«Am teuersten dürften Atomkraftwerke sein»

Für ETH-Professor und Unternehmer Anton Gunzinger ist die Schweiz energetisch «fantastisch» vorbereitet, um allein mit erneuerbarer Energie eine eigenständige Stromversorgung aufzubauen.

«Wir müssen Wind- und Solarkraft schneller ausbauen»: ETH-Professor Anton Gunzinger.

«Wir müssen Wind- und Solarkraft schneller ausbauen»: ETH-Professor Anton Gunzinger. Bild: Sophie Stieger

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Warum sollen wir eine eigenständige Stromversorgung aufbauen? Der europäische Verbund gleicht die Lasten im Stromnetz aus und ermöglicht den Stromhandel.
Selbstverständlich wollen wir uns am europäischen Energiehandel und an der Energiespeicherung beteiligen und damit auch Geld verdienen. Aber es ist einfach gut, zu wissen, dass wir uns im Notfall aus eigener Kraft und unabhängig vom Ausland mit elektrischer Energie versorgen können. Diese zwei Ziele schliessen sich ja nicht aus. Ein potenziell autarkes Stromnetz hilft, wenn es zum Engpass kommt. Wenn in Mailand die Lichter ausgehen, sollten wir in Zürich nicht notwendigerweise im Dunkeln sitzen müssen. Mit einem autarken Stromnetz können wir im Handel mitmachen, ohne politisch in die Enge getrieben zu werden.

Sie sagen, unser Land sei fantastisch vorbereitet. Wie meinen Sie das?
Für mich war es sehr erstaunlich, zu sehen, dass wir ausser den geplanten und im Bau befindlichen Pumpspeicheranlagen keine zusätzlichen Speicherseen benötigen, um auch im Winter eine vollständig autarke Stromversorgung zu garantieren. Und dies nur mit erneuerbarer Energie, ohne Kernenergie und ohne zusätzliches Gas- und Dampfkraftwerk.

Dafür wollen Sie 12 bis 18 Gigawatt Solarleistung und 4,5 Gigawatt Windkraft installieren. Heute sind es erst 0,2 Gigawatt Solarleistung und 0,05 Gigawatt Windkraft.
Der Bund rechnet auch mit rund 10 Gigawatt Solarleistung und gleicher Windleistung wie wir.

Aber er gibt sich mehr Zeit für die Umsetzung.
Basis unserer Simulationen waren Wetter-, Produktions- und Verbrauchsdaten von 2010. Wir haben verschiedenste Szenarien gerechnet, auch diejenigen der Energiestrategie des Bundes. Alle seine Modelle sind umsetzbar, aber sie benötigen Gaskraftwerke, die später nicht mehr gebraucht werden und zusätzlich CO2 produzieren. Es gibt mehrere Möglichkeiten, die Schweiz vollständig mit Elektrizität aus erneuerbaren Quellen zu versorgen. Dafür müssen wir Wind- und Solarkraft schneller ausbauen.

Wie schnell?
Mit den ersten 4 Gigawatt Fotovoltaik können wir Mühleberg und Beznau innerhalb von zehn Jahren ersetzen, mit den nächsten 4 Gösgen. Wir benötigen 12 Gigawatt, um alle Kernkraftwerke zu ersetzen. 4 Gigawatt in zehn Jahren – das schaffen wir. Und bei jedem Schritt können wir überprüfen, ob wir auf dem richtigen Weg sind. Wir können zügiger vorangehen, als der Bund vorschlägt. Die Nachfrage ist da, das beweisen die über 20'000 eingereichten Gesuche für Fotovoltaikanlagen.

Ist es unabdingbar, dass die Anlagen für Sonnen- und Windenergie in der Schweiz optimal verteilt sind, damit Ihr Vorhaben gelingt?
Ja, wir wollen von den unterschiedlichen klimatischen Verhältnissen in der Schweiz profitieren. Wir gehen davon aus, dass die eine Hälfte der Sonnenenergie im Mittelland produziert wird, die andere in den Bergen. Dort gibt es Standorte, die im Sommer sogar besser abschneiden als die Sahara, was für mich eine Überraschung war. Die Berner Fachhochschule hat dies kürzlich auch auf dem Jungfraujoch gemessen.

Das heisst Fotovoltaik auf Lawinenverbauungen. Da werden Bau und Unterhalt aber sehr teuer.
Das stimmt, aber ich bin überzeugt, dass Module entwickelt werden, die künftig einfach in die Verbauungen eingebaut werden können. Dafür ist die Sonnenernte über das Jahr gerechnet enorm.

Einen Schönheitsfehler hat Ihr Programm: Im Sommer haben Sie bei so viel Solarleistung an einem sonnigen Tag einen hohen Stromüberschuss.
Das ist richtig. Es ist wichtig, dass diese Energie nicht ins Netz eingespeist wird, da wir damit das Netz überlasten würden. Deshalb benötigen wir ein intelligentes Strommanagement, ein Smart Grid, das durch Lastverschiebung von Verbrauchern wie Wärmepumpen oder Kühl- und Klimaanlagen oder durch das Kappen der Leistungsspitzen der Solarenergie das Netz stabilisiert.

Bayern fördert derzeit Batterien für Fotovoltaikbesitzer, um Überschüsse künftig besser glätten zu können.
Das wäre die eleganteste Lösung überhaupt und für das Stromnetz eine absolute Traumsituation. In den unteren Netzebenen, in welche der grösste Teil des Fotovoltaikstroms eingespeist wird, variieren die Stromflüsse zeitweise um den Faktor 10. Diese Dynamik kann nur mit einem intelligenten Strommanagement ausgeglichen werden. Ideal sind Fotovoltaikanlagen mit eigenen Batterien, die Strom für den Eigenverbrauch speichern oder ans Netz abgeben. Die Überschussproblematik wäre dadurch stark reduziert. In Zukunft würde ich auch für Batterien eine Anschubfinanzierung vorschlagen.

Das gäbe eine Machtverschiebung in der Schweizer Stromlandschaft.
Damit haben Sie recht. Jeder Umbau der Energieproduktion führt zu Machtverschiebungen. Unsere Simulationen berücksichtigen die bestehenden Gesetze und Verordnungen nicht, diese müssten teilweise angepasst werden im Dienste des gemeinsamen Zieles.

Könnte diese dezentrale Produktion des Stroms auch den Ausbau der unteren Netzebenen reduzieren?
In den unteren Netzebenen fallen etwa 75 Prozent der Netzgesamtkosten an. Das Problem ist, dass wir im Gegensatz zur Hochspannungsebene in den unteren Netzniveaus noch zu wenig genau wissen, wie belastet sie sind. Mithilfe lokaler Energiespeicher und von intelligentem Netzmanagement kann dies korrigiert und damit auf den Netzausbau grösstenteils verzichtet werden. Eine Echtzeitüberwachung ermöglicht die optimale Nutzung der Netzkapazität. Dadurch kann auf den Netzausbau, der je nach Quelle Kosten von 3,5 bis 20 Milliarden Franken verursachen wird, verzichtet werden.

Economiesuisse sieht ein grosses volkswirtschaftliches Risiko darin, aus der Kernenergie auszusteigen.
Die volkswirtschaftlichen Kosten haben mich bei unseren Berechnungen sehr erstaunt. Welches Modell man auch nimmt, sei es die Investition in neue Kernkraftwerke oder die neue Energiepolitik des Bundes oder eben die Versorgung mit nur erneuerbarer Energie: Der Preis für die Kilowattstunde ist bei allen etwa derselbe. Am teuersten dürften meiner Ansicht nach Atomkraftwerke sein. Ein neues Werk in der Grössenordnung von Gösgen dürfte erfahrungsgemäss 12 bis 15 Milliarden Franken kosten. Dazu kommen noch die Kosten der Risikoversicherung und der Entsorgung.

Ist nicht zu befürchten, dass mit Ihren Vorstellungen eine aufgeblasene Stromversorgung entsteht, die es im europäischen Kontext gar nicht braucht?
Die Schweiz ist dank der vorhandenen Speicherseen und Pumpspeicherwerke optimal vorbereitet für die Versorgung mit Elektrizität aus 100 Prozent erneuerbarer Energie. In einigen Jahren müssen wir unsere Kernkraftwerke aus Altersgründen abschalten. Wenn wir erneuern müssen, weshalb nicht einen Weg wählen, der uns zu vergleichbaren Kosten eigenständiger macht? Das führt nicht zu einer aufgeblasenen Stromversorgung, sondern ist einfach schlau. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 23.02.2013, 17:56 Uhr)

Anton Gunzinger
Weltruhm dank Supercomputern

Der 56-jährige Elektroingenieur lehrt am Departement für Informationstechnologie und Elektrotechnik. Gunzinger wurde in den 90er-Jahren berühmt mit der Entwicklung von Supercomputern an der ETH Zürich. In dieser Zeit gründete er die Firma Supercomputing Systems. 1994 hat ihn das «Time Magazine» als einen der 100 kommenden Leader ausgewählt. Die Ergebnisse seiner Energie­modelle sind unter www.scs.ch abrufbar. (ml)

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