Googles Auto meistert den Stadtverkehr

Erstmals nach zwei Jahren hat der Technikkonzern den Stand seiner Technik für selbstfahrende Autos bekannt gegeben. Der Fortschritt ist beachtlich – doch könnten andere Hersteller vor Google das Ziel erreichen.

Unterwegs in Montain View: Fahrt mit Google-Auto. (Video: Google/Youtube)


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Das Geschehen auf einer innerstädtischen Strasse ist oft chaotisch: Autos wechseln die Spur, Lieferwagen blockieren die Strassen und Velos überholen von rechts. Der Technikkonzern Google hat am Montag auf seinem Blog vermeldet, sein selbstfahrendes Auto erfolgreich im Stadtverkehr getestet zu haben. Was fürs menschliche Auge unorganisiert und zufällig wirke, habe sich als recht gut voraussagbar erwiesen. Zum Beleg liefert Google ein Video mit (siehe oben), auf dem ein Testfahrzeug unterwegs im kalifornischen Mountain View zu sehen ist. Googles Fahrzeug erkennt darin, dass ein Velofahrer, der seinen linken Arm ausstreckt, die Spur wechseln will. Ebenso hält es vernünftigerweise vor einem Bahnübergang, bis auf der anderen Seite genügend Platz vorhanden ist. Auch einem halb auf der Strasse abgestellten Lieferwagen weicht das Fahrzeug souverän aus.

Googles Testflotte von rund zwei Dutzend Lexus RX450H ist unter anderem mit Radar- und Lasersensoren ausgestattet. Damit vermisst das in den Autos eingebaute Steuerungssystem die Umgebung und erstellt in Echtzeit ein 3-D-Modell davon. Das Entscheidende dabei: Das Computerprogramm muss in der Lage sein, Objekte als Angehörige einer bestimmten Kategorie zu identifizieren, von denen ein bestimmtes Verhalten zu erwarten ist, so von einem Fussgänger, der am Strassenrand wartet, oder einem Auto, das vor einer roten Ampel steht. Erst anschliessend kann es abschätzen, welches Verhalten angemessen ist – überholen, anhalten, vorsorglich bremsen?

Die von Programmdirektor Chris Urmson im Blogeintrag geschilderten Fortschritte sind beachtlich: Man habe nun Tausende Situationen auf innerstädtischen Strassen gemeistert, an denen die selbstfahrenden Autos noch vor zwei Jahren gescheitert wären. Urmson zeigt aber auch eine grosse Einschränkung auf: Das Google-Auto fährt nur auf jenen Strassen selbstständig, die ihm das Entwicklerteam beigebracht hat – ein verschwindend kleiner Teil aller US-amerikanischen Strassen und ein grosser Nachteil im Vergleich zum menschlichen Fahrer, der auch auf unbekannten Strassen zurechtkommt.

Volvo startet Versuch in Göteborg

Im Rennen um das erste genuin selbstfahrende Auto ist Google nicht der einzige Bewerber. Der Autohersteller Volvo hat am Dienstag bekannt gegeben, sein letztes Jahr angekündigter Pilotversuch in Göteborg habe inzwischen begonnen. Auf einer als Teststrecke vorgesehenen Route durch die südschwedische Stadt können Fahrer nun ihren Volvo auf Autopilot schalten. Dabei ist Volvo ein kleiner PR-Coup gelungen: Am Testversuch werden auch Kunden beteiligt, nicht nur Testfahrer des Konzerns. Bis 2017 soll der Versuch auf hundert Volvo-Kunden ausgedehnt werden.


Video: Youtube/Volvo

Mit im Rennen um das selbstfahrende Auto ist auch etwa Mercedes, in dessen Fahrzeugen der E- und S-Klasse bereits Lenk-Assistenten und sogenannte Stop-and-go-Piloten eingebaut werden, die das Auto im Stau weitgehend automatisch lenken. Mit einem darauf aufbauenden System hat Mercedes ab 2012 Testfahrten auf längeren Strecken sowie Studien mit Probanden durchgeführt, um die Technik und deren Akzeptanz bei Probanden zu testen.

Die Akzeptanz in der Bevölkerung dürfte entscheidend sein für die zentrale Etappe auf dem Weg zum selbstfahrenden Auto. Wirklich selbstfahrend wird ein Auto erst sein, wenn sein Fahrer oder seine Fahrerin keine andauernde Kontrollaufgabe mehr wahrnehmen muss, wenn die Fahrer also nicht nur im Stau, sondern auch bei einer Geschwindigkeit von 120 Kilometern pro Stunde auf der Autobahn die Zeitung lesen dürfen.

Dies würde einer Gesetzesänderung bedürfen, denn heute ist es vorgeschrieben, seine Aufmerksamkeit während des Autofahrens dem Verkehr zu widmen und die Hände zudem am Steuer zu halten. Die Autobauer, Google und weitere Verfechter des selbstfahrenden Autos sind sich sicher, dass sich die Unfallzahlen drastisch werden reduzieren lassen, wenn der Computer und nicht mehr der Mensch das Auto steuert. Gleichzeitig weisen sie aber auch darauf hin, dass vielleicht ein Rest von vielleicht zehn oder zwanzig Prozent der heutigen Anzahl Unfälle verbleiben würde.

Am Ende müsste die Gesellschaft akzeptieren, dass im schlimmsten Falle auch mal ein Kind von einer Maschine totgefahren wird, die danach anders als ein Mensch ihre Schuld nicht im Gefängnis verbüssen kann. Anders herum gesehen dürfte die zunehmende Verbreitung selbstfahrender Autos den Druck auf die klassischen Autofahrer erhöhen, auf das Selbstlenken des Fahrzeugs zu verzichten, wenn die selbstfahrenden Autos dereinst massiv weniger Unfälle verursachen. Wie nah «dereinst» ist, bleibt schwer zu prognostizieren. Die auf die Automobilbranche spezialisierte Consultingfirma IHS Automotive wagt jedoch die Voraussage, dass 2035 weltweit bereits über 50 Millionen selbstfahrende Autos unterwegs sein werden – und irgendwann nach 2050 «praktisch alle». (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 30.04.2014, 14:46 Uhr)

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