaik

Insgesamt rund 120 Individuen hat Carel van Schaik zusammen mit seinem Zürcher Team sowie mithilfe von indonesischen und amerikanischen Kollegen und Studierenden auf der Insel Sumatra und auf Borneo erforscht. «Wenn ich in einem Jahr pensioniert werde, habe ich endlich Zeit, alles noch weiter auszuwerten», sagt er lachend und zeigt auf ein paar Hundert Ordner in mehreren Schränken.

Ist die Arbeit im Regenwald gefährlich? «Eigentlich nicht», antwortet er. Statt Schlange oder Tiger seien es auf Sumatra vor allem stechende Insekten, vor denen er regelrecht Panik habe. Einmal zerstörte ein Orang-Utan-Männchen ein ganzes Wespennest, sodass die Tiere total aggressiv wurden. «Plötzlich attackierten sie mich», erinnert er sich, «mir blieb nichts anderes übrig, als blitzschnell in einen kleinen Tümpel zu springen, um diese verheerende dunkle Wolke wieder loszuwerden.»

Einen grossen Sumatratiger würde er dagegen gern mal sehen. Seine Frau sei vor fast dreissig Jahren mal einem in der Wildnis begegnet, doch der sei gleich weggerannt. «Sie kennen meine Frau ja nicht», scherzt Van Schaik. «Bei einer Studentin haute einer aber vor kurzem nicht mehr ab, sondern fauchte sie an.» Das sei eine sehr riskante ­Situation gewesen und habe damit zu tun, dass der ständige Habitatverlust die Tiere auf immer engerem Raum zusammentreibe. Für die Raubkatzen ist es viel schwieriger, Futter zu finden. Inzwischen sind sogar zwei Tiger in der Nähe der Orang-Utan-Forschungsstation, sodass die Forscher jetzt nur noch gemeinsam unterwegs sein dürfen.

Der Zoo-Effekt bei Menschen

Gibt es auch Erkenntnisse aus Ihrer Forschung, die sich auf die menschliche Evolution übertragen lassen? «Wir können Rückschlüsse gewinnen, wie zum Beispiel Kreativität beim Menschen entstanden ist», sagt der Anthropologe und Co-Autor des Sachbuchbestsellers «Das Tagebuch der Menschheit. Was die Bibel über unsere Evolution verrät». Die grossen Hirne der Primaten und auch der Menschen hätten sich für soziales Lernen entwickelt. «Dies geht unter anderem auch aus dem zuvor erwähnten Versuch mit Orang-Utans in der Wildnis hervor. Damals ging es bei unseren Urahnen auch in erster Linie darum, die notwendigen Fähigkeiten zum Überleben zu erwerben. Experimentelle Neugier war da fehl am Platz und viel zu riskant.»

Erst ab der Steinzeit habe es Bedingungen gegeben, die es erlaubten, dass die Jäger und Sammler wie in «Camps» zusammenlebten und mit ihren effizienten Waffen selbst kaum noch Raubtiere hätten fürchten müssen. «Im Prinzip lebten sie ähnlich sorgenfrei wie die Tiere im Zoo», betont Van Schaik. Man könne sagen, dass unsere Vorfahren sich seit ungefähr hunderttausend Jahren quasi selbst domestiziert hätten. Doch um kreativ zu sein und etwas völlig Neues zu entwickeln, habe es zudem noch soziale Inputs, viel Musse und auch Anreize von aussen wie etwa Handel und Austausch von Werkzeugen gebraucht. «Wie die Experimente belegen, müssen die Voraussetzungen stimmen, um das kreative Potenzial auch auszunutzen», sagt er. Erst dann wandle sich die Angst vor Unbekanntem in Neugier um, und Innovationen könnten entstehen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 20.03.2017, 10:34 Uhr

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Insgesamt rund 120 Individuen hat Carel van Schaik auf der Insel Sumatra und auf Borneo erforscht: Orang-Utan im Anthropologischen Museum Zürich.

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