Wo ist nur das Eis?

Fast überall liegt das Wasser frei. Die Ausdehnung der Meereisfläche in der Antarktis war noch nie so klein.

Freies Wasser statt Eisfläche: Die neusten Messwerte deuten auf grosse Veränderungen hin. Foto: Pauline Askin/Reuters

Freies Wasser statt Eisfläche: Die neusten Messwerte deuten auf grosse Veränderungen hin. Foto: Pauline Askin/Reuters

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Anfang März ist der Sommer in der Antarktis vorbei; es ist wieder so kalt, dass sich neues Eis auf dem Meer ausbreitet. Das ist in jedem Jahr so. Doch 2017 ist anders: Nie zuvor wurde eine so geringe Ausdehnung der Meereis-Fläche gemessen. Fast überall rund um den Kontinent, wo sonst Eisschollen treiben, liegt das Wasser frei – nur im Weddell-Meer, auf der Ostseite der Antarktischen Halbinsel, haben sich grössere Mengen Eis über den Süd-Sommer gehalten.

Das Erstaunliche daran: Noch im Jahr 2014 gab es mehr Eis als je zuvor. Schon zum Ende des antarktischen Sommers war damals ungewöhnlich viel Meereis übrig; über den Winter wuchs die Eisfläche auf den grössten je gemessenen Wert an. Nur drei Jahre später hat sich jetzt das gegenteilige Extrem eingestellt. Gut zwei Millionen Quadratkilometer Meereis-Fläche hat das National Snow and Ice Data Center (NSIDC) an der University of Colorado zuletzt per Satellit gemessen, normal sind um diese Jahreszeit mehr als drei Millionen Quadratkilometer – zwischen den beiden Werten liegt etwa die dreifache Fläche Deutschlands. «Wir schauen genau hin, was passiert», sagt NSIDC-Direktor Mark Serreze. Nur: Was das Rekord-Minimum bedeute, das sei nicht klar.

Kleine Veränderungen – dramatische Folgen

Lange war die Antarktis eines der Lieblingsobjekte von Klimaskeptikern. Zwar erwärmt sich die Westantarktis so schnell wie sonst kaum eine Region auf der Welt. Aber in weiten Teilen der viel grösseren Ostantarktis ist es bislang kaum wärmer geworden. Insgesamt hat die Ausdehnung des Meereises um den Kontinent im Mittel bisher sogar leicht zugenommen, um etwa drei Prozent pro Jahrzehnt.

Klimaforscher hatten immer grosse Schwierigkeiten, dieses Phänomen zu erklären. Das dürfte vor allem daran liegen, dass der Antarktis mit Klimamodellen generell schwer beizukommen ist: Rund um den antarktischen Kontinent drehen sich nicht nur die stärksten Meeresströmungen, sondern auch die heftigsten Winde und halten normalerweise warme Luft fern. Kleinste Störungen in diesen Mustern können schnell dramatische Folgen haben, darum waren die natürlichen Schwankungen am Südpol schon immer gross.

Grosse Schwankungen bei der Antarktis-Eisfläche

Die neuesten Messwerte könnten jedoch darauf hindeuten, dass bereits grosse Veränderungen im Gang sind. «Die grossen Zirkulationsmuster in der Atmosphäre verändern sich durch den Klimawandel. Das führt dazu, dass Extreme zunehmen», sagt Marcel Nicolaus vom Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung in Bremerhaven. «Ich vermute, dass wir künftig noch stärkere Schwankungen von Jahr zu Jahr sehen werden als bisher.»

«Es wäre aber wichtig, nicht nur die Fläche, sondern auch das Volumen des Meereises bestimmen zu können», sagt Nicolaus. Wenn der Wind viel Eis weg von der Küste treibt, kann sich dahinter leicht eine neue, dünne Eisschicht bilden; dann wächst die Eisfläche, während das Volumen kaum zunimmt. Womöglich kann man so einen Teil des Rekords von 2014 erklären – genau weiss man es nicht, noch können Satelliten das Eisvolumen nur schlecht erfassen. Erst vom kommenden Jahr an könnte sich das mit verbesserten Auswertungstechniken ändern.

Die Eisfläche in der Antarktis im Jahresverlauf

Für den Meeresspiegel macht es indes keinen Unterschied, ob viel oder wenig Eis im Meer ist. Solange das Eis schwimmt wie ein Eiswürfel im Glas, verändert schmelzendes Eis die Höhe des Meeresspiegels nicht. Anders ist es mit dem Eisschild, der auf dem Fels der Westantarktis ruht. Nach Auffassung vieler Wissenschaftler ist er durch die bisherige Erwärmung von Wasser und Luft bereits unrettbar verloren, und wird sich im Laufe der kommenden Jahrhunderte unweigerlich ins Meer ergiessen. Wenn es wirklich so kommt, wird allein das den Wasserpegel um mehrere Meter steigen lassen.

(Süddeutsche Zeitung)

Erstellt: 15.03.2017, 09:50 Uhr

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