«Es gibt einen Markt für CO2»

Dominique Kronenberg von der Firma Climeworks leitet ein Projekt, das die kommerzielle Gewinnung des Treibhausgases CO2 aus der Luft ermöglicht.

Die erste Anlage ihrer Art: Projektleiter Dominique Kronenberg am Forschungsstandort in Oerlikon. Foto: Dominique Meienberg

Die erste Anlage ihrer Art: Projektleiter Dominique Kronenberg am Forschungsstandort in Oerlikon. Foto: Dominique Meienberg

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Warum braucht es Maschinen, mit denen man CO2 aus der Luft gewinnen kann?
Da der Klimawandel zu einem grossen Teil durch CO2-Emissionen verursacht wird, ist es sinnvoll, dieses Gas der ­Atmosphäre zu entziehen, um neue Produkte daraus zu machen. Mithilfe von CO2 können synthetische Brenn- und Treibstoffe hergestellt werden, die einen Teil der fossilen Treibstoffe ersetzen können. Anderseits gibt es einen Markt für CO2, zum Beispiel in der Getränke­industrie oder in Gewächshäusern.

Es gibt keine Reduktion, wenn der synthetische Treibstoff wieder im Automotor verbrannt wird.
Das stimmt, in diesem Fall wäre es ein geschlossener Kreislauf, also praktisch klimaneutral. Aber man verhindert durch den Ersatz fossiler Treibstoffe zusätzliche CO2-Emissionen.

Das heisst, die Autoindustrie hat auf Climeworks gewartet?
Audi ist an unserer Technologie interessiert. CO2 kann helfen, Überschussstrom zu speichern. Solar- und Windstrom fällt unregelmässig an. In Deutschland werden Windräder abgestellt, sobald die Stromproduktion das Netz überlastet. Das ist nicht sinnvoll. Besser wäre es, den Überschussstrom zu speichern, etwa durch elektrolytische Spaltung von Wasser. Aus dem daraus entstandenen Wasserstoff wird mit CO2 Methangas oder synthetischer Diesel produziert.

Von wo stammt heute das CO2?
Das meiste CO2 in Europa ist ein Abfallprodukt aus der Ammoniakherstellung. Das Gas muss verflüssigt und je nachdem über grosse Distanzen transportiert werden. Mit unserer Anlage kann man dezentral CO2 aus der Luft abscheiden und dabei Transportkosten sparen.

Wäre es nicht kostengünstiger, CO2 aus der Verbrennung in Kohlenkraftwerken zu verwenden?
Es wäre tatsächlich günstiger, weil die Konzentration in der Abluft eines Kohlenkraftwerks grösser ist. Mit der direkten Abscheidung aus der Atmosphäre ist man aber flexibel und ortsunabhängig. Es ist sinnvoll, dort synthetischen Treibstoff herzustellen, wo Wind- oder Solarparks Strom produzieren.

Ihre Anlage produziert ab Mitte nächsten Jahres voraussichtlich 900 Tonnen CO2 pro Jahr. Ist das bereits kommerziell?
Für Regionen mit hohen CO2-Preisen ist dies vermutlich die kleinste kommerzielle Grösse. Für Regionen mit niedrigen Preisen wie in Europa müssen Anlagen deutlich grösser sein. Aufgrund der Grösse und der anfänglich hohen Entwicklungskosten erreichen wir mit der ersten Anlage noch keine konkurrenz­fähigen CO2-Preise. Mit der CO2-Menge könnte man grössere Gewächshäuser in der Schweiz begasen oder mittelgrosse Getränkeabfüllfirmen bedienen.

Was kostet eine Tonne CO2?
Genau wissen wir es noch nicht. Bisher hat noch niemand eine solche Anlage gebaut und betrieben. Die Erfahrung aus dem Projekt in Hinwil wird uns zeigen, mit welchen Kosten wir zu rechnen ­haben und wie sich die Anlage im Langzeitbetrieb verhält. Die Amerikanische Physikalische Gesellschaft rechnet in einer Studie bei einer Anlage zur Abtrennung von jährlich einer Million Tonnen CO2 mit etwa 600 Dollar pro Tonne. Wir gehen davon aus, dass wir mit unserer Pilot- und Demonstrationsanlage, die 1000-mal kleiner ist, auf etwa die gleichen Kosten kommen.

Wie teuer darf die Anlage sein, um einen Getränkehersteller von einer CO2-Abscheidung zu überzeugen?
Der CO2-Preis hängt von den Transportkosten ab, also von der Distanz zwischen Produzent und Abnehmer. In der Schweiz liegt der Preis bei etwa 250 Franken. In Ländern, in denen keine Chemie­industrie vorhanden ist, kann der Preis auf 5000 Franken pro Tonne steigen.

Warum sollten bei diesen relativ hohen Kosten die Treibstoff­produzenten Interesse zeigen?
Tatsächlich gibt es dafür noch keinen etablierten Markt. Will man synthetischen Treibstoff kommerziell herstellen, dann braucht es Abscheidungs­anlagen, die jährlich mehr als 20 000 Tonnen CO2 herstellen. In der Zwischenzeit sind kleinere Pilotanlagen geplant, bei denen man in Kauf nimmt, dass der hergestellte Treibstoff noch etwas mehr kostet als aktuell an der Tankstelle.

Würde ein starker Markt mit ­Emissionszertifikaten helfen?
Das wäre sicher ein Vorteil. Man kann ausrechnen, wie viel CO2 mit einem Liter synthetischen Treibstoffs gegenüber fossilen Treibstoffen wie Diesel oder Gas eingespart wird. Für die Einsparung könnte man sich ein Zertifikat zu einem gewissen Preis ausstellen lassen und damit auf dem Emissionsmarkt handeln. Leider ist derzeit der Emissionsmarkt preislich am Boden.

Man geht davon aus, dass in ­zwanzig Jahren in Europa eine grosse Zahl an Elektroautos fahren. Synthetischer Treibstoff wird dann eine kleine Rolle spielen.
Wir gehen davon aus, dass im Fern- und im Flugverkehr weiterhin flüssige Treibstoffe zum Einsatz kommen werden. Zudem kann die Technologie verwendet werden, um erneuerbaren Strom in Form von Treibstoffen zu speichern.

Wie viel Energie muss für die ­Produktion und den Bau der Climeworks-Anlage ­aufgewendet werden?
Der Aufwand ist relativ gering. Wir haben eine Lebenszyklus-Analyse erstellen lassen. Die entstehenden Emissionen beim Bau, beim Betrieb und beim späteren Recycling betragen weniger als fünf Prozent der CO2-Menge, welche die Anlage über die gesamte Betriebsdauer aus der Luft abscheidet. Vorausgesetzt, es wird für den Betrieb erneuerbare Energie verwendet.

Multimilliardär Richard Branson hat einen Preis ausgeschrieben für Firmen, denen die ­CO2 Abscheidung gelingt. Haben Sie auch davon profitiert?
Es sind elf Unternehmen als Finalisten ausgewählt worden, darunter sind auch wir. Aber der Preis von 25 Millionen ­Dollar hat bis jetzt noch keine Firma ­erhalten.

Es herrscht also ein ­grosser ­Konkurrenzkampf?
Nicht besonders, es besteht eher ein freundschaftlicher Austausch. Der Markt ist so gross, dass es grundsätzlich für alle Platz hätte.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 25.10.2015, 23:00 Uhr

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Die Lösung

CO2-Filter Treibhausgas für Gewächshaus

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Noch sieht die Maschine von Climeworks in Oerlikon – einem Spin-off der ETH – nach einem Forschungsprojekt aus. Doch bereits Mitte des nächsten Jahres soll in Hinwil die weltweit erste kommerzielle Anlage in Betrieb gehen, die der Umgebungsluft das Treibhausgas Kohlendioxid (CO2) entzieht. Dazu werden 18 Module in der Grössenordnung der aktuellen Forschungsanlage kombiniert. Das CO2 wird chemisch aus der angesaugten Luft an einem Filter aus Zellulose gebunden. Ist dieser gesättigt, wird bei einer Temperatur von circa 100 Grad Celsius das CO2 aus dem Filter gelöst. Der Vorteil dieses Verfahrens ist laut Climeworks die Ortsunabhängigkeit. Zudem funktioniert die Methode bei Niedertemperaturwärme. So wird die Wärme in Hinwil von der Kehrichtverwertung Zürcher Oberland geliefert. Das gewonnene CO2 wird an einen nahe gelegenen Gewächshaus­betreiber verkauft, der damit das Wachstum von Tomaten, Gurken oder Salat fördert.

Das Projekt wird vom Bundesamt für Energie finanziell unterstützt. Die Entwicklungs- und Baukosten betragen drei bis vier Millionen Euro. Das Pilot- und Demonstrationsprojekt ist auf drei Jahre angelegt. Ein Hauptziel von Climeworks ist, die Technologie zu industrialisieren und eine grosstechnische Anlage zu bauen und zu betreiben. (lae)

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