Im Klimaschutz sind technische Notlösungen nicht mehr tabu

Der UNO-Weltklimarat (IPCC) will erstmals umfassend Methoden begutachten, die bewusst ins Klimasystem eingreifen. Umweltorganisationen warnen vor einem falschen Signal.

Fantastische Idee: Durch den Ausstoss von Wasserdampf entstehen Wolken, die Sonnenlicht ins All reflektieren.

Fantastische Idee: Durch den Ausstoss von Wasserdampf entstehen Wolken, die Sonnenlicht ins All reflektieren. Bild: PD

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Die Liste der besorgten Unterzeichner ist lang: In einem Brief an den Vorsteher des Weltklimarats (IPCC), Rajendra K. Pachauri äussern mehr als 120 weltweit tätige Umwelt- und Entwicklungsorganisationen ihre Bedenken, die Forschung könnte im Klimaschutz künftig Gefallen finden an grosstechnischen Notlösungen. Irritiert hat die Verfasser eine Expertentagung zu diesem Thema, die im peruanischen Lima Ende letzter Woche stattfand. Mit dieser Veranstaltung würde der IPCC bereits ein Signal geben, dass «Geo-Engineering künftig Platz habe im Portfolio möglicher Massnahmen gegen den Klimawandel».

Die öffentliche Debatte darüber lancierte vor fünf Jahren der Niederländer Paul Crutzen. Der Chemie-Nobelpreisträger war über die ausbleibenden Massnahmen gegen den Ausstoss der Treibhausgase frustriert. Er schlug eine aussergewöhnliche Untersuchung vor: Ob man mithilfe von Ballonen die Stratosphäre in 20 Kilometer Höhe mit Schwefel impfen könne. Schwefelpartikel reflektieren Sonnenlicht und kühlen damit die Erdoberfläche.

Weiss streichen kühlt die Erde

Crutzens Idee ist nur eine von vielen: Der amerikanische Astronom Roger Angel stellt sich beispielsweise eine Wolke aus winzigen Raumsonden im Weltraum vor, die einen Teil der Sonnenstrahlen ins All zurückwerfen. Überlegt werden landwirtschaftliche Eingriffe, wie zum Beispiel verstärkt Pflanzensorten anzubauen, die mehr Licht reflektieren. Einen einfacheren Weg schlägt Ali Akbar von der niederländischen Technischen Universität in Delft vor: Dächer, Strassen und Gehwege weiss anstreichen.

Andere Methoden, die Erderwärmung zu bremsen, haben zum Prinzip, das Treibhausgas CO2 der Atmosphäre zu entziehen oder nicht dorthin gelangen zu lassen. Schlagzeilen machte 2009 das Experiment des deutschen Alfred-Wegener-Instituts. Wissenschaftler düngten im Südatlantik einen Flecken von 300 Quadratkilometern mit Eisen, um das Planktonwachstum anzuregen. Die Mikroorganismen binden CO2 aus dem Oberflächenwasser und der Luft. Umweltaktivisten protestierten gegen dieses Unterfangen. Der Versuch wurde schliesslich gestattet, nachdem verschiedene unabhängige Gutachten das Experiment als unbedenklich taxierten. Ergebnisse zeigten später, dass Eisendüngung in nährstoffreichem Wasser nicht unbedingt zu Algenblüten führt und somit auch nicht zu einer entsprechend stärkeren CO2-Aufnahme.

Es mangelt an Wissen

Bei den meisten Ideen und Methoden fehlt allerdings ein breites Wissen über die Machbarkeit, die Stärke des Effekts, die Risiken und Folgen für die Umwelt und die Kosten. Zum Beispiel würde die Schwefel-Impfung der Atmosphäre zwar analog der Erfahrungen aus dem Ausbruch des philippinischen Vulkans Pinatubo im Jahr 1991 die Erdoberfläche abkühlen, aber vermutlich auch das Ozon in der Stratosphäre zerstören, welches die gefährlichen UV-B-Strahlen der Sonne filtert.

Eine Klärung will nun der IPCC erreichen, indem er in seinem für 2014 geplanten 5. Klima-Zustandsbericht die Methoden des Geo-Engineering beurteilen will. «Diese Ideen müssen so früh als möglich durch den IPCC-Prozess evaluiert werden», sagt Nicolas Gruber, Professor im Departement für Umweltwissenschaften an der ETH Zürich und Mitglied des Organisationskomitees für die Tagung in Lima. Die Diskussion darüber hat laut Gruber in der Forschung zugenommen, weil die politischen Erfolge in der globalen Klimapolitik sich nur langsam einstellen. Verschiedene Forscher machen sich deshalb Sorgen um die derzeitige Entwicklung. Georgina Mace vom Imperial College London zum Beispiel warnt in einem Brief in der britischen Zeitung «The Guardian», Geo-Engineering könnte in einer «ungeregelten Art und Weise» plötzlich Anwendung finden, falls die Treibhausgase nicht drastisch gesenkt würden. Das sei nicht primär eine wissenschaftliche Frage, sondern eine politische, betonen die Umwelt- und Entwicklungsorganisationen in ihrem Brief an den IPCC. Theoretisch, so die Meinung mancher Wissenschaftler, ist es durchaus möglich, dass ein Staat zum Beispiel die Atmosphäre mit Schwefelpartikel impfen will, weil es kostengünstiger ist, als Treibhausgase zu reduzieren. «Es gibt bisher keine politische Arbeitsgruppe mit Mandat der UNO, die sich mit dem Thema Geo-Engineering befasst», sagt Thomas Peter, Professor am Institut für Atmosphäre und Klima an der ETH Zürich.

Das Dilemma des Klimarats

Das internationale Klimaschutzrecht macht dazu keine spezifischen Vorgaben. Die UNO-Klimarahmenkonvention von 1992 verlangt hingegen Klimaschutzmassnahmen, die unter anderem vorsorglich wirken und für die nächsten Generationen ohne negativen Effekt sein müssen.

Hier beginnt für Thomas Peter von der ETH die ethische Diskussion, die den IPCC in der Frage des Geo-Engineering in ein Dilemma führen könnte: «Der Klimarat muss im nächsten Bericht ohne politische Wertung das Risiko eventueller Geo-Engineering-Massnahmen mit dem Risiko eines Klimawandels vergleichen, falls generell auf Geo-Engineering verzichtet und auf CO2-Reduzierung gesetzt würde.» Was ist, fragt Peter, wenn eine grosstechnische Lösung zwar die Welt retten könnte, aber gewisse Regionen benachteiligt wären?

CO2 Abscheiden und Speichern

Auch wenn der IPCC erst in seinem nächsten Bericht auf einzelne Geo-Engineering-Methoden eingeht, so werden verschiedene Massnahmen bereits auf politischer Ebene behandelt. Zum Beispiel haben die Vertragsstaaten des Kyoto-Protokolls beschlossen, die Abscheidung und Speicherung von CO2-Emissionen als eine Methode anzuerkennen, für die Emissionsgutschriften ausgestellt werden. Voraussetzung ist allerdings: Es ist im Einzelfall der Nachweis erbracht, dass die CO2-Speicherung etwa im Untergrund dauerhaft und ökologisch unbedenklich ist. Das Verfahren wäre vor allem bei Kohlekraftwerken sinnvoll, die grosse Tonnagen an CO2 ausstossen.

Die Diskussion um das umstrittene Geo-Engineering ist mit der IPCC-Tagung in Lima neu lanciert worden. «Die politische Debatte darüber hält uns allerdings davon ab, uns auf das wirklich Entscheidende zu fokussieren», sagt ETH-Umweltphysiker Nicolas Gruber. «Und das ist, mit allen Mitteln vorwärtszumachen, um die Treibhausgasemissionen zu reduzieren.» (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 29.06.2011, 21:37 Uhr)

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