Die Spitzen-Wissenschaftlerin, die gerne provoziert

Jennifer Rupp ist erst 32 Jahre alt und gehört bereits weltweit zu den besten auf ihrem Forschungsgebiet.

Jennifer Rupp hat dieses Jahr bereits zwei wichtige Preise erhalten. Foto: Reto Oeschger

Jennifer Rupp hat dieses Jahr bereits zwei wichtige Preise erhalten. Foto: Reto Oeschger

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Eigentlich wollte Jennifer Rupp Musikerin werden, genau genommen Jazz- oder Klassik-Pianistin. Heute ist sie Professorin für elektrochemische Materialien an der ETH Zürich und eine international bedeutende Wissenschaftlerin. In ihrem Büro hängen für Laien rätselhafte Gleichungen. Sie spricht schnell und voller Begeisterung. Doch beim Fachgebiet von Jennifer Rupp verstehen die meisten bloss Bahnhof. Oder wissen Sie, worum es bei auf Ionen basierenden Speicherkapazitäten geht?

Das Büro der jungen Professorin befindet sich im 7. Stock des höchsten Hauses auf dem ETH-Campus. Ob sie auch in fünf Jahren noch in diesem Büro sitzen wird, ist angesichts ihrer rasanten Karriere fraglich. Allein 2014 erhielt sie zwei Auszeichnungen: Den Starting Grant des Schweizerischen Nationalfonds und mit ihrem Team den Spark Award 2014 der ETH Zürich. Den Preis der ETH erhielt sie für neue Daten- und Rechenspeicher-Logiken. Daraus können schnellere und effizientere Computer entwickelt werden.

Minirock statt Hosenanzug

Inzwischen hat Bundesrätin Doris Leuthard die Forscherin zur Beraterin in Sachen CO2-Abgaben ernannt. Trotz ihrer wissenschaftlichen Erfolge und ihres jugendlichen Alters steht die gebürtige Deutsche mit beiden Füssen auf dem Boden, wirkt unkompliziert und herzlich. Ihr Äusseres ist unkonventionell. Anstatt des obligaten Hosenanzugs trägt sie einen Minirock und hochhackige Stöckelschuhe. Selbstbewusst sagt sie: «Es braucht Mut, in einer solchen Funktion sich selber zu bleiben.»

Dieses Selbstbewusstsein hat Jennifer Rupp auch ihrer Herkunft zu verdanken. «Ich stamme aus einem franko-italienisch-deutschen und sehr freidenkenden Elternhaus.» Ihr Vater war Physiker, die Mutter eine Sprachlehrerin und die Tante eine aktive Feministin. «Dieses Umfeld hat mich stark und unabhängig gemacht.» Genderunterschiede hat sie nie gekannt. Bereits mit fünf wurde ihr das Schachspielen beigebracht, mit sechs lernte sie einen Astronauten kennen, und mit 15 begann sie, in einer Umweltgruppe zu experimentieren.

Als Teenager merkte Rupp, dass zwei Seelen in ihrer Brust lebten: Sie war eine ebenso leidenschaftliche Naturwissenschaftlerin wie Pianistin. Die Entscheidung fiel an einem Klassikwettbewerb. Sie stellte fest, dass sie als Pianistin zwar technisch gut, aber nicht top ist. Die Erkenntnis führte dazu, dass sie sich an der Universität in Wien einschrieb, um Mineralogie und Kristallographie zu studieren. Später machte sie ihren Doktor an der ETH Zürich in Materialwissenschaften und begann, sich auf dem Gebiet der Ionentransport-Strukturen zu spezialisieren.

Jennifer Rupp ist jedoch nicht der Typ, der sich allein der Wissenschaft widmet. Sie ist verlobt und hat eine 6-jährige Tochter. Als diese zweijährig wurde, reiste die junge Familie nach Tsubuka in Japan, etwa 60 Fahrminuten von Tokio entfernt. Dort war Rupp am National Institute of Materials Science als Forscherin engagiert.

Aus Fukushima geflüchtet

Die junge Frau schien ihren Traumjob gefunden zu haben. Die Katastrophe von Fukushima machte all ihre Pläne zunichte. Die Familie liess alles, wo es war, und reiste Hals über Kopf ab. Fukushima hat auch im Bewusstsein von Rupp Spuren hinterlassen. «Es machte mir klar, wie wichtig Familie und gute Freunde sind – und ein freier Geist.»

Die junge Wissenschaftlerin hatte da bereits einen internationalen Ruf. Daher fand sie sogleich Unterschlupf am Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Cambridge bei Boston. «Es gibt wenige Ort auf der Welt, wo sich so viele Intellektuelle aus so vielen verschieden Ländern aufhalten wie am MIT.» Weshalb ist sie dann nach Zürich zurückgekehrt? Wegen ihres Jobs an der ETH und der Möglichkeit, eine neue Professur nach eigenen Ideen aufzubauen. Zudem passen ihr an der Schweiz die Vielsprachigkeit und die kulturellen Einflüsse. «Ich kenne kein anderes Land, in dem es eine grössere Anzahl an Erfindungen pro Kopf gibt als hier.»

Mentoring statt Frauenquoten

Als Naturwissenschaftlerin – und speziell als Elektrochemikerin – bewegt sich Jennifer Rupp in einem von Männern dominierten Umfeld. Das lässt sie kalt, und von Frauenquoten hält sie gar nichts. «Nur die Besten sollen gefördert werden.» Ein Drittel ihrer Studenten ist weiblich. Sie befürwortet ein aktives Mentoring dieser Frauen. Das sei ein anderer Weg, um Quoten aufzubrechen, ohne Quoten zu setzen. «Ich selber bin auch auf diese Weise gefördert worden.»

Quoten aufzubrechen allein genügt nicht. Wer wie Jennifer Rupp in der Champions League der Naturwissenschaften spielt, braucht mehr: Einen Partner, der sie unterstützt. «Ohne ihn wäre meine Karriere mit Kind nicht so ohne weiteres möglich gewesen.» Ihr Partner ist Ingenieur in einer Schweizer Hightech-Firma. Rupp spricht sich auch für flexiblere Öffnungszeiten von Krippen und Hort aus: «Wer sein Kind punkt 18 Uhr abholen muss, hat ein Problem», sagt sie und merkt an, dass dieses Problem in Japan oder den USA besser geregelt sei.

An der ETH hat die junge Professorin ideale Rahmenbedingungen für ihre Forschung. Sie sieht Parallelen zwischen Wissenschaft und Kunst: «In beiden braucht es Kreativität und den Mut zur Provokation», sagt sie. Eine neue Erfindung entstehe nicht durch Anpassung. Deshalb nimmt sich Jennifer Rupp auch die Freiheit, sich gelegentlich für eine Arbeit eine Auszeit zu gönnen. Dann schaltet sie alle elektronische Geräte aus, setzt sich in eines der vielen Zürcher Kaffeehäuser und beginnt zu «zeichnen».

ETH Hönggerberg, Science City, HCI, Raum J3, Vortrag von Jenniger Rupp zur Revolution in der Speichertechnologie. 30.11., 11 und 13 Uhr. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 28.11.2014, 07:16 Uhr

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