Die Zukunft findet ohne Ticket statt

Künftig muss man nicht mehr ans Billett denken. Die SBB arbeiten an einem landesweiten System, mit dem Bahn-, Tram- und gar Seilbahnfahrten automatisch abgerechnet werden.

Chipkarte, statt Ticket: Ein Mann präsentiert am 23. April 2001 in Bern die Easy Access Karte, welche die SBB getestet hatten.

Chipkarte, statt Ticket: Ein Mann präsentiert am 23. April 2001 in Bern die Easy Access Karte, welche die SBB getestet hatten. Bild: Keystone

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Es sieht aus wie eine etwas dick geratene Kreditkarte, das universelle drahtlose elektronische Ticket. Neben einem Computerchip enthält es eine Antenne und eine winzige Batterie. Mit dem E-Ticket in der Tasche wird man Züge, Trams und Busse benützen, ohne ans Billett oder ans Abonnement denken zu müssen. Sensoren in den Wagen registrieren, welche Wege wir zurücklegen, indem sie die E-Tickets aller Personen an Bord erfassen, sobald die Türen zu sind. Am Monatsende kommt die detaillierte Abrechnung, genau wie beim Telefon.

Unter dem Namen Easy-Ride wurde ein solches System vor zehn Jahren in Genf und in Basel erprobt. Es war eine Weltpremiere, die Pionierarbeit von SBB und der Industrie fand in der Fachwelt grosses Interesse. Realisiert wurde Easy-Ride aber nie, vor allem wegen der Kosten von über 600 Millionen Franken.

Doch heute ist alles anders, wie Marcel Kalbermatter sagt, der bei Siemens die Weiterentwicklung des Systems leitet: «Die Elektronik ist viel billiger geworden, wir rechnen nur noch mit einem Bruchteil der Kosten für das ganze System. Grosse Fortschritte hat man auch bei der Sicherheit und beim Datenschutz gemacht.»

Eine Karte für jeden Einwohner

13'500 Eisenbahnwagen, Trams, Busse, Schiffe und Seilbahnkabinen müssten ausgerüstet werden, der gesamte Fahrzeugpark des öffentlichen Verkehrs, inklusive ausländischer Wagen, die regelmässig in die Schweiz kommen. Ausserdem wären Datenträger für die Reisenden zu produzieren. Auch das wäre kein Problem mehr, sagt Kalbermatter. E-Tickets mit Chip seien jetzt so billig, dass man sie im Rohzustand gleich sämtlichen Einwohnern abgeben könnte.

«Beim Easy-Ride-Versuch vor zehn Jahren ging es um die Frage, ob so ein System überhaupt funktioniert. Jetzt geht es um die Zehnjahresstrategie, wie ein solches neues Zugangssystem für den öffentlichen Verkehr in der Schweiz eingeführt werden könnte», sagt Santiago Garcia, Programmleiter für elektronisches Ticketing bei den SBB. An der Machbarkeit sei nicht zu zweifeln.

Vorarbeiten laufen, nächstes Jahr werden die Organisationen des öffentlichen Verkehrs auf der Basis einer SBB-internen Studie darüber informiert, wie die Realisierung erfolgreich aufgegleist werden könnte. Konventionelle Billette, Verkaufsautomaten und Billettschalter, beruhigt Garcia, werde es in jedem Fall noch lange geben, die grosse Masse der Routinegeschäfte aber soll elektronisch und weitgehend automatisch ablaufen.

Einführung in Etappen

Als erste Etappe sieht SBB-Experte Garcia ab 2014 die Ablösung der heutigen Abonnemente durch die «ÖV-Karte» der neuen Technik. Die Erfassung der Wege würde zunächst noch nicht automatisch vorgenommen: Die Reisenden weisen bei der Kontrolle statt ihres Abonnements die Karte vor, die der Kondukteur kontaktlos ablesen könnte, sein rotes mobiles Terminal wird dann dafür eingerichtet sein.

In einer nächsten Phase, frühestens ab 2018, würden Sensoren in den Wagen über Funk automatisch die Daten aller Passagiere abfragen, die Chipkarten könnten in den Taschen bleiben. Den Entscheid dafür müssten wiederum die SBB, die Transportunternehmungen, Tarifverbünde und der Verband der öffentlichen Verkehrsunternehmen (VÖV) fällen.

Karte ist kein Datenspeicher

Die Technik ist klar: Einmal täglich senden die Geräte in den Wagen die erfassten Daten an eine Zentrale. Dort werden die Daten ausgewertet und wird die Abrechnung erstellt; auf der Karte werden keine Tarifdaten gespeichert. Der Prozess findet nicht in Echtzeit statt, es ist also unmöglich, den Aufenthaltsort einer Person festzustellen.

Die Erfassung von Wegen und Zeiten eröffnet neue Möglichkeiten der Tarifgestaltung. Zum Beispiel lassen sich Rabatte für Stammkunden oder für die Benützung von Zügen in den Randstunden gewähren, allenfalls Zuschläge für besonders schnelle Verbindungen erheben oder Kombinationen anbieten von Abonnements für bestimmte Strecken und Einzelpreisen für andere Fahrten. Ein Klassenwechsel könnte automatisch erfasst werden. Auch die Rechnung für die Nachzahlung würde automatisch ausgelöst, wenn jemand seine Karte für eine Fahrt benützt, für die sie nicht gültig ist.

Anonym Reisen bleibt möglich

Der Vorteil der automatischen Billettkontrolle für die Kunden: Haben sie ihre Karte bei sich, brauchen sie nicht mehr ans Lösen von Billetten zu denken. Validieren, das heisst mit einem Guthaben aufladen oder mit einem Abonnement, lässt sich die Karte bequem via Internet oder an Automaten. Wer nicht will, dass eine Zentrale über seine Wege Buch führt, kann eine anonyme Karte gegen Vorauszahlung benützen.

Nach Erfahrungen bei Verkehrsverbünden in Deutschland tun das laut Kalbermatter aber weniger als ein Prozent der Kunden. Die meisten vertrauen darauf, dass die Daten – wie die Daten der Handybenützung – vertraulich behandelt werden. Die Datenschützer haben Richtlinien erlassen, an die sich die Verkehrsunternehmen halten werden.

Diesen verspricht das E-Ticketing grosse kommerzielle Vorteile. Neben den neuen Tarifmodellen und Bonussystemen (die jedoch nicht zusammen mit dem E-Ticket eingeführt werden sollen) wird der Aufwand für den Unterhalt der Verkaufsautomaten und die Verarbeitung des Geldes reduziert, die Billettkontrolle geht viel schneller, das System kann sogar selber erkennen, ob Leute mit ungültigen Tickets im Wagen sind.

Schwierige Zeiten für Schwarzfahrer

Fahrten über das gelöste Ziel hinaus oder mit abgelaufenem Abonnement sind nicht mehr möglich, die Zahl der Schwarz- und Graufahrer sinkt deutlich. Die Londoner Verkehrsbetriebe verzeichneten nach der Einführung ihres E-Tickets (Oyster-Card) einen Rückgang der Missbräuche von 4 Prozent auf 1,5 Prozent.

Die SBB schätzen derzeit den Einnahmenverlust wegen Missbräuchen auf 60 Millionen Franken im Jahr, bei den anderen Bahnen und Verbünden fallen weitere Millionenschäden an. Die automatische Fahrgasterfassung verbessert die Qualität der Statistik. Sie liefert erstmals genaue Daten über die Benützung einzelner Züge und Verbindungen, was bei der Planung hilft.

Gesamtschweizerisches System

Die Daten können auch verwendet werden für die Verteilung der Einnahmen aus dem Verkauf von Generalabonnements an die beteiligten Unternehmen, ein geschäftspolitisch heikles Unterfangen, bei dem heute auf Schätzungen und Hochrechnungen abgestellt werden muss. Die SBB und der Verband öffentlicher Verkehr (VÖV) streben ein gesamtschweizerisches System des E-Ticketing an.

Die künftige ÖV-Karte, die noch keinen Namen hat, aber möglicherweise wieder Easy-Ride heissen könnte, soll überall einsatzfähig sein. Später könnte sie möglicherweise international verwendbar sein. An Ticketsystemen wird gegenwärtig in vielen Ländern gearbeitet, vor allem in Deutschland sind umfangreiche technische Normen geschaffen worden, die international angewandt werden sollen.

Auch für andere Branchen

Auch an branchenfremden Interessenten fehlt es nicht: Die grossen Autokonzerne denken daran, ihren Leasingkunden E-Tickets auszugeben, mit denen zum Beispiel Maut- oder Parkgebühren bezahlt werden können und die gleichzeitig auch für das Carsharing und für den ÖV gelten.

Die französische Bahn (SNCF) will umgekehrt ihr E-Ticket auch für Kurzzeitmieten von Elektroautos am Bahnhof einsetzen. Eine bequeme Totalmobilität über die Grenzen der einzelnen Verkehrsmittel ist das Ziel. «Möglich ist vieles, aber je mehr Beteiligte mitreden, desto komplizierter wird die Einführung», warnt Kalbermatter vor allzu viel Zukunftsmusik. Zu den Beteiligten, die in Verkehrsfragen mitreden, gehören die Politiker. Man darf gespannt sein, was sie zum E-Ticket meinen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 02.07.2011, 19:00 Uhr

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