Jeder Franken zählt

Crowdfunding hält in der Wissenschaft Einzug. Um Projekte zu finanzieren, setzen Wissenschaftler auf Methoden aus der Kunst: Sie wenden sich direkt an die Öffentlichkeit.

Sammeln für einen guten Roboter: Der Nachfolger dieses Roboters wird von der Öffentlichkeit finanziert.

Sammeln für einen guten Roboter: Der Nachfolger dieses Roboters wird von der Öffentlichkeit finanziert. Bild: PD

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Der Pharmakologe Ethan Perlstein von der Princeton University würde gerne ein Labor für Amphetamine einrichten, zu denen das Rauschmittel Methamphetamin gehört. Doch anders als der Chemielehrer und skrupellose Drogenbaron Walter White in der düsteren US-Fernsehserie «Breaking Bad» beabsichtigt Perlstein nicht, den Meth-Markt in New Jersey aufzumischen. Ihn interessiert vielmehr, wie Amphetamine im Gehirn wirken. Seine Vermutung ist, dass die Wirkstoffe nicht nur an Neuronen im Gehirn andocken, sondern die Struktur der Zellmembranen verändern.

Gute Idee, möchte man meinen, doch dem Forscher fehlt das Geld. Im September lief die Finanzierung für Perlsteins letztes Projekt aus. Die Aussicht, von den National Institutes of Health (NIH) neu finanziert zu werden, erscheinen ihm gering. 82 Prozent aller Anträge – rund 42'000 an der Zahl – hat die Institution letztes Jahr abgelehnt.

Ungewöhnliches Terrain

Deshalb wagt Ethan Perlstein ein Experiment, das den Wissenschaftler auf ungewöhnliches Terrain führt: Crowdfunding, Schwarmfinanzierung. Auf einer Website namens Rockethub.com wendet er sich an die Öffentlichkeit. 25'000 Dollar will der Forscher bis zum Sonntag für die erste Phase seines Projekts sammeln. Mithilfe von über 252 Spendern hat er bislang über zwei Drittel gesammelt. Wer besonders grosszügig spendet, darf Perlsteins Labor in Princeton besuchen.

Rockethub ist eine von einem guten Dutzend Internetplattformen in den USA und Grossbritannien, die Wissenschaftler neuerdings nutzen, um Geld für ihre Forschung einzutreiben. Sie heissen Petridish.org, Iamscientist.com oder Fundscience.org – und haben Millionen Dollar für die Mikrofinanzierung von Forschungsvorhaben eingesammelt.Kein Wunder, dass es bald auch in Deutschland eine Anlaufstelle für Wissenschaftler gibt: Am 21. November hat Sciencestarter.de seine Pforten geöffnet, ein Projekt der Initiative Wissenschaft im Dialog. «Wir wollen Wissenschaftlern nicht nur die Möglichkeit geben, kleinere Projekte zu finanzieren», sagt Projektleiter Thorsten Witt, «sondern auch, ihre Forschung der Öffentlichkeit gegenüber zu kommunizieren.»

In naher Zukunft soll die Plattform auch für Schweizer Forscher verfügbar sein. Erste Wissenschaftler sammeln bereits jetzt im Internet für ihr Projekt, etwa Rolf Pfeifer vom Labor für künstliche Intelligenz der Universität Zürich (siehe Box).

Namenspate einer Ameisenart

Die Idee haben die Wissenschaftler den Künstlern abgeschaut: Auf Onlineportalen wie Kickstarter werben Künstler, Tüftler und selbstberufene Visionäre seit Jahren dafür, ihre Einfälle finanziell zu verwirklichen. Da gab es über eine Million Dollar für die Entwicklung einer Uhr, die SMS und Twitterfeeds anzeigen kann, ebenso für das Projekt eines Popalbums.

Die Internetsites für Wissenschaftler können ebenfalls Erfolge vorweisen. So sammelte der Ökologe Brian Fisher von der California Academy of Sciences auf der Website Petridish im letzten Frühjahr über 10'000 Dollar für eine Expedition in die Tropenwälder Madagaskars ein. Als Dankeschön für einen Spender, der 5000 Dollar gab, will Fisher eine neue Ameisenart nach ihm benennen. Dass er die findet, ist nahezu garantiert – in Madagaskar hat er schon über 800 Arten entdeckt. «Wissenschaftler sind heute wie Unternehmer», sagt er. «Wir müssen Geld an den verschiedensten Orten finden.»

Kritische Fragen zur Direktfinanzierung

Die Betreiber dieser Plattformen müssen sich auch kritische Fragen gefallen lassen. Wie stellen sie sicher, dass die Projekte wissenschaftlichen Standards gerecht werden? Wie verhindert man, dass die Gelder nicht zufällig eine Skiausrüstung finanzieren? Die Lösungsansätze sind verschieden. The Open Source Science Project nutzt das klassische Peer-Review-Verfahren: Experten begutachten die Vorhaben vorneweg. Andere Projekte garantieren Seriosität durch institutionelle Anbindung. Cancer Research UK ist die weltweit grösste unabhängige Stiftung zur Krebsforschung – auf ihrer Seite kann man individuelle Projekte unterstützen. Sciencestarter wiederum prüft die Vorschläge individuell: «Im Zweifelsfall wenden wir uns an eines der mit uns assoziierten Forschungsinstitute», sagt Witt.

Ein Problem jedoch ist unübersehbar. Die direkte Finanzierung fördert zwangsläufig populäre Vorhaben. So entstammen kaum überraschend viele Projekte der Ökologie. Wer synthetische Polymere statt Pandas studiert, hat es schwerer, seine Schatulle zu füllen. Plattformen wie Sciencestarter hoffen dennoch, der Öffentlichkeit auch abwegigere Spezialgebiete schmackhaft zu machen. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 23.11.2012, 14:13 Uhr)

Crowdfunding in der Schweiz
Sammeln für einen guten Roboter

Im März 2013 feiert das Labor für künstliche Intelligenz der Uni Zürich seinen 25. Geburtstag. Darauf hin wollte Roboterwissenschaftler Rolf Pfeifer etwas Besonderes schaffen: den ersten humanoiden Soft-Roboter Roboy, eine Weiterentwicklung des berühmten Ecce-Roboters. Roboy wird sich fast so natürlich bewegen wie ein Mensch, denn er besteht nicht aus einem starren Gestänge, sondern hat Sehnen und Gelenke. Neu an Roboy ist auch das Finanzierungsmodell. Um den 1,3 Meter grossen Roboy in nur neun Monaten bauen zu können, setzt Pfeifer auf die Öffentlichkeit. 500'000 Franken will Pfeifer so sammeln, 275'125 Franken sind bis am 22. November zusammengekommen. Je nach Betrag gibt es eine Gegenleistung: Für 5000 Franken zum Beispiel kommt Roboy auf Besuch. (mma)

Artikel zum Thema

Die Vollendung von Wikipedia

Hintergrund Die Arbeit an der Online-Enzyklopädie sei weitgehend abgeschlossen, behauptet eine Studie. Wikipedia widerspricht. Mehr...

Die Suche nach den Megatrends

Je schneller sich die Gesellschaft verändert, umso lauter wird der Ruf nach Vorhersehbarkeit. Zukunftsforschung ist deshalb nicht nur relevant, sondern auch populär. Mehr...

Eigene Haut aus dem Labor

«Tissue Engineering» heisst ein Zauberwort in der Medizin: Aus Zellen von Patienten werden Gewebe oder ganze Organe gezüchtet. Ein neues Labor macht dies jetzt auch in Zürich möglich. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Weiterbildung

Kostenlose E-Books

Laden Sie in unserem Weiterbildungs-Channel kostenlos Ebooks herunter.

Werbung

Kommentare

Weiterbildung

Trainieren oder verlieren

Mit Gedächtnistrainings die Lernfähigkeit verbessern.

Die Welt in Bildern

Trauer: Donnapha Kladbupha weint während der Zeremonie zum Gedenken an den Geburtstag des verstorbenen thailändischen Königs Bhumibol Adulyadej (5. Dezember 2016).
(Bild: Rungroj Yongrit) Mehr...