Star der Intelligenzforschung

Elsbeth Stern glaubt, dass klugen Kindern aus benachteiligten Familien der Platz am Gymi weggenommen wird. Das will sie ändern.

«Ein Wissenschaftler muss auch unbequeme Wahrheiten sagen können», sagt Elsbeth Stern. Foto: Urs Jaudas

«Ein Wissenschaftler muss auch unbequeme Wahrheiten sagen können», sagt Elsbeth Stern. Foto: Urs Jaudas

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Geschenke machen nicht nur Freude, sie geben auch eine Art Steckbrief der Beschenkten ab. Hinter der Tür des Büros von Elsbeth Stern hängt eine chinesische Kalligrafie mit einem intelligenten Spruch, die sie von einem Post-Doktoranden erhalten hat, der jetzt Professor ist. Neben dem Büchergestell findet man eine Urkunde über einen Stern, der nach ihr benannt ist, «für jemanden, der schon alles hat», wie der Wissenschaftler sagte, als er seine Karriere an einer anderen Uni fortsetzte. Und auf dem Fensterbrett steht eine Kiste, die «Bullshit» ruft, wenn man sie öffnet, ebenfalls ein Abschiedsgeschenk eines Forschers.

Die Stichwörter Stern und Intelligenz charakterisieren die 58-jährige Professorin schon recht gut, sie ist nämlich ein Star der Intelligenzforschung. Und sie lacht auch mal gerne über sich selber. Heute leitet sie die Abteilung für Lehr- und Lernforschung an der ETH Zürich. Hier erforscht sie, wie man Schülern die Konzepte der Mathematik und der Physik am effizientesten beibringt – selbst wenn diese davon nicht so begeistert sind.

Doch das Thema, das Elsbeth Stern wirklich bekannt gemacht hat, ist die Frage der Intelligenz. Als der deutsche Politiker Thilo Sarrazin vor sechs Jahren mit einem Buch für grossen Wirbel sorgte, in dem er vor dem Abrutschen der Gesellschaft durch weniger intelligente Einwanderer warnte, entlarvte sie dessen Aussagen als wissenschaftlich unhaltbar. Und erst kürzlich forderte sie gezielte Intelligenztests für Gymnasiasten, um sicherzustellen, dass die richtigen Schüler die Matura machen.

Intelligenz, also die Fähigkeit, «die Welt in ihren Regeln zu erfassen und wechselnde Aufgaben zu bewältigen», ist in der Öffentlichkeit ein umstrittenes Konzept. Manche halten nur schon die Idee einer fixen, messbaren Intelligenz für fragwürdig. Für andere ist sie zweitrangig für ein erfolgreiches Leben. Wer das Thema erforschen möchte, begibt sich in ein wahres Haifischbecken. Doch Elsbeth Stern ­bewegt sich darin ganz geschickt. Ihr Motto: «Als Wissenschaftler muss man das sagen, was man für die Wahrheit hält, auch wenn diese unbequem ist. Das ist der Preis dafür, dass ich einen privilegierten Job mit einem sicheren Einkommen habe.»

Manche Wahrheiten sind nun einmal unbequem. Zum Beispiel haben unzählige Studien gezeigt, dass die Intelligenz eine entscheidende Grösse für die geistigen Fähigkeiten eines Menschen ist und auch ein wichtiger Faktor für den späteren Erfolg. Andere Faktoren wie Motivation, Selbstbewusstsein oder Disziplin spielen eine deutlich geringere Rolle.

Intelligenz in Wissen investieren

Die schlechte Nachricht: Die Intelligenz ist ungerecht verteilt. Ein ganzes Bündel von Genen – zum grössten Teil noch unbekannt – spielt eine Rolle, und wer mehr oder weniger davon abkriegt, ist in jeder Generation eine neue Lotterie. Deshalb können hochbegabte Eltern auch durchschnittlich intelligente Kinder haben und umgekehrt Hochintelligente aus «einfacheren» Familien stammen.

Mit der Intelligenz alleine ist es natürlich nicht getan, man muss seine Talente auch umsetzen. «Wer reüssieren will, muss seine Intelligenz in Wissen investieren», sagt Elsbeth Stern. Das bedeutet studieren statt eine lange Weltreise, lesen statt fernsehen, auf Hobbys verzichten, anderes zurückstellen. «Nicht alle sind bereit, die Kosten einer ­solchen Spezialisierung zu tragen», sagt Stern.

Ihr selber gelang der Durchmarsch durch die akademische Karriere im Eiltempo. «Mit 24 hatte ich das Diplom, mit 28 promovierte ich, und mit 35 war ich Professorin an der Universität Leipzig. Ich würde sagen, ich habe mein Intelligenzpotenzial gut ausgeschöpft, zum Nobelpreis wird es aber leider nie reichen», erzählt sie und schiebt ein fröhliches Lachen hinterher. Heute lebt sie mit ihrem Mann, auch ein Lernforscher, am Zürichberg.

Rubik-Würfel: Mathematik und Intelligenz. Foto: PD

Aufgewachsen ist sie in einer fünfköpfigen Bauernfamilie in Nordhessen. Sie ging als eine der wenigen im Dorf ins Gymnasium. «Meine Familie war nicht bildungsfern», sagt sie, «ihr Stolz war immer, dass ein Kind pro Generation Pfarrer oder Lehrer wurde.» Ihr Vater habe trotz der strengen Arbeit auf dem Bauernhof viel gelesen – und als sie einmal einen Intelligenztest mit ihm machte, war sie erstaunt über seinen hohen Wert. Trotzdem hatten ihre Eltern sie erst nicht aufs Gymnasium schicken wollen, weil das damals für Mädchen einfach nicht üblich war. Erst ein Lehrer und eine Tante halfen ihr, die Eltern zu überzeugen, dass sie unbedingt aufs Gymnasium gehörte. «Und wenn man damals diese Möglichkeit hatte, hat man seine soziale Herkunft hinter sich lassen können», stellt Elsbeth Stern heute fest.

Vor zwei Jahren, hat sie wieder so eine unbequeme Wahrheit kundgetan. Ein Drittel der Schweizer Gymnasiasten, so sagte sie, hätte einen Intelligenzquotienten, der für die Matur nicht ausreiche. Das hätten IQ-Tests ergeben, die sie an mehreren Gymnasien der Schweiz durchführte. Diese Kinder würden nur aufs Gymnasium gehen, weil sie von ihren Eltern gepusht würden.

Gezielte IQ-Tests bei Gymnasiasten

Dies würde dreifachen Schaden anrichten: erstens bei den Schülern selber, die sich mit Ach und Krach durch die Schuljahre quälten. Zweitens würden sie intelligenteren Kindern, die aus bildungsfernen Schichten kämen, den Platz wegnehmen. Und drittens sei dies nachteilig für die Volkswirtschaft, die so ihre Bildungsfranken fehlinvestiere.

Solche Aussagen haben ihr heftige Kritik eingebracht. «Dabei gab es auch viele Missverständnisse», sagt sie. Etwa wenn behauptet wurde, dass sie Intelligenztests an der Aufnahmeprüfung fordere. «Ich bin dezidiert dagegen, dass alle Gymischüler einen IQ-Test machen sollen, weil man auf diese Tests üben kann.» Gezielte Tests bei Schülern, die offensichtlich von ihren Eltern ins Gymi gedrückt würden, oder bei aufgeweckten Kindern aus benachteiligten Familien, die sonst durch die Maschen der Talentförderung fielen, fände sie aber sinnvoll. Viele Schulleiter, die oft mit Kindern zu tun haben, die das Zeug für das Gymi nicht haben, hätten ihr voll zugestimmt. «Sie haben genug von den Eltern, die dann die Schule dafür verantwortlich machen, dass ihre Kinder es nicht schaffen.»

«Ich wollte nie Everybody’s Darling sein», wurde einmal ein Artikel über Elsbeth Stern betitelt, und heute findet sie diesen Titel ganz treffend, auch wenn sie ihn nicht selber gesetzt hat. Auf die Frage nach Hobbys zuckt sie mit den Schultern («Reiten war ein Traum, aber mir fehlte die Zeit») und zieht ein Interview vom Magnetboard, das sie der Fachzeitschrift «Forschung und Lehre» gegeben hat. «Hier erfahren Sie mehr über mich», sagt sie und macht sich für die Fotosession bereit. Über Hobbys steht da zwar auch nichts, aber immerhin ein paar Stichworte, die ihren Steckbrief erweitern: zum Beispiel, dass sie während ihrer Studienzeit mit sich selber gerungen habe, um ihre «eher linken politischen Ansichten mit einer starken persönlichen Leistungsmotivation in Einklang» zu bringen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 14.10.2016, 18:13 Uhr

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