Mit U-Drohnen auf Minenjagd

Die Nato testet im Mittelmeer den Einsatz von Unterwasser-Drohnen zum Aufspüren gefährlicher Seeminen. Diese Teams sind schnell – sie müssen allerdings noch intelligenter werden.

Ein Kran hebt die 550 Kilogramm schwere Suchdrohne Muscle ins Wasser. Fotos: Frank Krull

Ein Kran hebt die 550 Kilogramm schwere Suchdrohne Muscle ins Wasser. Fotos: Frank Krull

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43° 04’ 47,3” Nord, 6° 09’ 20,6” Ost. Francesca Nacini wartet schon am Treffpunkt am Hafen von Hyères. Sie ist Pressesprecherin des Nato Centre for Maritime Research and Experimentation (CMRE). Gerade macht das Beiboot fest, mit dem es rausgeht zur Alliance, dem Stolz des CMRE: Sie ist weltweit eines der grössten Forschungsschiffe, mit Platz für 44 Mann Besatzung und 25 Wissenschaftler. Mittschiffs türmt sich über dem Arbeitsdeck ein dreistöckiges Deckhaus, obenauf die Brücke und Schornsteine mit der Kompassrose der Nato. Zwischen Antennen und Radar weht die Flagge der italienischen Marine; von 1988, als die Alliance in Dienst gestellt wurde, bis 2015 war es eine deutsche.

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Was die Alliance zu einem besonderen Forschungsschiff macht, sind die auf Gummi gelagerten Motoren und die mit Schallschutz ausgekleideten Bordwände. Dadurch ist sie weltweit eines der leisesten Motorschiffe. Für die Arbeit des CMRE ist das ausschlag­gebend. Das Forschungszentrum, dessen Hauptsitz im italienischen La Spezia liegt, hat den Auftrag, die Kommunikation und Ortung mit Wasserschall zu erforschen und für Nutzungen zu erschliessen. Dafür müssen immer wieder neue Techniken für die Minensuche, die U-Boot-Jagd oder den Hafenschutz auf See getestet werden. Das geht nur bei absoluter Ruhe.

Ein Verbindungsoffizier der US Navy heisst uns willkommen. Viel Zeit, um das Gepäck auf die Kammer zu bringen, lässt er uns nicht. Im Hauptlabor steht die abendliche Lagebesprechung an. In dem mit Rechnern und Kabeln übervollen Raum warten schon mehrere Wissenschaftler, um das morgige Programm durchzugehen. Viele tragen ein T-Shirt mit dem Schriftzug «Team Muscle». «Die Muscle ist unsere Spitzendrohne für die Minensuche», sagt Nacini. «Sie kann in einer Stunde mehr als einen Quadratkilometer Grund mit ihrem Sonar abtasten und dabei wenige Zentimeter grosse Strukturen erkennen.»

Billig und gefährlich

Comandante Giuseppe Rizzi, der Kapitän der Alliance, muss das Programm nochmals ändern. Eine Kommunikationsboje ist noch auf See. Morgen soll sie geborgen werden. Das passt den Wissenschaftlern gut ins Programm: Sie haben für morgen Versuche geplant, in denen sie mehrere neue Methoden für die Minensuche mit Drohnen­teams testen wollen. Die französische Marine hat hierfür eigens in einem Testgebiet vor Hyères Minenattrappen auf dem Meeresboden versteckt.

«Drohnenteams werden die Minen­suche stark beschleunigen», sagt Saman­tha Dugelay. Sie leitet bei dieser Fahrt der Alliance die Versuche. Mit autonomen Drohnen sei die Minensuche zwar schon jetzt schneller als mit Schiffen. Der Zeitaufwand bleibe aber enorm. Die Drohnen könnten nur nacheinander eingesetzt werden, weil sie sich sonst ins Gehege kommen. Ein Team, bestehend aus einer Muscle, die Minen sucht, und kleineren Drohnen, die gleichzeitig die Minentypen bestimmen, wäre ideal, sagt Dugelay. «Das würde Minensucheinsätze erheblich verkürzen.»

Das Hauptlabor: Wissenschaftliches Herzstück der Alliance.

Bevor Drohnenteams echte Einsätze fahren können, müssen aber noch technische Hürden genommen werden. Das gilt weniger für die schon gut ausgereifte Suchtechnik. Der grösste Entwicklungsbedarf besteht bei der Intelligenz und Kommunikationsfähigkeit der Drohnen. Hier gibt es noch viel zu tun, damit sie nicht nur ihre Beobachtun­gen in vollem Umfang selbst auswerten können, sondern auch in der Lage sind, sich auszutauschen und gemeinsam Entscheidungen zu treffen. Bei den morgigen Versuchen sollen deshalb genau hierfür neu entwickelte Elektronik- und Softwarekomponenten getestet werden.

«Seeminen werden bis heute als Sperrwaffen eingesetzt», begründet Dugelay den Entwicklungsdrang der Nato. «Sie kosten wenig und lassen sich schnell grossflächig ausbringen.» Die Verminung der kuwaitischen Küste im zweiten Golfkrieg ist ein Beispiel dafür. 1990 hatte der Irak Kuwait überfallen und vor dessen Küste ein Gebiet vermint, das so gross ist wie das Tessin. Er wollte verhindern, dass das von den USA zur Befreiung Kuwaits gebildete Militärbündnis anlandet. Zwei Drittel der Minen konnte nach dem Krieg zwar mithilfe von irakischen Skizzen rasch geräumt werden. Die Räumung des Rests dauerte aber noch Monate.

Stille Wucht: Die Alliance ist eines der grössten – und leisesten – Forschungsschiffe.

Bei Tagesanbruch wird die Muscle startklar gemacht. Die Abkürzung steht übrigens für «Minenjagendes unbemanntes Unterwasservehikel für geheime Küstenoperationen in untiefen Gewässern». Die Alliance hat das Test­gebiet in der Nacht angefahren. Ein grosser Kran hebt den 550 Kilogramm schweren Prototyp ins Wasser. Kurz dümpelt die Muscle noch neben der Bordwand, dann gibt der Propeller Schub. Die nächsten Stunden wird die Drohne nun in langen Schleifen über dem Meeresboden kurven und nach Minen suchen. Im Hauptlabor kann man die Bahn auf einem Grossbildschirm mit Seekarte verfolgen. Dort ruckelt das Symbol der Muscle langsam durch das Testgebiet. Ein erster Minenalarm ist auch schon eingetragen. Nun soll eine der kleineren, 45 Kilo leichten Drohnen klären, ob der Alarm berechtigt ist. Für sie ist es weniger gefährlich, sehr nah an eine Mine heranzutauchen. Ihre Instrumente können dadurch mehr Details erkennen und den Minentyp bestimmen.

Die Wissenschaftler schwitzen

Zuerst muss die Alliance aber noch die zurückgelassene Boje an Bord holen. «Wir lassen unsere Kommunikations­bojen ungern lange allein draussen», sagt Samantha Dugelay. «Sie sind extrem wichtig für unsere Versuche. Über Wasser können wir die Drohnen mit Funk erreichen. Wenn sie tauchen, brauchen wir aber zusätzlich noch eine Wasserschallverbindung und die Boje als Schnittstelle.»

Leichtgewicht: Forscher wassern eine der kleineren Drohnen.

Das Deckhaus riecht nach Mittag­essen. «Spezzatino», sagt Francesca Nacini, ein Eintopf also steht auf dem Speiseplan. Die Boje ruht derweil schon auf dem Vorschiff. Zwei Techniker sichern sie gerade. «Wären heute Versuche angesetzt gewesen, bei denen die kleinen Drohnen von Anfang an mit im Wasser sein müssen, hätten wir die Boje kaum nebenbei holen können», sagt Nacini. «Wenn nur einzelne Komponenten getestet werden, ist das kein Problem. Dann können wir die kleinen Drohnen ganz herkömmlich mit den Beobachtungen der Muscle füttern und im Beiboot rausbringen.»

Kurz dümpelt die Muscle noch, dann gibt der ­Propeller Schub.

Nacini braucht noch Filmmaterial für ihr Pressearchiv, ein paar Einstellungen von der Arbeit im Beiboot, Szenen mit Atmosphäre. Lange muss sie nicht warten. Die Wissenschaftler im Bug schwitzen schon bald über ihrer Drohne. Es sind Gäste der Heriot-Watt University in Edinburgh. Der Propeller macht ihnen Probleme. Dreimal muss die Drohne rein und raus. Endlich springt der Propeller an. Einmal schwenkt Nacinis ­Kamera noch über die Landzunge vor Hyères. Am Steuerstand quäkt jetzt der Funk. Die Alliance meldet, dass unten tatsächlich eine Minenattrappe liegt.

Im Hauptlabor harrt Dugelay weiter vor dem Grossbildschirm. Zwar hat die Muscle ihre Suche beendet. Bis die kleinen Drohnen fertig sind, wird es aber noch dauern. Dugelay ist zufrieden mit dem Versuchsverlauf. Alle Drohnen haben reichlich Daten geliefert. Ob die getesteten Komponenten die Erwartungen erfüllen, kann sie noch nicht sagen. Die Auswertung der Daten wird in einigen Stunden abgeschlossen sein. Derweil naht schon der Abschied: Das Beiboot für die Rückfahrt nach Hyères wartet schon mit laufendem Diesel.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 25.01.2017, 23:38 Uhr

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