Studie untersucht Neigung muslimischer Migranten zu Fundamentalismus

Ein grosser Anteil muslimischer Migranten stimmt gemäss einer Studie fundamentalistischen Aussagen zu. Kritiker bemängeln die Machart der Untersuchung.

Gläubige in einer Berliner Moschee: Laut der WZB-Studie gibt es einen Zusammenhang zwischen Fundamentalismus und dem Grad der Religiosität. (Archivbild)

Gläubige in einer Berliner Moschee: Laut der WZB-Studie gibt es einen Zusammenhang zwischen Fundamentalismus und dem Grad der Religiosität. (Archivbild) Bild: Franka Bruns/Keystone

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Das Ergebnis einer Studie zur Einstellung muslimischer Migranten in Europa sorgt für Aufsehen: Forscher des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung (WZB) wollen herausgefunden haben, dass diese weit häufiger zu fundamentalistischen Ansichten tendieren als ansässige Christen.

Im Rahmen der «Six Country Immigrant Integration Comparative Survey» befragten die Wissenschaftler knapp 6000 Muslime mit marokkanischem oder türkischem Migrationshintergrund, die in Frankreich, Deutschland, Belgien, den Niederlanden, Schweden oder Österreich leben. Das Resultat: 44 Prozent der Befragten zeigten eine fundamentalistische Haltung. Bei einer Vergleichsgruppe von 2500 in den Ländern beheimateten Christen waren es dagegen nur vier Prozent.

Damit sei widerlegt, dass nur wenige Muslime im Westen fundamentalistisch seien, sagt Studienleiter Ruud Koopmans gemäss der «NZZ am Sonntag».

Kritik: Muslime gegen Christen ausgespielt

Laut der Studie stimmten 60 Prozent der Befragten der Aussage zu, dass Muslime zu den Wurzeln des Islam zurückkehren sollten. 75 Prozent bejahten den Standpunkt, dass es nur eine Interpretation des Korans gebe und dass alle Muslime sich an diese zu halten hätten. Drittens hielten 65 Prozent der Studienteilnehmer die Regeln des Korans für wichtiger als staatliche Gesetze. Wer allen drei Aussagen zustimmte, legte gemäss der Untersuchungsdefinition eine fundamentalistische Haltung an den Tag. Das traf auf 44 Prozent der Befragten zu.

Von den befragten Christen stimmten diesen Aussagen, die auf das Christentum und die Bibel bezogen waren, zwischen 13 und 21 Prozent zu. Alle drei Statements bejahten nur vier Prozent der christlichen Teilnehmer.

Kritik erntet die Studie von der Schweizer Islamwissenschaftlerin Rifa'at Lenzin. Sie wirft den Forschern Fahrlässigkeit vor. Die Präsidentin der interreligiösen Arbeitsgemeinschaft «Iras Cotis» stört sich daran, dass muslimische Migranten gegen ansässige Christen ausgespielt würden. Zudem hält sie die der Studie zugrundegelegte Definition von Fundamentalismus für unsachgemäss. «Hätte man präzis gefragt, ob Muslime die Scharia einführen wollten, wäre die Zustimmung wohl weit tiefer ausgefallen», vermutet Lenzin in der «NZZ am Sonntag».

Studienleiter Koopmans gibt zu, dass bei veränderten Aussagen auch andere Zahlen zustande gekommen wären. Es ändere sich aber nichts am Hauptbefund, dass fundamentalistische Haltungen unter muslimischen Migranten weit verbreitet seien. Zudem ist Koopmans nicht der Ansicht, dass Muslime in Europa wenig über ihre Religion wissen. Die Befragung habe gezeigt, dass es einen starken Zusammenhang zwischen Fundamentalismus und Grad der Religiosität gebe; so bei Muslimen, die regelmässig in die Moschee gehen, die Speiseregeln befolgen oder ein Kopftuch tragen würden. (mlr)

Erstellt: 31.01.2016, 10:47 Uhr

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