Kunst kollidiert mit Kernphysik

Was passiert, wenn führende Wissenschaftler und namhafte Künstler drei Monate zusammenleben? Die Kulturfachfrau Ariane Koek verbindet die beiden Welten am Genfer Cern.

Versuch unter Kreisen: Julius von Bismarck. Quelle: Cern.


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Ariane Koek träumt von Ästhetik; einer «Ästhetik, die uns seit der Renaissance abhandengekommen ist, als Kunst und Wissenschaft noch gemeinsam unter dem Dach der Kultur lebten». Koeks Interesse am Schnittpunkt zwischen Kunst und Wissenschaft hat allerdings nichts mit Mode zu tun. Schon als Mädchen interessierte sie sich für Mathematik und Naturwissenschaften. «Mein Lehrer redete mir aber ein, dass ich in Mathematik eine Null sei. Deshalb wählte ich Chemie ab und studierte englische Literatur und Philosophie. Ich wurde trotzdem Klassenbeste in Mathematik.»

Heute ist Koek Kulturfachfrau am Europäischen Kernforschungszentrum (Cern) in Genf. Sie selber bezeichnet sich als «kreative Produzentin und Kuratorin». Eine Stelle, die es erst seit 2010 gibt. Koek hat sie sich quasi selbst geschaffen. Das erklärte Ziel: «Weltklassekünstler für Weltklassewissenschaftler». Konkret besuchen seit 2012 ausgewählte Künstler für einige Monate das Cern, damit sich die «naturgemäss kreativen Partner des 21. Jahrhunderts» gegen­seitig inspirieren können.

Lehrjahre bei der BBC

Eigentlich wollte die US-amerikanisch-niederländisch-englische Triplebürgerin Buchautorin werden. Sie begann mit Artikeln für Lokalzeitungen, doch dann konnte sie beim britischen Medienunternehmen BBC ein Praktikum absolvieren. 16 Jahre lang arbeitete Koek bei der BBC als Produzentin und Regisseurin für Radio und Fernsehen.

«Ich führte zahlreiche Gespräche mit Politikern, Künstlern und Wissenschaftlern», sagte die Kulturfachfrau. Früher flüsterte sie den Moderatoren in den Kopfhörer. Selbst braucht sie heute keine Einflüsterer, wenn sie locker zwischen dem jungen deutschen Videokünstler Julius von Bismarck und dem Teilchenphysiker James Wells sitzt. Der eine zeigt Videos, in denen er das Meer auspeitscht. Der andere doziert über den Unterschied zwischen Einstein-Masse und elementarer Masse.

Koek liebt es, «Grenzen zu sprengen und Risiken einzugehen». Als Regisseurin bei der BBC erstellte sie ein filmisches Porträt der Nato-Truppen im Kosovokrieg, berichtete über Atomwaffen und Tschernobyl. Schliesslich verliess sie die BBC, um als Geschäftsführerin eine Stiftung für kreatives Schreiben wieder auf Kurs zu bringen.

Sie hat den Job selbst entworfen

Für diese Leistungen wurde sie mit ­einem Stipendium der Clore-Duffield-Stiftung ausgezeichnet, das ihr ein Praktikum in einem Kunstmuseum wie dem Tate Modern ermöglicht hätte. Doch Koek lehnte Angebote von Kunstgalerien ab. Sie wollte aus vorgefertigten Schemen ausbrechen. Der rettende Einfall sei ihr auf dem Veloweg zur British Library gekommen, wo sie sich an einen Freund und Künstler erinnerte, der einmal das Cern besucht hatte.

Kaum zurück zu Hause, habe sie ein zwölfseitiges Arbeitsangebot geschrieben, wonach die Wissenschaft des 20. Jahrhunderts den Modernismus geprägt habe und das Cern die Kultur des 21. Jahrhunderts beeinflussen werde. Sie wollte die Machbarkeit eines Programms für Künstlerresidenzen prüfen. In Genf akzeptierte man sofort, und Koek entwarf ein Programm. «Es gefiel ihnen, und sie wollten, dass ich die ­Leitung übernehme.» Das Programm Collide@Cern war geboren.

Der erste Künstler im Cern: Julius von Bismarck. Quelle: Cern.

Jetzt, vier Jahre später, navigiert die Kulturfachfrau sicher durch Gänge des Cern. «Typische 50er-Jahre-Architektur», sagt sie beinahe entschuldigend. Hinter ihrem unbekümmerten Auftritt und Lachen steckt ein grosses Selbstbewusstsein. Provokative Fragen benutzt sie als Sprungbrett für eigene Botschaften. Koek versteht es, Leute zu begeistern. Nebenbei berät sie das Migros-Kulturprozent und die Europäische Kommission. Sie sitzt im Beirat eines Künstlerradiosenders und ist eine gern gesehene Rednerin, wenn es um Kunst und Wissenschaft geht.

«Die Idee hinter Collide@Cern ist, buchstäblich kreative Kollisionen zwischen Künstlern und Wissenschaftlern zu provozieren. Wir lassen die zwei Welten absichtlich aufeinanderprallen, um zu sehen, was dabei herauskommt», erklärt Koek ihr Programm. Die Kuratorin vermittelt dabei jeweils die «Inspirationspartner». Für von Bismarck organisierte sie sogar drei Monate lang jeden Tag eine Überraschung: vom Besuch des Wasserturms bis zum Gespräch über dunkle Energie.

«Total inspiriert und aufgeregt»

Zwei Künstler werden jeweils ausgewählt, drei Monate am Cern zu verbringen. Einer mit einer Verbindung zum Standortkanton Genf. Der andere wird an einem internationalen Festival für Kunst, Technologie und Gesellschaft bestimmt. Beide müssen ein Selektions­verfahren durchlaufen. Das ist Konzept. Weltklasse eben. «Die Künstler verdienen es, genauso ausgewählt zu werden wie die Wissenschaftler», betont die ­Kuratorin.

Resultate verlangt sie nicht: «Ich provoziere absichtlich. Die Betonung liegt auf dem Prozess und dem Austausch. Unsere Gesellschaft hat das Vertrauen in den kreativen Prozess verloren.» Einen Projektvorschlag braucht es trotzdem. Die kreative Freiheit bleibt ein Ideal – in der Kunst wie in der Wissenschaft.

Die Künstler seien «total inspiriert und total aufgeregt». So war der Genfer Choreograf Gilles Jobin, der wie von Bismarck 2012 am Cern weilte, fasziniert davon, dass die Gravitation die schwächste Kraft sei. Er will nun die Tanztheorie überdenken. Genauso habe auch die Heisenbergsche Unschärferelation unsere Auffassung von Subjektivität verändert und damit vom Kubismus bis zur Literatur von James Joyce die Kunst beeinflusst. Aus Jobins Aufenthalt ist das Stück «Quantum» entstanden, mit dem seine Tanztruppe zum 60-Jahr-Jubiläums des Cern um die ganze Welt tourt.

Spider Galaxies: Choreographie von Gilles Jobin. Quelle: Cern.

Was die Forscher daraus lernen

Auch die Wissenschaftler erhalten durch die Kollision neue Weltsichten, können ihre Kommunikationsfähigkeiten verbessern und erhalten eine Abwechslung ihres Alltags. Obwohl es natürlich unmöglich sei, zu sagen, welcher Anteil einer neuen Theorie durch eine Tanzdarbietung oder eine Entführung in ein dunkles Zimmer im Untergrund entstehe.

Koek ist es wichtig, dass Kunst nicht von der Wissenschaft als Kommunika­tionsinstrument missbraucht wird. Schwarze Löcher zu zeichnen oder zu tanzen, sei billige Werbung. Beide Partner sollten neues Wissen produzieren. Gibt es denn keinen Unterschied zwischen subjektiver Kunst und objektiver Wissenschaft? «Ja! Ist es nicht wunderschön, dass es verschiedene Arten von Wissen gibt?»

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 26.09.2014, 19:51 Uhr)

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«Die Künstler verdienen es, genauso ausgewählt zu werden wie die Forscher»: Ariane Koek, Cern-Kulturfachfrau.


60 Jahre Cern

Genfer Volk entschied einst über das Europäische Forschungszentrum

Am 29. September 1954 ratifizierten mit Frankreich und Deutschland die letzten der 12 Gründerstaaten die Konvention des Conseil Européen pour la Recherche Nucléaire (Europäischer Nuklearforschungsrat, Abk.: Cern) zur Gründung des Europäischen Kernforschungszentrums – damit war das Cern gegründet. Auch die Schweiz gehörte zu den Gründerstaaten. Dieses Jahr feiert das mittlerweile grösste Teilchenphysik-Labor der Welt seinen 60. Geburtstag, am Montag findet in Genf eine Jubiläumsveranstaltung statt.

Das Cern war die europäische Antwort auf die grossen Forschungskooperationen in Amerika und hatte die friedliche Erkundung der Atome zum Ziel. Genf als Standort wurde bereits 1952 auf der dritten Sitzung des Cern-Rates bestimmt. Der Spatenstich in Meyrin erfolgte am 17. März 1954 – notabene erst nach einem Referendum im Kanton Genf. Heute arbeiten 2500 Mitarbeiter und über 10 000 Gastwissenschaftler ständig oder teilweise am Cern und erforschen die Grundlagen der Materie.(mma)

Tanz in unerwartetem Umfeld: Gilles Jobin erforschte 2012 bei seinem Gastaufenthalt Choreografien in der Cern-Bibliothek. Szene aus «Strangels Intervention». Foto: © Cern

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