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«Achtung, Gefahr!» in alle Ewigkeit

Wie sagen wir unseren Nachfahren, wo sich ein gefährliches atomares Endlager befindet? Das Bundesamt für Energie präsentiert in einer Studie die möglichen Warnmethoden.

Gefährlicher Inhalt: Fässer mit radioaktivem Abfall im Zentralen Zwischenlager Würenlingen.

Gefährlicher Inhalt: Fässer mit radioaktivem Abfall im Zentralen Zwischenlager Würenlingen.
Bild: Keystone

Schweizer Endlager

Ab Juli wird die Nagra alle sechs potenziellen Standorte für ein radioaktives Endlager besichtigen, um abzuklären, wo die nötigen Hochbauten, Anschlüsse auf Schiene und Strasse und andere notwendigen Infrastrukturvorhaben erstellt werden, wie das Bundesamt für Energie (BFE) gestern mitteilte. Für die oberirdischen Anlagen wird eine Fläche von bis zu acht Hektaren benötigt.

Michael Aebersold, im BFE zuständig für den Bereich radioaktive Abfälle, fordert in den nächsten zehn Jahren eine Entscheidung, wie der Ort markiert werden soll. «Das Endlager muss nicht nur an der Oberfläche, sondern auch in der Tiefe markiert werden. Dies muss bei Beginn des Baus berücksichtigt werden», so Aebersold. Er denkt dabei an unsere Nachfahren, die für Geothermiekraftwerke oder Trinkwasser in die Tiefe bohren könnten. Das Ziel sei aber auch, sich weltweit zu einigen, wie ein Endlager markiert werden soll. Aebersold: «Als wir vor zehn Jahren vorschlugen, die Rückholbarkeit der radioaktiven Abfälle zu berücksichtigen, stiessen wir international auf Widerstand. Heute hat sich diese Ansicht durchgesetzt. Nun wollen wir bei der Markierung der Endlager ebenfalls einen möglichen Weg vorzeigen.» (TA)

Stichworte

Nach dem Test einer Atombombe im Jahr 1961 markierte das amerikanische Militär die Stelle in der Wüste von New Mexico mit einem kleinen Monument. Drei Tafeln warnten vor der Radioaktivität: «Dieser Ort wird für die nächsten 24'000 Jahre gefährlich bleiben.» Heute, 50 Jahre später, findet die Warnung kaum mehr Beachtung. Hobbyschützen benutzen das Monument als Zielscheibe, ein Souvenirjäger nahm eine der Tafeln mit.

Ähnlich wie die Militärs in der Wüste New Mexicos wird die Nagra als zuständige Organisation in der Schweiz das Endlager für Atommüll markieren müssen. Heute stellt das Bundesamt für Energie deshalb eine Studie vor, worin der Geologe und Sozialwissenschaftler Marcos Buser die bisher veröffentlichten Vorschläge bewertet. Damit geben die Behörden erstmals eine mögliche Marschrichtung in der Markierungsfrage vor.

Im Endlager werden zukünftig die abgebrannten Brennelemente aus den Schweizer Atomkraftwerken lagern. Tief unter der Erdoberfläche strahlt der Abfall noch viele Generationen lang. Die ersten tausend Jahre so stark, dass ihn niemand direkt anfassen sollte. Und kommen die Brennelemente mit Grundwasser in Kontakt, verseuchen sie dieses noch mehrere Zehntausend Jahre lang. Experten sind sich einig: Unsere Nachkommen sollen zumindest die nächsten 10'000 Jahre davor gewarnt werden, den Atommüll auszugraben. Doch wie schreibt man «Gefahr» im Jahr 12'000?

Atompriester und Strahlenkatze

10'000 Jahre sind eine lange Zeitspanne. Zum Vergleich: Geht man dieselbe Zeit in unserer Geschichte zurück, haben die Menschen noch nicht einmal geschrieben. Die ersten Jäger und Sammler wurden damals als Bauern sesshaft. Die Pyramiden in Ägypten sind lediglich 4500 Jahre alt. Und dass wir die Hieroglyphen entziffern können, ist reiner Zufall. Napoleons Soldaten stiessen im Jahr 1799 bei der Besetzung des Nilraums auf den sogenannten Rosettastein, worauf dreimal derselbe Text eingraviert ist: einmal in Hieroglyphen, einmal in demotischen Zeichen, einer weiteren ägyptischen Schriftsprache, und einmal in griechischen Zeichen.

Anfang der 1980er-Jahre befasste sich eine Gruppe von Kernphysikern, Anthropologen und Verhaltensforschern im Auftrag der US-Regierung erstmals mit der Frage, wie ein Endlager markiert werden könnte. Auch europäische Wissenschaftler griffen die Frage auf. Marcos Buser nimmt diese Vorschläge in seiner Studie auf. Darunter sind simple Lösungen wie Monumente aus Stein oder einem Wald aus Schildern in verschiedenen Sprachen. Aber auch einige überraschende Vorschläge: Der Linguist Thomas Sebeok, damals Professor an der Indiana University in Bloomington, USA, schlug eine «Atompriesterschaft» vor. Die privilegierten Priester sollten über dem Endlager in einem Kloster meditieren und die Botschaft von Generation zu Generation weitergeben. Sebeok argumentierte, dass Religionen wie das Christentum lange Zeit überdauern. Die Schriften, auf die das Alte Testament zurückgreift, wurden vor 3000 Jahren geschrieben.

Françoise Bastide, eine Kommunikationsforscherin in Paris, schlug vor, eine Strahlenkatze zu züchten, deren Fell sich verfärbt, wenn sie mit Radioaktivität in Kontakt kommt. Mythen um die Strahlenkatze sollen dafür sorgen, dass die Menschen in 10'000 Jahren richtig reagieren, wenn Radioaktivität aus dem Endlager austreten sollte.

Oder doch nicht markieren?

Über die Jahre hinweg kamen immer mehr Forscher zum Schluss, dass das Lager besser gar nicht gekennzeichnet werden sollte. Denn eine Tafel, die davor warne, hier zu graben, wecke erst recht die Neugierde, argumentieren sie. So haben den Pharaonen alle Warnungen und Flüche nichts genützt. Grabräuber plünderten die Pyramiden. Die Mumie von Tutanchamun hingegen, die erst viel später gefunden wurde, war im Tal der Könige in einer Felswand versteckt.

Von der Idee, das Lager zu tarnen, hält Buser nichts: «Unsere Nachkommen werden das Lager finden, sei es mit Satellitenbildern oder anhand der Strukturen in der Vegetation.» Er kann zwar das Argument einiger Wissenschaftler nachvollziehen, dass unsere Zivilisation verschwinden und eine neue Kultur entstehen könnte. Trotzdem geht er davon aus, dass sich das Wissen der Menschheit weiterentwickelt und neue Technologien genutzt werden. «Sicher wird es Krisen geben, sogar schwere Krisen. Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass alles Wissen auf einmal von der Erdkugel verschwindet», so Buser.

Billige Tonscherben

Das Endlager soll also markiert werden. Aber wie? In der Nähe von Carlsbad im US-amerikanischen Bundesstaat New Mexico entsteht ein Endlager für schwach- und mittelradioaktive Abfälle. 16 Granitblöcke mit einer Höhe von sieben Metern sollen das Endlager markieren. Um den Bereich wird zusätzlich ein zehn Meter hoher Erdwall errichtet. Ausserhalb dieses Quadrats mit einer Seitenlänge von sechs Kilometern stehen nochmals 32 Granitblöcke.

Buser ist skeptisch: «Granit ist als Baustoff zu wertvoll. Die Pyramiden in Ägypten waren mit weissem Kalkstein verziert, der über die Jahre gestohlen und für andere Bauten verwendet wurde.» Die Markierung sollte aus wertlosem Material bestehen, schlägt er vor. Es sollten auch keine grossen Monumente sein. Diese würden bei einer Machtübernahme oft zerstört. «In Cluny in Frankreich bauten die Benediktinermönche im Mittelalter ein Kloster, dessen Kirche über Jahrhunderte die grösste war in Europa. Napoleon liess die Kirche sprengen und nutzte die Steine für das Gebäude seiner Pferdezucht», so Buser.

Busers Idee ist viel einfacher. Er würde ein Endlager nicht mit auffälligen Monumenten markieren, sondern mit Tausenden kleinen Tonstücken: «Gebrannter Ton ist langlebig und wertlos. Touristen lassen selbst 13'000 Jahre alte Tonscherben liegen, wenn sie in der Wüste drauftreten.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 01.07.2010, 20:25 Uhr

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