Mit Roboterbeinen wieder gehen und stehen

Im Paraplegiker-Zentrum in Nottwil wird erstmals in der Schweiz getestet, was der Einsatz von motorisierten Aussenskeletten den querschnittgelähmten Patienten bringt.

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Astrid Hörtner ist kein Science-Fiction-Fan. Dass sie dereinst in einem bionischen Anzug durch die Turnhalle stapfen würde, nein, das hätte sie nie gedacht. Bei jedem Schritt machen die Servomotoren leise Geräusche, rrrämmrrrämm, rrrämmrrrämm, auf Knopfdruck drehen sich die Beine oder knicken ein, um die Frau hinzusetzen. 330 Schritte geht die Mensch-Maschine heute. Die Batterie könnte noch länger. Aber Astrid Hörtner ist erschöpft. Das letzte Mal ist sie vor einem halben Jahr zu Fuss gegangen. Das war im Leben vor dem Unfall.

Im Paraplegiker-Zentrum Nottwil (SPZ) wird erstmals in einem Schweizer Rehabilitationszentrum ein Gehroboter getestet. Das 25 Kilo schwere Gestell wird wie ein zweites Skelett an den Körper geschnallt, mithilfe von starken Motoren hält es einen Menschen aufrecht und bewegt dessen Beine. Zurzeit lernen die Therapeuten zusammen mit Testpatienten, wie man den Ekso-Bionics-Roboter anzieht, einstellt und bedient. Ab Januar beginnt dann eine zweijährige internationale Studie, in der evaluiert wird, wie sich das Gehen auf den Körper von querschnittgelähmten Patienten auswirkt. «Wir untersuchen unter anderem den Effekt auf die Blasen- und Darmfunktion, den Kreislauf und die Lebensqualität», sagt Michael Baumberger, der Chefarzt der Rehabilitation am SPZ. Insgesamt werden 60 Patienten aus unterschiedlichen europäischen Kliniken an der Untersuchung teilnehmen.

Vom Militär entwickelt

Der Roboter wurde ursprünglich im Auftrag der Darpa entwickelt, der amerikanischen Militärforschungsbehörde, die auch das Internet, GPS und die Tarnkappentechnologie erfunden hat. Dank dem sogenannten Exoskelett, das den Körper verstärkt, sollten die Soldaten der Zukunft mehr Gewicht heben und länger gehen können. Mehrere Firmen haben das Konzept aufgegriffen und auf die Bedürfnisse von Gelähmten angepasst. «Egal, ob sie mit Freunden an einer Grillparty stehen, an der Werkbank arbeiten oder kochen möchten, der Roboter macht es möglich», heisst es etwa in der Werbung für das Konkurrenzmodell Rex Personal. Auf den Webseiten der Anbieter sind lauter glückliche Gesichter aufrecht stehender Menschen zu sehen.

Doch eines wird schnell klar, wenn man Astrid Hörtner bei ihrem sechsten Übungsspaziergang in der Turnhalle des Paraplegiker-Zentrums sieht: Das Gehen mit den Roboterbeinen ist alles andere als einfach. Ausser den Geräuschen des Roboters ist es ganz still in der Halle, die Patientin möchte nicht sprechen und blickt konzentriert zu Boden. Ab und zu wankt sie, worauf der Therapeut die Frau zur Sicherheit an zwei Griffen am Rücken festhält. Würde sie aus dem Gleichgewicht geraten, fiele sie um und bliebe hilflos liegen.

Der Ekso-Bionics-Roboter könnte im vollautomatischen Modus ganz allein durch die Halle gehen. Fortgeschrittene wie Frau Hörtner lösen die Schritte mit einer Gewichtsverlagerung nach links oder rechts aus. «Es ist faszinierend, wieder einmal Schritte zu machen, auch wenn es nicht die eigenen sind», sagt Hörtner nach der Trainingssequenz. Das Halten des Gleichgewichts mit Krücken sei aber extrem anstrengend.

Die Experten sind sich einig, dass die unterschiedlichen Gehroboter noch nicht alltagstauglich sind: zu schwer, zu langsam, zu umständlich. In Nottwil sieht man das 100 000-Franken-Gerät als Therapieinstrument. Durch das dauernde Sitzen haben Paraplegiker Probleme mit dem Kreislauf und der Verdauung, sie leiden vermehrt an Osteoporose und Diabetes. Die geplante Studie soll zeigen, ob das regelmässige Gehen mit den motorisierten Beinen anderen Therapieformen überlegen ist.

Der Rollstuhl ist schneller

Dass Querschnittgelähmte mit Hilfsmitteln gehen können, ist nichts Neues. Erwin Zemp, Bereichsleiter Lebensberatung der Schweizer Paraplegiker-Vereinigung, sitzt seit 38 Jahren im Rollstuhl und erzählt, dass er sich früher mit Schienen an den Beinen und Krücken bewegen konnte: «Ich war ziemlich gut, konnte sogar allein vom Boden aufstehen und mich fortbewegen, indem ich die Beine nach vorne schwang.» Doch irgendwann warf er die Schienen in die Ecke: Mit dem Rollstuhl war er einfach schneller. Wie für alle Langzeitgelähmten sei der Gehroboter für ihn nun zu gefährlich, weil seine Muskeln, Sehnen und Gelenke in den vielen Jahren des Sitzens schwach und zerbrechlich geworden sind.

Astrid Hörtner und Erwin Zemp vergleichen den Gehroboter mit den Computern der 80er-Jahre und hoffen, dass jetzt der grosse Entwicklungssprung kommt. Irgendwann werde es Jeans für Gelähmte geben, die man einfach überstreifen und mit deren Hilfe man wieder gehen könne. Bei diesem Traum geht es nicht unbedingt um die schnelle Fortbewegung, sondern um das Untertauchen in der Masse. Wieder auf Augenhöhe mit anderen sprechen können, ungezwungen Freunde umarmen oder auf dem Familienbild in der hinteren Reihe stehen – diese Hoffnung liegt auf dem schwarzen Ungetüm, das summend und piepsend durch die Turnhalle wankt.

Speziell fürs Familienfoto

Manche Experten ärgern sich, dass überhaupt an Gehrobotern geforscht wird. Es gebe dringendere Probleme im Lebensalltag von Querschnittgelähmten als die Fortbewegung, zum Beispiel die Darmentleerung. Astrid Hörtner ist nicht dieser Meinung. Sie ist nach einem Unfall vor einem halben Jahr vom fünften Brustwirbel an abwärts gelähmt und ringt damit, als Mensch in der Gesellschaft sichtbar zu bleiben. «Es tut mir einfach gut, ab und zu wieder meine wahre Grösse zu erleben und den Leuten nicht immer wie ein Kind auf den Bauchnabel oder den Hintern blicken zu müssen» sagt die 50-Jährige.

Ein eigenes Gerät würde Hörtner jedoch nicht anschaffen. «Ich würde mir höchstens ab und zu eines ausleihen wollen, damit ich auf den Familienfotos auch stehend zu sehen bin.» Ein stehender Mensch wirkt anders als ein Mensch im Rollstuhl. Dies erlebte auch Astrid Hörtner, als sie ihren Freunden die Filmchen zeigte, in denen sie im Roboteranzug ihre ersten künstlichen Schritte machte. «Einige haben geweint vor Freude, als sie mich wieder laufen sahen.»

Die Ärzte und Therapeuten warnen vor zu grossen Hoffnungen. Gleichzeitig sagen sie, dass die technologische Entwicklung rasend schnell vorwärtsgehe, die Geräte werden von Jahr zu Jahr anwenderfreundlicher, es gibt bereits Roboterbeine, die man mit Hirnströmen steuern kann. Aus medizinischer Sicht könnten die motorisierten Beinschienen vor allem in Kombination mit neuen Behandlungsmethoden wie der Stammzellentherapie wertvoll sein: Während die Nervenzellen regenerieren und das Rückenmark heilt, könnte dank dem Roboter die Gehbewegung neu gelernt werden. Michael Baumberger ist auf jeden Fall überzeugt: «Gehroboter als Ergänzung zum Rollstuhl werden in naher Zukunft im Alltag eingesetzt werden.»

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 02.09.2014, 22:52 Uhr)

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Akustische Signale geben an, ob der Bewegungsablauf eines Schrittes fertig ausgeführt ist. (Video: Simone Schmid)

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