Das Auto wird Teil der Stromversorgung
Von Walter Jäggi. Aktualisiert am 26.09.2009 1 Kommentar
Im Hybridauto spielt die Batterie eine Nebenrolle, doch ihre Bedeutung wächst. Spätestens 2020 sollen rein elektrische Fahrzeuge alltagstauglich und bezahlbar werden. Damit wären auch Millionen von neuen Stromspeichern in Betrieb, verteilt in Stadt und Land. Dieser Batterienschwarm liesse sich zu einem riesigen Speicher zusammenschalten – und genau darauf warten die Elektrizitätsversorger. Dazu soll das Stromverteilungsnetz umstrukturiert und zum Smart Grid werden, dem intelligenten Netz.
Eckardt Günther, Leiter Smart Grid bei Siemens, zieht den Autofahrern den Speck durch den Mund: «Sie laden ihren Autoakku bei Stromüberschuss im Netz zu Niedrigpreisen auf und verkaufen den gespeicherten Strom später bei grosser Nachfrage zu einem höheren Preis.» So operieren heute die Elektrizitätswerke, wenn sie mit billigem Nachtstrom das Wasser zurück in die Speicherseen pumpen, um es später erneut durch die Turbinen zu schicken, wenn der Strom teuer verkauft werden kann. Genau gleich könnten es die Besitzer von Elektroautos tun – und sie würden dabei ein Geschäft machen.
Stromspeicher sind Gold wert
Der Stromverbrauch schwankt im Stunden-, Tages- und Jahrestakt. Die Produktion von Wind- und Sonnenstrom schwankt mit den Tageszeiten und dem Wetter. Parallel zu Angebot und Nachfrage schwankt der Preis, den die Versorgungsunternehmen den Werken zahlen müssen. Dänemark, das sehr viel Windkraft nutzt, muss zeitweise sogar dafür zahlen, dass jemand den Produktionsüberschuss abnimmt und so das Netz stabilisiert.
Gesucht sind Pufferspeicher, mit denen sich Produktion und Verbrauch in der Balance halten lassen. Die Strombranche wirft ein Auge auf die Batterien von Elektroautos. Allerdings müssen noch einige technische Voraussetzungen erfüllt sein. Das Stromleitungsnetz ist eine Einbahnstrasse vom Kraftwerk zum Verbraucher, die Einspeisung von Strom in der Gegenrichtung war ursprünglich nicht vorgesehen. Das Einleiten von Wechselstrom in ein Netz ist physikalisch nicht ganz einfach, die Frequenz muss nämlich exakt stimmen.
Stromkonsument kann Produzent werden
Seit immer mehr Strom dezentral erzeugt wird (durch Windräder, Solarzellen, Wärme-Kraft-Kopplung, Miniatur-Wasserkraftwerke usw.), hat sich die Situation radikal verändert. Leitungen, Schaltanlagen, Transformer und Zähler müssen Zweiwegverkehr zulassen. Jeder Stromkonsument kann Produzent werden – vom «Consumer» zum «Prosumer», wie die Insider sagen. Sollte 2020 in Deutschland die Hälfte der Zweitwagen elektrisch fahren, wären das 4,5 Millionen solche Partner.
Die Grossen der Elektrobranche wie Siemens oder der französische Versorger EDF rechnen fest damit, dass sich das Elektroauto durchsetzen wird. Angelaufen ist bereits die Normung, etwa der Batterieformate (für einen schnellen Austausch) oder der Kabel und Stecker (für schnelles Laden).
Zentral beim Smart Grid ist die Überwachung und Steuerung des Netzes vom Kraftwerk bis zur Steckdose. Das braucht viel Elektronik und Informatik, etwas, was in der Stromversorgung, grösstenteils 20 und mehr Jahre alt, kaum vorhanden ist. Die Erneuerung des Systems soll als Übergang zum Smart Grid genutzt werden. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 26.09.2009, 16:20 Uhr










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