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Hier beginnt die Energiewende
Von Martin Läubli. Aktualisiert am 15.10.2011 17 Kommentare
Ausgezeichneter Neubau: Plusenergie-Gebäude der Firma Heizplan in Gams SG. (Bild: Solar Agentur Schweiz)
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Um euphorische Worte ist Gallus Cadonau nicht verlegen. Seit Jahren kämpft der Geschäftsführer der Solar Agentur dafür, die Sonnenenergie in der Schweiz zu etablieren. Seine Botschaft an der Solarpreis-Verleihung Anfang Woche hat er gezielt der gegenwärtigen Energiedebatte angepasst: Die Energie aller Schweizer Atomkraftwerke lässt sich innerhalb von zehn Jahren ersetzen, wenn flächendeckend Häuser so saniert und neu gebaut würden, dass sie mehr Wärme und Strom produzieren, als sie verbrauchen.
Cadonau wird angetrieben durch den Fortschritt der Technik. Ob Wohnhäuser, Hotels oder Industriebauten: Die diesjährigen Solarpreise sind für ihn Beleg, wie gross das Potenzial ist und was «problemlos» möglich wäre.
4.5-mal mehr Energie als benötigt
Aus der langen Liste der Preisträger ragt ein Fabrikgebäude der Firma Heizplan im st.-gallischen Gams heraus, das 4,5-mal mehr Energie produziert, als es benötigt (TA vom 11. 10.). Der Bau wurde für den europäischen Solarpreis nominiert. Seine Energiebilanz ist möglich dank einer erstklassigen Gebäudehülle mit Dreifach-Fensterverglasung und einer Fotovoltaikanlage auf dem Dach sowie an der Fassade, die Strom für Wärmepumpe, Elektrofahrzeuge und fürs öffentliche Stromnetz liefert.
Mit der Energieersparnis durch die dichte Gebäudehülle und die Solarstromgewinnung dürften die Mehrkosten für den Industriebau bei den gegenwärtigen Ölpreisen in drei bis fünf Jahren amortisiert sein, sagt Firmeninhaber Peter Schibli. Den Stromverbrauch für die Beleuchtung hat er mithilfe von Leuchtdioden gegenüber herkömmlichen Lampen um 60 Prozent reduziert. So liefert die Fotovoltaikanlage ein deutliches Plus an Strom ins öffentliche Netz. Hier ist Schibli aber auf die Subventionen der kostendeckenden Einspeiseverordnung (KEV) angewiesen, will er in zehn Jahren eine rentable Anlage: «Ich stehe erst auf der Warteliste», sagt er. So verkauft er den Solarstrom zum billigen Tagestarif ans lokale Elektrizitätswerk.
Andere Vorzeichen für Plusenergie-Gebäude
Das Fabrikgebäude in Gams ist ein Beispiel für einen Industriebau. Bei Ein- oder Mehrfamilienhäusern sehen die energetischen und finanziellen Vorzeichen für diese sogenannten Plusenergie-Häuser anders aus. Solche Baustandards für Neubauten würden in den nächsten zwanzig Jahren gegenüber den heutigen gesetzlich vorgeschriebenen Baunormen noch Mehrkosten verursachen, heisst es in einer Studie von Econcept, die das Beratungsunternehmen im Auftrag des Energieanbieters Alpiq durchführte. Die Autoren gingen damals von einem Strompreis von 18,5 Rappen pro Kilowattstunde aus – bei steigenden Energiepreisen würden die Mehrkosten aber sinken.
Für Walter Ott, Mitautor der Studie, gelten die Schätzungen von damals noch heute. «Mit Ausnahme der Kosten für Fotovoltaikanlagen. Diese sind in den letzten zwei Jahren massiv gesunken», sagt er. Mit der entsprechenden finanziellen Unterstützung des Bundes und der Kantone lassen sich aber bereits heute Plusenergie-Gebäude wirtschaftlich betreiben. In der Econcept-Studie erwähnen die Autoren erste Fotovoltaik-Grossanlagen, die mit KEV-Unterstützung rentabel funktionierten.
Tonnen Treibhausgase sparen
Die Econcept-Autoren sind zwar nicht so euphorisch wie Solaragenturgeschäftsführer Cadonau. Doch im optimistischen Szenario gehen sie davon aus, dass die Schweizer Neubauten im Wohn- und Dienstleistungssektor bis in 15 Jahren mehr Energie liefern werden, als sie verbrauchen. Voraussetzung dafür ist allerdings: Ab dem Jahr 2015 sollten nur noch Neubauten mit Minergie- oder Plusenergie-Standard entstehen, Letzterer sollte bis 2030 für die Hälfte aller jährlich erstellten Gebäude gelten. Bei dieser Entwicklung könnten bis 2030 allein durch Neubauten 7 Millionen Tonnen Treibhausgase eingespart werden; das entspricht etwa 15 Prozent der heutigen Emissionen. «Das ist ambitiös, aber nicht unrealistisch», sagt Walter Ott von Econcept.
Kanton Zürich als Wegbereiter
Nullenergiekonzepte sind nicht neu. In der Schweiz ist bereits in den 90er-Jahren in Wädenswil eine Null-Heizenergie-Siedlung gebaut worden. An diesem Projekt orientierte sich der Minergie-Verein, als er 1998 das inzwischen erfolgreiche Minergie-Label einführte. Heute führt jeder vierte Neubau in der Schweiz das Prädikat Minergie – und die Kantone fördern diese Norm inzwischen. Im Unterschied zu den kantonalen Energievorschriften, die bei Neubauten einen Energieverbrauch zulassen, der 4,8 Liter Heizöl pro Quadratmeter entspricht, liegen die Anforderungen für das klassische Minergie-Label bei 3,8 Liter. Dieser Standard hat sich in Zürich durchgesetzt und wird deshalb nicht mehr gefördert. «Minergie ist heute Stand der Technik und auch wirtschaftlich interessant», sagt Sven Frauenfelder von der kantonalen Baudirektion. Unterstützt wird dafür die verschärfte Version Minergie-P. «Energetisch ist dies eine marginale Verbesserung, doch hier ist eine Dichtigkeitsprüfung der Gebäudehülle vorgeschrieben», sagt der Geschäftsführer des Minergie-Vereins, Franz Beyeler.
Und nun soll ein neuer Standard den Bau von Null- und Plusenergie-Häusern in Schwung bringen. Bisher fehlte es an einer systematischen Bewertung dieser umweltfreundlichen Bauweise, heisst es in einem Schreiben des Minergie-Vereins. Wer dieses Zertifikat erhält, dessen Haus verfügt über eine gute Gebäudehülle. Und der dadurch geringe Energiebedarf wird durch erneuerbare Quellen gedeckt: Solaranlagen, Holzheizungen – aber auch Wärmepumpen, sofern der Strom für deren Betrieb aus einer erneuerbaren Quelle stammt, zum Beispiel aus Fotovoltaik. Wie stark zum Beispiel der Kanton Zürich dieses Label fördern will, hängt laut Sven Frauenfelder von der künftigen Energiepolitik ab.
Sanierung bitter nötig
Klar ist: Wie heute gebaut wird, entscheidet darüber, ob wir in Zukunft die Treibhausgase und den Energiekonsum drastisch reduzieren können. «Was jetzt schlecht umgebaut wird, steht für die nächsten 30 Jahre», sagt Frauenfelder. Eine wichtige Rolle spielen die rund 1,5 Millionen Gebäude in der Schweiz, die als dringend sanierungsbedürftig gelten. Sie verbrauchen vielfach Energie, die 20 Litern Heizöl pro Quadratmeter entspricht. Zwar lässt sich mit Modernisierungen laut einer kürzlich publizierten Studie des Bundesamts für Energie der Energieverbrauch von Ein- und Mehrfamilienhäusern durchschnittlich um 45 Prozent reduzieren. Doch umfangreiche Sanierungen sind nicht billig. Walter Ott von Econcept: «Bei ehrgeizigen Verbesserungen von Bauten stellt sich die Frage, wie weit es sich lohnt, mit Wärmedämmung Energie zu sparen und ab wann es klüger wäre, die Energie möglichst mit erneuerbarer Energie zu produzieren.»
Kommt hinzu, dass laut einer Untersuchung des Staatssekretariats für Wirtschaft (Seco) vor allem Bauvorschriften und Denkmalschutz die Durchführung von Minergie-Sanierungen hemmen. Die Studie empfiehlt zum Beispiel, von einem generellen Verbot von Solaranlagen in der Kernzone einer Ortschaft abzusehen. Sven Frauenfelder sieht allerdings zumindest im Kanton Zürich in dieser Hinsicht keine grossen Probleme. Die gesetzlichen Rahmenbedingungen seien bereits angepasst worden.
Ein grösseres Hindernis stelle die finanzielle Belastung für den Bauherrn dar, dies trotz Förderbeiträgen und Steuerabzügen. Frauenfelder: «Eine energetische Sanierung macht wirtschaftlich im Prinzip nur Sinn, wenn sie umfassend ist und im Rahmen einer ohnehin notwendigen Gebäudeerneuerung realisiert wird.» Allein durch die Energiekosteneinsparungen liessen sich solche umfassenden Gebäudeerneuerungen meist nicht amortisieren. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 15.10.2011, 07:40 Uhr
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17 Kommentare
Das grösste Problem und Hindernis zum Energiesparen ist das Steueramt: Wer heute sein Haus isoliert, der wird vom Steueramt bestraft, und zwar massiv, da der Eigenmietwert "angepasst" wird. Es lohnt sich heute finanziell gar nicht ein Ein/Mehrfamilien-Haus zu isolieren. Energiesparen ist immer noch etwas für Idealisten die vom Staat bestraft werden.
Und dies gilt auch für Fotovoltaik-Anlagen.
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Das klingt alles schön und gut, wenn da nicht die Gemeinden wären mit den man
wegen jeder Solarzelle oder Photovoltaik Anlage auf dem Dach regelrecht streiten muss, wegen
dem "Landschaftsbild" oder sonstigen spinnereien. Das ist alles nur oberflächliche häuchelei und
grosses Geschwätz. Förderbeiträge muss man rückwirkend sogar mit 20%!! versteuern, was einfach unglaublich ist!
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