Es wird mir ganz warm um den Akku

Robotiker arbeiten daran, ihren Geschöpfen Gefühle zu verleihen. Denn ihre Kreaturen sollen nicht völlig unterkühlt erscheinen.

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Es ist die erstaunliche Geschichte einer Selbstentdeckung. Kaum erblickt das intelligente Betriebssystem «OS1» in den Händen von Theodore Twombly in einem Smartphone das Licht der Welt, verleiht es sich einen Namen: «Samantha». Dann beginnt es – oder besser gesagt, sie – eine Entdeckungsreise in Weiten und Tiefen ihrer künstlichen Intelligenz (KI). In dem kürzlich angelaufenen Kinofilm «Her» von Spike Jonze lernt die mit einer leicht lasziven Stimme versehene Samantha dabei nicht nur, wie über alle Massen clever sie ist, sondern erlebt auch, was man schlauen Computerprogrammen bislang sicher kaum zugetraut hätte: Eifersucht, Ärger, Sehnsucht, Scham.

So weit ist die Welt freilich noch nicht. Doch Ingenieure und KI-Experten auf dem Gebiet der sozialen Robotik bemühen sich redlich. So strahlt einen etwa Roboy vom Labor für Künstliche Intelligenz der Universität Zürich mit grossen blauen Augen und einem Lächeln auf den Lippen an. Emotionen kennt die Maschine allerdings nicht. Vielmehr soll der putzige Gesichtsausdruck Roboys restlichen, an eine Geisterbahn erinnernden Eindruck abmildern. Denn unter dem weissen Eierkopf ist der Roboter ein mit künstlichen Muskeln und Sehnen versehenes Gerippe.

Gefühle auszudrücken, so Domenico Parisi vom Institut für Kognitionswissenschaften und Technologie in Rom, sollte aber nicht das Ende der Entwicklung sein: «Emotionen erfüllen eine wichtige Aufgabe im menschlichen Handeln», so der KI-Forscher. «Das muss auch bei ­Robotern möglich sein.»

Knallrote Schlauchlippen

Die Robotikerin Cynthia Breazeal vom Massachusetts Institute of Technology (MIT) entwickelte in den 90er-Jahren einen Kopfroboter namens Kismet, dessen einzige Aufgabe darin bestand, emotional zu kommunizieren. Mit grossen blauen Augen, die unter silbrigen Lidern hervorlugten, roten Schlauchlippen und rosa Spitzohren sprang das Maschinenwesen unter den damals eher prosaisch anmutenden Blechkameraden ins Auge und ins Herz. Kismet — heute in einer Vitrine im MIT Museum zu bewundern — war eine Schlüsselreizmaschine nach dem Babyschema, der sich kein halbwegs gefühlvoller Mensch entziehen konnte.

Mit Strom versorgt, liess Kismet seine Umwelt wissen, wie ihm zumute war. Ob freundlich, ärgerlich, verängstigt oder müde, hing davon ab, wie das ihm einprogrammierte Begehren nach Geselligkeit, Spielen und Schlaf befriedigt wurde. Verweigerte man ihm die Aufmerksamkeit, fing er an zu quengeln. War er zufrieden, brabbelte er vor sich hin. «Glück», sagt Cynthia Breazeal mit Blick auf ihre bis heute berühmteste Schöpfung, «ist nichts weiter, als ein ­Bedürfnis zu stillen.»

Das Roboterverhalten entlarvt eine eigene Logik hinter dem Gefühlsausdruck. Demnach ändert sich das emotionale Verhalten der Roboter mit ihrer Einschätzung der Situation, je nachdem, ob die Lage wünschenswert, gefährlich oder kontrollierbar erscheint. Das hilft Robotikern auch heute, das emotionale Verhalten ihrer Kreaturen zu steuern.

Rationale Modelle menschlicher Emotion

Diese Logik buchstabieren heute rationale Modelle menschlicher Emotion. Ein Beispiel dafür ist Alma («A layered model of affect»), an dem Patrick Gebhard vom Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz gemeinsam mit seinem Kollegen Michael Kipp von der Hochschule Augsburg forscht. In diesem Computermodell sind Emotionen vernünftige Reaktionen auf ­Ereignisse wie Ärger, Stolz oder Enttäuschung. Eingebettet sind sie wiederum in länger währende Stimmungen, beispielsweise Überschwang, die schliesslich zentrale Charakteristika einer Persönlichkeit prägen, also ob eine Person beispielsweise eher extrovertiert, aggressiv oder schüchtern ist.

Bisher verfügen humanoide Roboter und Avatare jedoch erst über ein eher beschränktes Mimikrepertoire. Noch gravierender ist der Mangel emotionalen Ausdrucks bei der Synthese künstlicher Stimmen. Ist es für eine KI-Kreatur schon schwer, die richtigen Worte zu finden – eine Kunst, die Apples Siri bei sach­lichen Fragen leidlich beherrscht –, lassen sich die Intonation oder die Stimmqualität bislang kaum modulieren. «Perfekte Sprach- und Stimmmodulation ist noch Zukunftsmusik», sagt Gordon Cheng, Robotik-Professor an der Technischen Universität München. Ob ein Roboter Worte akustisch ausatmend erzeugen solle, oder wie Satzmelodie und Rhythmus zu gestalten seien, sei computertechnisch nicht trivial. Für Spike Jonzes «Samantha» scheint dies allerdings kein Problem zu sein. Kein Wunder, stammt ihre Stimme doch von einer Schauspielerin aus Fleisch und Blut.

Bei all der Anstrengung, künstliche Kreaturen Gefühle ausdrücken zu lassen, behauptet jedoch fast kein KI-Forscher, eine Maschine habe tatsächlich die Gefühle, die ihre Mimik und Körperhaltung spiegeln. Mehr noch, manche Wissenschaftler erklären diese Frage für irrelevant. So urteilte die KI-Expertin Luisa Damiano von der Universität Bergamo in einem Fachartikel vor zwei Jahren: «Roboter brauchen kein echtes Innenleben, sondern nur die Fähigkeit, mit ihren Sozialpartnern und ihrer Umwelt zu interagieren. Diese Fähigkeit – und nicht die Frage, ob die Gefühle echt oder nur simuliert sind – liegt dem menschlichen kognitiven und affektiven Verhalten zugrunde.»

Das sieht selbst Hooman Samani von der National Taipei University in Taiwan so – und das, obwohl er 2012 eigenhändig das Forschungsfeld «Lovotics» – eine Kombination aus «Love» und «Robotik» – aus der Taufe gehoben hat. Das Ziel der publikumswirksamen Disziplin ist es, gefühlvolle Beziehungen zwischen ­Roboter und Mensch zu erforschen.

Der Roboter ist nur Mittel zum Zweck

Das erste, etwas schlichte Ergebnis sieht aus wie eine rollende Hermelinmütze, der Samani und sein Team sogar ein künstliches Hormonsystem einprogrammiert haben. Das beurteilt den Zustand der Welt nach der Vorgabe, ob es beachtet oder etwa gestreichelt wird. Ist die flauschig aussehende Haube «verliebt», leuchtet ein Ring von LED-Lampen um den Fellsaum pink auf, sie fiept zufrieden, dreht sich und vibriert. Ein Innenleben hat der Roboter jedoch nicht: «Der Roboter ist nur Mittel zum Zweck, um menschliche Zufriedenheit und Glück zu fördern», sagt Samini.

Roboter mit echten Gefühlen sind also Mangelware. Aber wer meint, das sei kein Thema für die KI-Forschung, der irrt. Einige Wissenschaftler überlegen durchaus, was es bedeuten würde, emotionale Maschinen zu bauen. In ihren Augen ist der Schlüssel zu wahrhaft emotionalen Robotern aber nicht körperlicher Ausdruck, sondern vielmehr ihre innere, für Beobachter unsichtbare Funktion. Und die liegt wie beim Menschen in ihrer Hilfestellung, Entscheidungen zu treffen.

So hat eine Arbeitsgruppe um den Robotiker Álvaro Castro-González von der Carlos-III-Universität in Madrid einen rollenden humanoiden Roboter namens Maggie entwickelt, der in einem Laborraum mit Stereoanlage, Stromquelle und gelegentlich Menschen lebt. In dieser Umwelt sorgt die lernfähige Maggie dafür, dass ihre Batterien nicht leerlaufen, sie zu Musik tanzt, sich entspannt, mit Menschen interagiert – und nicht zuletzt Gefahren vermeidet. Mithilfe von Gefühlen wie Glück, Traurigkeit oder Furcht bewertet Maggie diese unterschiedlichen Motivationen und ändert entsprechend ihr Verhalten.

Maggie reagiert auf Gewalt

Als der Studienleiter Castro-González Maggie während eines Experiments gelegentlich beleidigte und gar schlug, lernte der Roboter rasch und ging ihm künftig aus dem Weg – in seiner Gegenwart dominierte die Furcht. «Es liegt nahe, dass Roboter Gefühle haben sollten, angesichts der Tatsache, dass Emotionen für Menschen und Tiere wichtig sind, um zu lernen, Entscheidungen zu treffen und mit uns zu leben», sagt Castro-González. «Aber in Robotern müssen sich Emotionen auch als nützlich erweisen – und das ist uns gelungen. Maggie zeigt heute tierähnliches Verhalten.»

In den Augen einiger Robotiker ist das keine Simulation mehr. Der KI-Experte Domenico Parisi schliesst aus der Tatsache, dass Gefühle das Handeln ­einiger Roboter leiten, «dass sie diese ­Gefühle auch tatsächlich haben». Und er fordert, dass einige Roboter Gefühle in ihrem mechanotronischen Körper spüren sollten – so wie Glück dem Menschen gefühlt Flügel verleiht, oder ihm der Schreck in die Knochen fährt. Dann würde einem Roboy oder dem Nasa-Robonauten in der Internationalen Raumstation in Zukunft womöglich vor Zufriedenheit ganz warm um den Akku. Roboter-Emotionen, das ist klar, fühlen sich anders an als die ihrer menschlichen Schöpfer.

Das erlebt auch Samantha in Spike Jonzes «Her». Mag sie anfangs gemeint haben, menschenähnliche Gefühle in sich zu entdecken, ist sie letztlich doch körperloser Natur. Und so verwundert es nicht, dass sich ihre Befindlichkeit am Ende des Films verwandelt – in ein Gespür für Dinge, die einer künstlichen Intelligenz im virtuellen Raum mehr angemessen sind. «Ich spüre dich noch und die Worte unserer Geschichte», sagt sie zu Theodore, «Aber es ist jetzt der endlose Raum zwischen den Worten, in dem ich mich wiederfinde.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 07.05.2014, 08:23 Uhr

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