«Die Windenergie ist bereits ein weltweites Milliardengeschäft»

Forschungschef Carlos Härtel vom amerikanischen Energiemulti General Electric glaubt an die Zukunft von alternativen Energiequellen zur Stromproduktion. Grosse Hoffnung setzt er auch in die Sonnenenergie.

Energiegeladen: Anlage von General Electric in Texas.

Energiegeladen: Anlage von General Electric in Texas.

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In die Energiewende werden grosse Hoffnungen gesetzt, vor allem was die Nachhaltigkeit und den Klimaschutz angeht. Befasst sich die Industrie wirklich ernsthaft mit dem Thema?
Ein Stück weit ist das Thema akademisch, weil viele Dinge noch im Forschungsstadium stecken. Andererseits ist die Windenergie bereits ein weltweites Milliardengeschäft. Zunächst war es das in Europa, dann, für unsere Firma besonders interessant, in Amerika, nun kommt auch Asien dazu. Der Anteil an der Gesamtproduktion ist natürlich noch begrenzt, aber dieser Bereich wächst sehr stark.

Photovoltaik gilt als Hoffnungsträger für die Stromerzeugung.
Photovoltaik könnte die Windenergie später einmal überholen, aber da ist heute noch die Frage nach dem richtigen Material, der richtigen Technik, offen. Sicher gibt es schon grosse Unternehmen, aber es gibt bei der Photovoltaik noch keinen allgemein anerkannten technischen Standard, wie er sich bei der Windenergie zumindest bei den Landanlagen durchgesetzt hat.

Ein Beispiel für eine Wende wäre, wenn der Verbrennungsmotor im Auto durch den Elektroantrieb abgelöst würde. Da verspricht die Industrie seit Jahren viel, aber auf dem Markt sieht man noch wenig.
Unter Energiewende verstehe ich zunächst die Produktion des Stroms, wobei der dann für alle möglichen Anwendungen genutzt wird, möglicherweise auch im Verkehr. Ob der Sektor Mobilität entscheidend ist in der jetzigen Phase, weiss ich nicht, das wird die Praxis zeigen. Es ist für die Energieeffizienz relativ egal, ob man ein grosses Kohlekraftwerk betreibt und den Strom dann in Transportleistung umwandelt oder ob man den Automotor mit Mineralöl betreibt. Natürlich sind die Emissionen des Motors ein Problem, zudem muss man sehen, dass bei der Elektromobilität der ganze Mix von Stromquellen zur Verfügung steht, während man beim Verbrennungsmotor allein aufs Öl angewiesen ist.

Welche Energieform finden Sie am besten?
Jeder Forscher hat so seine persönliche Lieblingstechnik. Für den einen ist es die Windturbine, für den anderen die Photovoltaik. Am Ende wird es aber die Kombination von allem sein. Es ist nicht zu erwarten, dass sich eine bestimmte Technik durchsetzt und die anderen verdrängt, sie werden alle eine Rolle spielen. Für uns als Industrie steht heute sicher die Windenergie im Vordergrund. Bei Photovoltaik und bei Biomasse sehen wir ein grosses Potenzial, aber da muss noch die richtige Technik gefunden werden, und das ist sehr forschungsintensiv.

Geht die Umstellung von konventionellen zu alternativen Energien nicht zu langsam?
Die Geschwindigkeit der Umstellung heute halte ich für gut. Ganz langfristig gesehen wird man fossile Energieträger nur noch in sehr geringem Mass brauchen. Aber: Wann das der Fall sein wird, weiss ich nicht. Das hat viel mit Markt und Politik zu tun. Rein technisch ist es möglich, alles mit Wind- und Sonnenenergie zu machen. Es gibt kein Gesetz der Physik, das dem widerspricht.

Wäre es einfacher, eine neue Infrastruktur aufzubauen?
In den entwickelten Ländern ist das sicher nicht möglich. Ganz anders sieht es in den neu industrialisierten Ländern aus. Die brauchen natürlich Strom. Es fragt sich dann, ob es nicht sinnvoll wäre, statt einer Infrastruktur nach dem Muster der entwickelten Länder gleich etwas ganz Neues aufzubauen. Also eine Stufe zu überspringen, wie das bei der Telekommunikation gemacht wird. Dort wird gar kein Festnetz mehr gebaut.

Werden also Länder wie Indien und China für die erneuerbaren Energien die technische Führung übernehmen?
Es gibt auf dem Gebiet der Medizintechnik interessante Beispiele für eine sogenannte Reverse Innovation. Also für innovative Produkte, die in aufstrebenden Ländern entwickelt werden, aber dann auch entscheidende Impulse geben für Produkte in den Industriestaaten.

Zum Beispiel?
In China haben wir 2002 ein tragbares Ultraschallgerät für den chinesischen Markt entwickelt. Das kann zwar nicht alles, was die modernsten Geräte für den europäischen Markt können. Dafür ist es aber 80 Prozent günstiger. Kernelemente dieser Technologie wurden später in Produkte für den weltweiten Markt übernommen. Analog könnten einfache, preisgünstige Solaranlagen oder kleine Wind- und Wasserkraftwerke für die dezentrale Versorgung durchaus zuerst in Indien und China für die dortigen Märkte entwickelt und dann später auch im Westen eingesetzt werden.

Kohle- und Gaskraftwerke gehören heute zu den Stützen der Stromversorgung, sie belasten aber das Klima. Gibt es in Zukunft überhaupt noch fossil betriebene Kraftwerke ohne CO2-Abscheidung?
Das hängt vom politischen Druck ab. Ich glaube aber nicht, dass installierte Kraftwerkpärke mit einer CO2-Abscheidung nachgerüstet werden. Dazu ist der Eingriff zu gross und zu teuer. Es fragt sich auch noch, ob die Akzeptanz für die Endlagerung grosser Mengen CO2 in der Bevölkerung vorhanden ist. Die CO2-Deponierung wird wohl in Einzelfällen realisiert werden, aber nicht generell.

Ihre Abteilung erforscht die alternativen Energien, glauben Sie auch an die Renaissance der Kernkraftwerke, immerhin gehört Ihr Mutterkonzern zu den wichtigsten Anbietern?
Ich glaube nicht, dass man von einer Renaissance sprechen kann. Die Kernkraft spielt eine grosse Rolle in der Stromversorgung, und es gibt Projekte für Neubauten. Nicht alle jetzt geplanten Neubauten werden realisiert werden, es wird sich im Wesentlichen um den Ersatz der Werke handeln, die in den nächsten Jahrzehnten abgeschaltet werden. Ob es darüber hinaus Wachstum geben wird, weiss heute niemand. Die Hindernisse sind weltweit hoch, ganz ohne die Kernenergie wird es in absehbarer Zeit aber nicht gehen.

Ab Sonntag, 11. April., findet an der ETH Zürich die Veranstaltungsreihe «Treffpunkt Science City» zum Thema «Energie – Woher nehmen wir sie» statt. Dabei wird beispielsweise die Geothermie oder die Solarenergie vorgestellt und diskutiert. www.sciencecity.ethz.ch (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 06.04.2010, 07:43 Uhr)

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