Das Schweizer Saatgut ist jetzt im ewigen Eis angekommen

Zur besseren Sicherheit lagert die nationale Schweizer Genbank ihre Pflanzensamen nicht nur in Changins in der Waadt, sondern neu auch auf Spitzbergen.

Blick in den Saatgutbunker auf Spitzbergen.

Blick in den Saatgutbunker auf Spitzbergen.
Bild: ILLUSTRATION PD

Vor einem Jahr wurde die grösste Saatgutbank der Welt eröffnet. Sie liegt auf einer der Inseln, die zum norwegischen Spitzbergen gehören, fast 1000 Kilometer nördlich vom Festland mitten im Eismeer. Langsam füllt sich der in den Permafrost gebaute Bunker mit Pflanzensamen aus allen Kontinenten. Anfang Februar trafen die ersten Kisten mit kostbarer Fracht aus der Schweiz ein.

«Wir haben neben Dinkel auch Gerste und Triticale luftdicht in Aluminiumsäcke verschweisst dort eingelagert», sagt Geert Kleijer, Verantwortlicher für die nationale Genbank von Agroscope Changins-Wädenswil. Mit diesem ersten Transport gelangte ein Viertel bis ein Fünftel der Samen von 3800 Pflanzensorten aus der nationalen Genbank von Changins VD nach Spitzbergen. Innerhalb der nächsten Monate sollen von all den insgesamt 11 000 verschiedenen Pflanzensorten, deren Samen in Changins aufbewahrt werden, jeweils ein Teil in Norwegen deponiert werden.

Tiefgekühlte Pflanzensamen

Die Schweiz schicke ihre Samen aus «Sicherheitsgründen» nach Spitzbergen, so Kleijer. «Zum Beispiel falls einmal ein Brand ausbricht und unsere Genbank vernichtet.» Der «Safe» im ewigen Eis gilt als unverwüstlich. Die Pflanzensamen sind dort auf minus 18 Grad gekühlt. Doch auch wenn der Strom ausfallen sollte, so sorgen der Fels und das ewige Eis für Minustemperaturen von 4 bis 6 Grad. Sogar vor unvorhergesehenen Naturereignissen, nuklearen Katastrophen oder gar Kriegen sollen die Samen geschützt sein. Diese «Arche Noah» wurde für die Ewigkeit angelegt.

Heute feiert die von Norwegen finanzierte globale Samenbank Spitzbergen ihr einjähriges Bestehen. In dieser kurzen Zeit seien bereits 400 000 einzigartige Samenproben von unterschiedlichen Pflanzen in den Bunker gelangt, ziehen die Verantwortlichen in einer Pressemitteilung die erste positive Bilanz. Der Bunker sei im letzten Jahr eröffnet worden, um sicherzustellen, dass eines Tages sämtliche Nutzpflanzen, die für die menschliche Nahrungsmittelversorgung angebaut wurden und werden, sicher geschützt sind, so Cary Fowler, der Direktor der Betreibergesellschaft Welttreuhandfonds für Kulturpflanzenvielfalt.

Die Hälfte der internationalen agrarwissenschaftlichen Forschungszentren hätten bereits Duplikate ihrer Sammlungen geschickt. Diese internationalen Genbanken seien die «Aufseher über die Kronjuwelen der Nahrungspflanzenvielfalt». Und diese Vielfalt sei bedeutend, um neue Pflanzenvarietäten zu züchten.

Schädlicher Pilzbefall

Wie wichtig es ist, Samen von längst vergessenen Sorten verfügbar zu haben, zeigt ein Beispiel aus Changins. 1999 trat in Uganda ein aggressiver Pflanzenschädling, der Schwarzrost UG99, auf. Er befällt Weizen und Gerste und hat sich inzwischen bis zum Iran ausgebreitet. Die Experten gehen davon aus, dass die meisten der heute angebauten Sorten weltweit ebenfalls anfällig für den verheerenden Pilz sind.

Amerikanische Forscher von der Universität von Minnesota fanden jedoch eine Gerstensorte, die gegen den Schädling resistent ist. Diese Gerste war 1918 in die USA eingeführt worden. Ursprünglich stammte sie aus dem Kanton Luzern. Geert Kleijer schickte den US-Forschern 74 Schweizer Landsorten von Gerste, die aus Graubünden stammen. Dort war das Getreide stets dem Schwarzrost ausgesetzt. Tatsächlich waren 42 von diesen Sorten immun gegen den Pilz UG99.

Die Samen der widerstandsfähigen Getreidesorten waren in der Schweiz in den 30er- und 40er-Jahren in die Genbank aufgenommen worden. Jetzt können die robusten alten Sorten mit den anfälligen neuen gekreuzt werden. «Die Genbanken hüten also Schätze, die lange unentdeckt bleiben, aber bei der Lösung heutiger oder kommender Probleme eine grosse Rolle spielen», so Kleijer.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 26.02.2009, 09:14 Uhr

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