Billiger Kohlestrom gefährdet EU-Klimaziele

In Europa wurden in den letzten Jahren mehr Kohlekraftwerke geschlossen als neu gebaut. Trotzdem steigen die Emissionen an Treibhausgasen deutlich, wie eine neue Studie zeigt.

Die dreckigsten Kraftwerke Europas in einem Ranking von 1 bis 30. Klicken Sie auf die Symbole, um mehr zu erfahren.


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Es sei keine kleine Sache, sondern ein grosses Ding. So beurteilte die EU-Klimakommissarin Connie Hedegaard zu Jahresbeginn die neuen Pläne der EU-Kommission. So soll der Ausstoss von Treibhausgasen bis 2030 um 40 Prozent gegenüber 1990 gesenkt werden. Europäische Umweltorganisationen sehen nun dieses längerfristige Klimaziel in Gefahr. Der Grund: Der Ausstoss an Treibhausgasen von Kohlekraftwerken ist in den letzten Jahren angestiegen. Das zeigt eine Studie verschiedener Umweltorganisationen, darunter der WWF, das europäische Klimanetzwerk CAN und die deutsche Klimaallianz.

Das Ergebnis der Studie erstaunt, wurden doch in den letzten 13 Jahren in Europa mehr Kohlekraftwerke geschlossen als neue gebaut. Viele Bauprojekte wurden zudem aufgegeben oder verschoben. Bereits kursierte die Idee, die EU stehe vor einer «Kohle-Renaissance». Dem ist jedoch gemäss der Studie nicht so: Die Emissionen stiegen deshalb an, weil zahlreiche Kohlekraftwerke Strom vielfach bis zur Kapazitätsgrenze produzieren. Das führt dazu, dass die bisher erfolgreichen Klimaanstrengungen gebremst werden. Noch sinken die Emissionen in der europäischen Strombranche – vor allem dank dem Ausbau der Sonnen- und Windenergie. Doch die Autoren der Studie befürchten, dass der Anteil des Kohlestroms am europäischen Strommix zu wenig schnell sinkt. Dieser müsste laut der Internationalen Energieagentur (IEA) bis 2035 unter vier Prozent liegen, soll eine gefährlich Erd­erwärmung verhindert werden. Es sei zu erwarten, so heisst es im Bericht, dass ein Grossteil der bestehenden Kohlekraftwerke vorläufig nicht vom Stromnetz genommen würden.

Dafür gibt es derzeit auch wenig Anreize: Kohlestrom ist vergleichsweise billig. «Kohlekraftwerke rentieren beim aktuellen tiefen Marktpreis, weil sie praktisch rund um die Uhr laufen und ihre Investitionen oft weitgehend abgeschrieben haben», erklärt der ETH-Energie­experte Konstantinos Boulouchos im ­Zukunftsblog der ETH Zürich.

Dies im Gegensatz zu Pumpspeicher- und Gaskraftwerken, die nicht auf genügend Betriebsstunden kommen. Die Schuld dafür schieben die Stromproduzenten gerne der Einspeisevergütung für die Fotovoltaik zu, welche die viel höheren Gestehungskosten im Vergleich zur Kohle subventioniert und so den Markt «kaputt» mache.

Unvollständige Kostenrechnung

Fotovoltaikanlagen zum Beispiel in Süddeutschland produzieren an einem sonnenreichen Mittag so viel Strom, dass die Pumpspeicherkraftwerke in der Schweiz längst nicht mehr den gleichen Absatz haben wie früher und unrentabel werden. Für ETH-Forscher Boulouchos ist die Einspeisevergütung jedoch nicht der Kern des Problems. Eine Marktverzerrung entstehe durch die unvollständige Kostenrechnung der Kohlekraftwerke, sagt er. Würde nämlich für den Ausstoss der klimaschädlichen Treibhausgase CO2 ein angemessener Preis einkalkuliert – etwa 50 bis 100 Euro pro Tonne – so würde der Strom von Braunkohlekraftwerken teilweise sogar teurer als von Gaskombikraftwerken. Auch Pumpspeicherkraftwerke würden in diesem Fall wieder wettbewerbsfähig.

Allerdings liegt heute der Preis für CO2-Zertifikate auf dem Emissionsmarkt bei etwa rund 5 Euro. Das heisst: Selbst mit Klimaauflagen lohnt es sich für Kraftwerkbesitzer, in Kohlestrom zu investieren. Das ist ein Grund dafür, dass laut der Studie der Umweltorganisationen zum Beispiel 9 der 30 «schmutzigsten» Kohlekraftwerke Europas in Deutschland in Betrieb sind – 4 davon unter den Top Five auf der Liste. Alle vier Anlagen verbrennen Braunkohle, die von allen fossilen Energieformen am meisten Treibhausgase produziert.

Die Bundesrepublik gehört weltweit zu den Klima-Vorzeigeländern: Der Anteil der Stromproduktion durch Erneuerbare ist von 7 Prozent 1990 auf über 25 Prozent im Jahr 2013 gestiegen – Trend weiter steigend. Dennoch befürchten die Autoren der Energiestudie, dass das Land durch die angestiegene Kohleverbrennung riskiert, sein Klimaziel nicht zu erreichen. Deutschland will 40 Prozent der Treibhausgase bis 2020 reduzieren.

Schwachpunkt CO2-Handel

Was Deutschland passieren könnte, lässt sich auf die gesamte EU übertragen. Bis anhin scheinen die EU-Staaten auf Kurs zu sein: So meldete die Europäische Umweltagentur kürzlich, dass die Emissionen im Jahr 2012 um weitere 1,3 Prozent auf 19,2 Prozent unter dem Niveau von 1990 gesunken sind. Damit erfüllt die EU heute schon knapp das Reduktionsziel, das sie bis 2020 anpeilt. Für manche Umweltorganisationen war denn auch der Plan der EU-Kommission, die Treibhausgase bis 2030 um 40 Prozent zu reduzieren, ein wenig ehrgeiziges Ziel. Laut einer Studie des Potsdam-Instituts ist der Entscheid der EU-Kommission ökonomisch betrachtet jedoch richtig. Die Forscher untersuchten, welches die kostengünstigsten Wege sind, um in Europa die Treibhausgase bis 2050 um 80 Prozent zu senken.

Das verlangt jedoch einen Umbau des Energiesystems. Dazu braucht es aber einen starken Emissionshandel, damit Investoren einen Anreiz dazu haben, auf alternative Technologien wie Wind und Sonne zu setzen. Experten gehen davon aus, dass längerfristig mit dem neuen EU-Klimaziel der Preis für eine Tonne CO2 steigen wird, weil Betreiber von CO2-intensiven Technologien wie Kohlekraftwerken die Klimaauflagen nur mit Emissionszertifikaten erfüllen können und entsprechend die Nachfrage wachsen wird. Erneuerbare Energien und Gaskraftwerke hätten dann gegenüber Kohle einen Preisvorteil.

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 22.07.2014, 06:34 Uhr)

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Das zweitdreckigste Kohlekraftwerk Europas steht in Neurath (D). Foto: Reuters

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