Die Wahrheit über die Kondensstreifen

Versprühen Flugzeuge gezielt Chemikalien, um das Klima zu beeinflussen? Ein Schweizer Filmemacher ging der Theorie nach.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Die Meinung im Publikum schien an der Vorpremiere in Bern bereits gemacht: Der Film «Overcast» handelt von den sogenannten Chemtrails, den Spuren von Chemikalien, die Flugzeuge bewusst in die Atmosphäre sprühen sollen – für militärische Experimente oder gegen den Klimawandel. Seit Mitte der Neunzigerjahre ranken sich abenteuerliche Theorien um die Streifen am Himmel, die nicht nur auf kondensierte Flugzeugabgase zurückzuführen seien. Aluminium oder Barium würde gezielt ausgebracht. Damit hielten sich diese sichtbaren Chemikalienspuren gegenüber normalen Kondensstreifen viel länger in der Atmosphäre, und sie würden sich flächig ausbreiten.

Matthias Hancke wollte selber wissen, was hinter diesen weltweit kolportierten Theorien steckt. «Als ich vor bald zehn Jahren zum ersten Mal beobachtete, wie die Sonne durch Kondensstreifen künstlich bedeckt wurde, störte mich das gewaltig», erinnert sich der 36-Jährige. Der Historiker, Medienwissenschaftler und Ethnologe begann zu recherchieren. Er stiess dabei auf die herkömmlichen atmosphärenphysikalischen Erklärungen, aber auch auf viele Verschwörungstheorien. «Ich wollte selbst Antworten auf die Frage finden, ob mit Kondensstreifen bewusst das Klima verändert wird oder nicht.»

Forschender Regisseur

Das Resultat seiner Spurensuche ist ein 80-minütiger Dokumentarfilm. Hancke realisierte den Film abgesehen von einem Filmförderungsbeitrag des Kantons Wallis praktisch durch private Mittel. Im Zentrum der unterhaltsamen und informativen Dokumentation stehen die ei­genen Messflüge des Filmemachers, auf denen er in grosser Höhe Partikel der Kondensstreifen einfing und die Proben anschliessend analysieren liess.

Zu Wort kommen führende Wissenschaftler auf dem Gebiet der Kondensstreifenforschung. Aber auch Ken Cal­deira, einer der weltweit wichtigsten ­Exponenten der Geoengineering-Forschung. Er sieht einen Weg, die Erde abzukühlen, indem man die Atmosphäre mit Chemie impft. So bringen Chemtrail-Gläubige die milchigen Streifen am Himmel eben auch immer wieder mit Geoengineering in Verbindung. Matthias Hancke lässt auch Mick West, einen der einflussreichsten Verfechter von Verschwörungstheorien, reden. Doch der Filmemacher wollte einen ausgewogenen Film drehen. In «Overcast» treten Atmosphärenphysiker, Meteorologen und Klimatologen auf.

Video: Vimeo

Nach sechs Jahren Arbeit zieht der in Bern lebende Walliser Regisseur seine eigenen Schlüsse: Behörden in den USA, Europa und auch das Schweizer Bundesamt für Umwelt würden seit Jahren mit Anfragen zum Chemtrail-Phänomen überhäuft, sagt er. Doch trotz ausgiebiger chemischer Messungen in Kondensstreifen seien die «verdächtigen Stoffe» Aluminium und Barium bislang nicht untersucht worden. Die Resultate seiner Messungen hätten «einen ernstzunehmenden und wissenschaftlichen Hinweis» für Chemtrails ergeben, weil Barium auf 8500 Meter Höhe festgestellt wurde. «Meiner Meinung nach ist es Pflicht der Behörden, endlich eine unabhängige und seriöse Messung in Auftrag zu geben», so Hancke.

Die Wissenschaft hat allerdings seit langem Erklärungen: Bei gewissen atmosphärischen Bedingungen lassen sich nicht erst seit den Neunzigerjahren, sondern schon seit vielen Jahrzehnten langlebige Kondensstreifen am Himmel beobachten. So stand bereits am 7. März 1944 in der US-amerikanischen Tageszeitung «The News»: «Kondensstreifen können oft eine vollständige Bewölkung bewirken.» Und in einer Studie von 1970 schrieb Peter M. Kuhn, es sei ein bekanntes Phänomen, dass sich Kondensstreifen zu einer ausgedehnten Zirrus­decke ausbreiten könnten. Tatsache ist auch, dass sich Kondensstreifen nur bei gewissen atmosphärischen Bedingungen lange am Himmel halten. «Jedes Flugzeug stösst hauptsächlich Wasserdampf und Kohlendioxid aus, nebst geringen Mengen anderer Abgase», erklärt Ulrike Lohmann, Professorin für Atmosphärenphysik an der ETH Zürich. Kondensstreifen seien nur dann sichtbar, wenn die relative Luftfeuchtigkeit hoch genug sei, sodass der abgegebene Wasserdampf kondensiere und sich ein sichtbarer Streifen bilde. Je höher die Luftfeuchtigkeit, desto langlebiger die Kondensstreifen, sagt Lohmann. «Im Laufe der Zeit führt Wind dazu, dass sich Kondensstreifen ausbreiten. Irgendwann sind sie dann nicht mehr von der Hintergrundbewölkung, den Zirren unterscheidbar.»

Ungewolltes Klimaexperiment

Nicht falsch ist indessen, Kondensstreifen als «Chemtrails» zu bezeichnen, da sie nebst Wasserdampf und Kohlendioxid auch Chemikalien aus dem Verbrennungsprozess und vom Abrieb in den Flugzeugmotoren enthalten. Die Abgase des wachsenden Flugverkehrs führen also vielmehr zu einem unbeabsichtigten als zu einem mutwilligen «Klimaexperiment». «Zirren und langlebige Kondensstreifen vermindern die langwellige Abstrahlung von Wärme in den Weltraum, sie wirken also überwiegend wärmend», erklärt Ulrike Lohmann. Bestehende Geoengineering-Ideen zur Abkühlung der Erde beabsichtigten deshalb, Zirren zu reduzieren, und nicht wie mit Kondensstreifen mehr davon zu produzieren.

Unbestritten ist aber auch, dass sich mit dem Ausbringen gewisser Substanzen in die Atmosphäre das Wetter manipulieren lässt. Zum Beispiel mithilfe von Hagelraketen. Sie sollen in einer Gewitterwolke diejenige Zone mit Silberjodid versetzen, wo die Eisbildung stattfindet. «Mit Silberjodid sollen mehr Eiskeime zur Verfügung stehen», sagt Lohmann. So verteile sich die Eisbildung auf mehr Eiskeime. Damit entstehen mehr, aber kleinere Hagelkörner.

USA setzten in Vietnam auf Wettermanipulation

Historisch erwiesen ist, dass die USA im Vietnamkrieg auch auf Wettermanipulationen setzten. In fast 3000 Flug­einsätzen brachte die US-Luftwaffe Silberjodid in Wolken aus. Dies sollte schwere Regengüsse auslösen und damit den Feind schwächen. Die UNO reagierte darauf mit der «Enmod Warfare Convention». Das Abkommen zum Verbot der Kriegsführung mittels Umweltmodifikation ist seit 1978 in Kraft.

Die Forderung von Matthias Hancke nach einer unabhängigen und seriösen Messung ist bereits daran, erfüllt zu werden. Im Rahmen einer noch unveröffentlichten ETH-Studie – sie wird dieses Jahr publiziert – wurden auf dem Flughafen Zürich die Abgase dreier verschiedener Typen von Flugzeugturbinen gemessen. Ulrike Lohmann bestätigt, dass die Messungen auch Aluminium und Barium nachweisen. «Barium und Aluminium finden sich im Kerosin und Öl. Aluminium kann zusätzlich vom Abrieb der Turbinen herrühren.»

Entsprechend logisch ist die Prognose: «Solange der Luftverkehr zunimmt, werden auch Substanzen wie Barium und Aluminium in der Atmosphäre zunehmen», sagt die Professorin für Atmosphärenphysik.

Vorpremiere von «Overcast» am Dienstag, 15. März, im Kino Riffraff in Zürich, 20.45 Uhr. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 10.03.2016, 20:09 Uhr)

Artikel zum Thema

«Klima-Irrsinn beenden»

Die Bewohner der Marshallinseln ziehen in die amerikanische Stadt Springdale – vermehrt wegen des Klimawandels. Mehr...

Worüber man auch reden müsste

Trotz des Hitzesommers ist das Klima ebenso wenig ein Wahlkampfthema wie die Folgen der Frankenstärke für die Wirtschaft. Asyl, Asyl, Asyl heisst das Thema des Sommers. Mehr...

Republikaner laufen Sturm gegen Obamas Klima-Plan

Die politischen Gegner von US-Präsident Barack Obama können seinen Klimaschutz-Plänen gar nichts Positives abringen. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Service

Ihre Kulturkarte

Abonnieren Sie den Carte Blanche-Newsletter und verpassen Sie kein Angebot.

Die Welt in Bildern

Monsun: Kinder suchen Schutz unter einem Baum während eines Regenfalls in Neu-Dehli, Indien (26. Juli 2016).
(Bild: Adnan Abidi) Mehr...